Ehrenamtlichen Hospizbegleitdienst in Erfurt mit aufgebaut

Durch Vertrauen belohnt

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Beratungsgespräch
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Foto: Ruprecht Stempell/Malteser

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Dasein, zuhören, mit aushalten, das gehört zu den Aufgaben ehrenamtlicher Hospizbegleiter der Malteser.

Ursula Neumann hat vor 30 Jahren den ehrenamtlichen Hospizbegleitdienst der Malteser in Erfurt mit aufgebaut. Dieses Angebot gehörte zu den ersten des Hilfsdienstes in Thüringen.

„Menschen auf ihrem letzten Lebensweg zu begleiten, ist ein Geschenk“, sagt Ursula Neumann. „Oft darf man dabei an der Lebensgeschichte, am Wohl und Wehe anderer Menschen teilhaben. Aber natürlich ist die Begleitung auch nicht immer ganz einfach.“
BeratungSie ist seit vielen Jahren mit dem Ambulanten Hospizdienst der Malteser in Erfurt verbunden. Ja, sie hat diesen Dienst vor 30 Jahren als einen der ersten Bereiche des Malteser-Engagements in der Thüringer Landeshauptstadt selbst mit aufgebaut. So begehen die Malteser 2023 mit ihrem 30 Jahre währenden Einsatz in Erfurt zugleich das 30-jährige Bestehen des ehrenamtlichen ambulanten Hospizdienstes.
Beeindruckend in diesem Dienst sei für sie immer „das große Vertrauen“ gewesen, dass Menschen ihr entgegengebracht hätten, sagt die heute 77-jährige Neumann. Ein älterer Herr habe ihr zum Beispiel erzählt, dass er im Krieg auf andere geschossen habe. „Offensichtlich hatte er in vielen Jahren darüber nie gesprochen und wollte seine Last noch ein Stück loswerden.“
Sie habe erlebt, dass „Menschen sehr, sehr auf ihrem letzten Lebensabschnitt gelitten haben, und das es schon viel Kraft erfordern kann, jemandem das letzte Stück Lebensweg wenigstens etwas zu erleichtern“. Manchmal habe sie auch amüsante Begegnungen gehabt, sagt Neumann. So habe ihr mal ein Herr auf dem Sterbebett von seinen Seitensprüngen erzählt.
„Die Liebe endet nicht“, sei für sie und ihren Dienst ein wichtiger Gedanke geworden, so die evangelische Christin. „Irgendwo ist im Menschen ein Gefühl da, das sagt: Nimm mich an die Hand“. Als Hospizbegleiterin könne man da anbieten: „Ich kann ein Stück Weg mit dir gehen.“

Da sein, Zeit haben, aushalten

Dabei übernehme man keinerlei Pflegetätigkeit, betont Ursula Neumann. „Es geht darum, da zu sein, Zeit zu haben, vielleicht mit dem Sterbenden Bilder anzuschauen, ihm die Zeitung vorzulesen, eine kleine Spazierrunde zu drehen, vielleicht Musik zu hören oder einfach nur zu schweigen und auszuhalten.“ Das würden viele Sterbende gern annehmen. Aber es gebe auch Menschen, „die sich selbst genügen, auf entsprechende Angebote kaum eingehen, keine Notiz davon nehmen“, so Neumann. Da bleibe dann nur übrig, sich zurückzuziehen, sagt Ursula Neumann.
„Wenn man öfter am Bett eines Schwerstkranken sitzt, relativiert sich einiges“, sagt Neumann. „Man muss lernen hinzunehmen, dass alles sterben muss, auch der Mensch. Die Prioritäten im Leben verschieben sich, manches wird unwichtiger. Krankheit und Sterben gehören zum Leben. Das habe ich begriffen. Aber ich kann durchaus auch feiern.“
Ursula Neumann wechselte 1992 mit Anfang 40 ihren Beruf und wurde Krankenschwester – und damit verbunden auch sehr bald ehrenamtliche Hospizbegleiterin. „Es waren damals Krankenschwestern, die spürten: Schwerstkranke Patienten brauchen Begleitung zusätzlich und außerhalb der medizinischen Versorgung“, sagt Neumann. Am Anfang habe sich ihre Familie auf ihr Engagement einlassen müssen, daraus sei aber ein Mittragen geworden. Seit inzwischen 15 Jahren sei sie nun Referentin in den Ausbildungsbereichen Hospizbegleitung, Palliativ-Care und Trauerbegleitung, meistens unter dem Dach der Malteser.

Ursula Neumann
Ursula Neumann

Die angehenden Hospizbegleiter würden über ein Dreivierteljahr hinweg in verschiedenen Ausbildungsmodulen und einer Praxisphase an ihre Aufgabe herangeführt, sagt Neumann. Wichtige Aspekte des Dienstes wie Bleiben, Wahrnehmen, Zuhören, Mitgehen, Loslassen, Aufstehen, Weitergehen stehen im Mittelpunkt. In der Ausbildung gehe es auch darum, die eigene Motivation zu klären, sagt Neumann. „Es kommt auch vor, dass angehende Ehrenamtliche sich nach der einführenden Ausbildung gegen einen solchen Dienst entscheiden.“ Die Ehrenamtlichen seien fast alle Frauen, auch Nichtchristinnen sind dabei. Eine Frau, die skeptisch war, ob sie in den christlichen Kontext der Malteser passt, habe ihr am Ende der Ausbildung gesagt: „Wenn das alles christlich ist, bin ich christlich.“ Und sei dabeigeblieben.

Große Akzeptanz gegenüber Hospizarbeit

Alle Ehrenamtlichen seien verpflichtet, etwa aller sechs Wochen an einer Supervision teilzunehmen, erzählt Neumann. Zudem würden die Ehrenamtlichen etwa zu Gruppenabenden und Buchlesungen eingeladen. „Wir suchen ständig weitere Ehrenamtliche. Alle Interessierten sind eingeladen, uns kennenzulernen“, so die Malteser-Diözesanbeauftragte für soziales Engagement.
Anstrengend empfindet Neumann die mit der Arbeit verbundene Bürokratie. Die konkrete Begleitung werde da schwierig, wo Angehörige nicht wollen, was der Patient schriftlich verfügt hat. Oder wenn Patientenverfügungen nicht akkurat genug ausgestellt seien und deshalb nicht berücksichtigt werden, so die langjährige Hospizbegleiterin.
Hospizarbeit leisten die Malteser neben Erfurt auch in Arnstadt, Bad Langensalza und Mühlhausen. In Erfurt begleiten sie zudem schwerstkranke Kinder und Jugendliche. In den zurückliegenden Jahrzehnten habe die Hospizarbeit eine immer größere Akzeptanz gefunden, sagt Neumann. „Hausärzte rufen ganz selbstverständlich bei unserer Koordinatorin an. Die kostenfreie Hospizbetreuung gehört – wenn auch noch nicht flächendeckend – zur sozialen Versorgung in unseren Breiten.“ Das sei erfreulich zu wissen, anlässlich von 30 Jahren Engagement der Malteser in Thüringen.

www.malteser-erfurt.de

Eckhard Pohl