Die tridentinische Liturgie in der katholischen Kirche
„Wir vereinen, was Babel getrennt hat“
Fotos: Vinzent Antal
Irgendetwas ist anders – beim Blick in den Altarraum von St. Gabriel in Leipzig-Wiederitzsch fällt auf, dass der Altar verändert aussieht. Die Kerzen stehen an anderen Stellen, ungewohnte Altartafeln, auf denen liturgische Gebete und Texte stehen, sind zu sehen. Im Kirchenschiff tragen einige Frauen Gebetsschleier. Als die heilige Messe beginnt, ist endgültig klar, dass es kein üblicher Sonntagsgottesdienst ist. Pfarrer Thomas Mandler feiert die außerordentliche Form des römischen Ritus, auch bekannt als Vetus Ordo (alte Ordnung), Tridentinische oder Alte Messe.
Es ist eine Messe auf Latein nach dem „Missale Romanum“, dem Römischen Messbuch von 1962, in Kraft gesetzt von Papst Johannes XXIII.. Lesung und Evangelium werden auf Latein und Deutsch verkündet. Der Priester steht überwiegend mit dem Rücken zur Gemeinde, um eine gemeinsame Gebetsrichtung zu haben. Die Struktur entspricht größtenteils der Liturgie, dem Novus Ordo, wie er seit dem 2. Vatikanischen Konzil in der katholischen Kirche überwiegend gefeiert wird.
Warum besuchen Gläubige den Alten Ritus? Eine Antwort ist nach den lateinischen Messen in Leipzig, Görlitz, Fretterode (Gemeinde im Eichsfeld), Potsdam und Berlin so oder so ähnlich immer wieder zu hören: „Ich genieße die Ruhe und komme so besser bei Gott an.“ Ein 41-jähriger Familienvater, der mit Frau und drei Töchtern eine knappe Stunde gefahren ist, um zum Vetus Ordo in Görlitz zu kommen, erklärt seine Wertschätzung für diese Liturgie: „Die stille Verehrung lenkt den Fokus weg von menschlicher Unterhaltung oder Selbstdarstellung hin zum Kern des Glaubens: zu Jesus Christus in der Eucharistie.“
Viele Sprachen werden zu einer
Die Internationalität der Gläubigen fällt bei vielen der Tridentinischen Messen – egal, wo sie gefeiert werden – auf. Jan Franta, Priester einer tschechischen Diözese, feiert den Vetus Ordo einmal pro Monat in Görlitz. Er freut sich über die wachsende Zahl der Gläubigen, die die heiligen Messen mitfeiern. Meist sind mindestens drei Nationen vertreten. „Im außerordentlichen Ritus vereinen wir, was Babel getrennt hat“, sagt Franta. „Egal, welche Sprache wir sprechen, woher wir kommen – hier können wir gemeinsam Gottesdienst feiern. Alle antworten mit einer Stimme auf Latein.“
Damit spricht er auch einen oft geäußerten Kritikpunkt am Alten Ritus an: die mangelnde Beteiligung der Gemeinde. „Es wird fälschlicherweise oft geglaubt, dass die Gläubigen völlig passiv sind“, sagt eine junge Frau in Berlin. „Dabei sind wir als Gemeinde ein aktiver Teil des Ritus. Wir antworten dem Priester ebenso wie im Neuen Ritus, aber eben nicht auf Deutsch.“
Hürden abbauen
Pfarrer Falk Weckner hat die Erlaubnis, im Bistum Erfurt in kleinem Kreis im außerordentlichen Ritus zu zelebrieren. Er ist sich der Kritik der fehlenden Beteiligung bewusst und hat einen Weg gefunden, die Gemeinde ganz sichtbar einzubeziehen. Während er am Altar leise die Lesung auf Latein liest, trägt eine Lektorin die deutsche Übersetzung vor. „Das erleichtert den Gläubigen, die erstmals dabei sind, sich zu Hause zu fühlen“, erklärt Pfarrer Weckner.
Abgesehen von Sprache und Zelebrationsrichtung gibt es weitere Unterschiede zwischen den Riten. Da das alte Messbuch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstand, hat es eine andere Leseordnung der biblischen Texte, einen anderen liturgischen Kalender. Im Neuen Ritus ist der 13. September beispielsweise der 24. Sonntag im Jahreskreis, im Alten Ritus wird der 16. Sonntag nach Pfingsten gefeiert. Daher gibt Pfarrer Weckner vor jedem Gottesdienst eine kurze Einführung in die Alte Messe. Außerdem liegen in der Kirche – wie in allen Kirchen, in denen der außerordentliche Ritus gefeiert wird – Messordnungen, kleine Messbücher oder Gottesdienstabläufe aus, die es der Gemeinde ermöglichen, aktiv teilzunehmen und die Liturgie nachzuvollziehen.
Auch in Berlin sind die Gottesdienstteilnehmer bemüht, Hürden für Neuankömmlinge abzubauen. Eine junge englischsprachige Frau ist im Urlaub in Berlin und hat im Internet nach der nächstgelegenen heiligen Messe gesucht. Nach dem Einzug des Priesters bemerkt sie, dass das kein üblicher Gottesdienst ist. Also fragt sie einen anderen Gläubigen, ob das eine katholische Messe sei. Sofort erklärt dieser ihr, welchen Ritus sie feiern, sucht ihr einen englischen Gottesdienstablauf und zeigt ihr immer wieder, was als nächstes kommt. Nach der Messe bedankt sich die Frau bei dem Mann. „Dank seiner Freundlichkeit bin ich geblieben und hatte ein besonderes spirituelles Erlebnis“, sagt sie.
Gegengewicht zum Alltag
Nicht nur in Berlin fällt auf, dass viele junge Menschen und Familien die Alte Messe mitfeiern. Woher kommt dieses Interesse? „Ich komme, weil ich mich nach Sakralität, Ruhe und klarer Tradition sehne“, sagt ein Mittzwanziger in Leipzig. An den meisten Sonntagen geht er in den Neuen Ritus. Doch manchmal seien die Gottesdienste in seiner Pfarrei durch Musik oder Anspiele „künstlich auf modern“ getrimmt. „Die Alte Messe bietet mir dagegen eine feierlichere und ehrfürchtigere Atmosphäre.“
Eine junge Mutter findet im Festhalten an jahrhundertealten Riten, gregorianischem Choral und klaren Regeln ein Gegengewicht zu ihrem hektischen Alltag. „Es ist ein stabiler Anker.“ Außerdem schätzt sie die Gemeinschaft: „In traditionellen Messen treffe ich Gleichgesinnte, die ihren Glauben sehr bewusst, engagiert und konsequent leben.“
Rückwärtsgewandte Gegengemeinde?
Vom Erzbistum Berlin abgesehen, gibt es in keinem ostdeutschen Bistum eine wöchentliche lateinische Liturgie an einem Ort. Im Bistum Magdeburg gibt es diese Liturgie überhaupt nicht. Das liegt unter anderem an den Bestimmungen des Apostolischen Schreibens „Traditionis custodes“ („Als Wächter der Tradition“) von Papst Franziskus. Aus Sorge um die kirchliche Gemeinschaft schränkte der Papst den Gebrauch des Messbuchs von 1962 ein und reglementierte die überlieferte Form der lateinischen Liturgie stärker. Es sollen sich vor Ort keine neuen Gemeinden bilden, die nur den Alten Ritus feiern.
Viele Gläubige, die die Tridentinische Messe feiern, bedauern, dass es diese nicht häufiger gibt. In Görlitz erzählt eine Frau, dass ein großer Teil der Gottesdienstbesucher zu den schismatischen, von der Kirche abgespaltenen Piusbrüdern nach Dresden abgewandert sei. Sie wollten häufiger den Alten Ritus feiern und haben nun ihre Heimatgemeinden ganz verlassen. Die Frau selbst steht zur katholischen Kirche, zum Papst und ihrem Ortsbischof, besucht auch deutsche Messen.
In Potsdam stehen einige Gläubige nach dem tridentinischen Ritus in der Krankenhauskapelle noch zusammen. Ein Mann ist an diesem Nachmittag mit dem Motorrad aus Brandenburg gekommen. „Heute Morgen war ich im Sonntagsgotttesdienst der Gemeinde in Brandenburg, jetzt bin ich hier. Beide Riten gehören für mich zur katholischen Kirche, sie lassen sich nicht gegeneinander ausspielen“, sagt er.
Konfrontiert mit der Meinung, dass Anhänger der vorkonziliären Liturgie rückwärtsgewandt seien und der extremen, politischen Rechten nahestünden, meint ein anderer, dass es das sicherlich gebe. „Aber das gibt es auch bei Gläubigen, die die Neue Messe besuchen.“ Alle Freunde des außerordentlichen Ritus, die er kenne, seien Menschen der Mitte. Außerdem würden sie sich in ihren jeweiligen Heimatgemeinden engagieren und selbstverständlich den Neuen Ritus mitfeiern.
Nach der lateinischen Messe in Leipzig räumen Pfarrer Mandler und die Ministranten die Kirche auf, stellen die Ordnung auf dem Altar wieder her. Am nächsten Sonntag wird hier wieder ein üblicher Sonntagsgottesdienst gefeiert. „Wir sind der Wiederitzscher Gemeinde und Bischof Heinrich Timmerevers dankbar, dass wir hier die lateinische Messe feiern dürfen“, sagt Pfarrer Mandler. „Wir sind alle katholisch und preisen gemeinsam Gott.“
Vor Ort
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Erzbistum Berlin:
- Institut Philipp Neri (Kirche St. Afra, Graunstraße 31, Berlin):
Sonntag, 8.30 & 10.30 Uhr (Hochamt); Montag bis Freitag, 18 Uhr; Samstag, 9 Uhr
- St. Adalbert (Torstraße 168, Berlin): Sonntag, 10.30 Uhr
- Kapelle im St. Josef-Krankenhaus Potsdam (Allee nach Sanssouci 7): Sonntag, 17 Uhr
- Bistumsinfos -
Bistum Dresden-Meißen:
- St. Gabriel Leipzig (Georg-Herwegh-Straße 22):
erster, dritter und fünfter Sonntag im Monat, 18 Uhr
- St. Peter und Paul Markkleeberg (Dietrich-Bonhoeffer-Platz):
zweiter und vierter Sonntag, 18 Uhr -
Bistum Erfurt: Die drei Priester Johannes Kienemund, Thomas Münnemann und Falk Weckner haben die Erlaubnis, in kleinem Kreis im außerordentlichen Ritus zu zelebrieren. Regelmäßige Messen gibt es nicht. Bei Interesse können Sie die Priester kontaktieren.
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Bistum Görlitz:
- St. Johannes und St. Franziskus, Klosterkirche der Franziskaner
(An den Neißewiesen 91, Görlitz): erster Sonntag im Monat, 10.30 Uhr -
Bistum Magdeburg: Nach Auskunft der Pressestelle gibt es keine Messen in der außerordentlichen Form des römischen Ritus, da es keine Nachfrage seitens der Gläubigen gibt.