Ausstellung
Agitpop für die Demokratie
Foto: Hans Ticha, VG Bild-Kunst
Das Gemälde „Wutbürger“ entstand 2020 und ist im Besitz des Künstlers.
Mit fast sanfter Stimme schildert Hans Ticha beim Rundgang durch die Kunsthalle Rostock, dass er „ganz froh“ war, gleich nach der Wende von Ostberlin nach Westdeutschland gegangen zu sein, genauer nach Mainz und dann nach Maintal, wo er noch heute lebt. Denn dort habe er das „ständige Gejammere“ der Ostdeutschen nicht gehört, obwohl er es habe nachvollziehen können, seien vielen doch die Existenzgrundlagen weggebrochen. Auch dass er momentan Angst habe, „dass die Demokratie doch nicht mehr so lange hält“, spricht der 85-Jährige geradezu gelassen aus. Innerlich ist Hans Ticha aber sicherlich aufgewühlt. Sonst könnte er nicht nach wie vor Bilder schaffen, die den Betrachter oftmals geradezu anschreien. Mehr als 120 von ihnen, davon viele Leihgaben aus namhaften Ausstellungshäusern wie der Neuen Nationalgalerie Berlin sowie aus Privatsammlungen, hat Kuratorin Antje Schunke für die umfassende Retrospektive in der Kunsthalle Rostock zusammengetragen.
„Agitpop“ hat Ticha seinen Stil einmal genannt. Er ist von vielen Strömungen der Moderne inspiriert, die Ticha klammheimlich in Werken auf der Leipziger Buchmesse studierte, und hat doch eine ganz eigene Formensprache. Der Begriff ist eine verschmitzte Anlehnung an „Agitprop“, ein Kofferwort aus „Agitation und Propaganda“, mit dem kommunistische Parteien ihre PR bezeichneten. Ticha überdreht in seinen Gemälden aus den 1970er und 1980er Jahren Bilder ins Ironische, mit denen sich das SED-Regime öffentlich inszenierte – so etwa das übereifrige Klatschen bei Parteiveranstaltungen. Die Köpfe verkommen dabei meist zu gesichtslosen kleinen Kugeln. „Das Thema war nicht die DDR an sich, sondern die Diktatur und wie sie sich präsentiert“, sagt Ticha.
Solch kritische „Politbilder“ (Ticha) wie der „Klatscher“ habe er damals niemandem gezeigt, das wäre existenzgefährdend gewesen, sagt Ticha weiter. Einen Namen machte er sich damals als Buchillustrator, wurde für seine Kreationen oft ausgezeichnet. Nur einige wenige Gemälde wurden öffentlich gezeigt, so etwa das Gemälde „Mannschaft“, das 1977 auf der 8. Kunstausstellung der DDR zu sehen war. Da es aber keinen vorbildhaften Sieger oder Helden zeigt, wurde es in einem Nebenraum eher versteckt. Negative Schlagzeilen verhalfen ihm dennoch zu großer Aufmerksamkeit.
Nach der Wende nimmt Ticha in ähnlicher Weise wie vorher die Diktatur die westliche Konsumgesellschaft aufs Korn. Die Köpfe haben jetzt zwar öfter Gesichter, aber sie werden entstellt. So wächst aus einem eine riesige Hand mit Kreditkarten. Verstecken musste Ticha seine Bilder nun aber nicht mehr. Aber auch „Politbilder“ entstehen. 2020 karikiert er geradezu die Wutbürger. Eines seiner neuesten zeigt hasserfüllte Gesichter, nicht von ungefähr in blauen Farbtönen, unter dem Slogan „Wir sind jetzt das Volk“, wobei das Wort „jetzt“ in anderer Schrift dazwischen gedrängt wird als Zeichen illegitimer Aneignung.
„Im Osten ist es ein bisschen sehr schiefgelaufen, das hätte ich nicht gedacht“, sagt Ticha zum Rechtsruck in Deutschland. Die Opposition in der DDR habe geglaubt, eigentlich seien alle gegen das SED-Regime gewesen. „Nach der Wende stellte sich heraus, dass nicht alle dagegen waren. Viele von den radikalen FDJlern schwenkten politisch um und verbreiteten rechte Auffassungen.“ Er selbst sei übrigens weder von der Opposition, die damals seine Gemälde nicht kennen konnte, noch vom Regime angesprochen worden. Auch wenn er eine klare Haltung hat, so macht ihn das doch auch ein Stück weit zum unabhängigen Beobachter in Ost und West. Es ist das größte Verdienst der Schau, das zu verdeutlichen.