Fastentücher verhüllen den Altar

Auch die Augen sollen fasten

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Ein Tuch verhüllt as Altarkreuz
Nachweis

Foto: Christof Haverkamp

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Kunst im Kirchenraum: Bis Karfreitag hängt in Bremen das Fastentuch, das Jessica Buhlmann gestaltet hat.

Tradition seit dem Mittelalter: Tücher verhüllen spätestens zum fünften Fastensonntag die Kreuze. In Bremen ist daraus ein Kunstprojekt entstanden.

Ein halbdurchsichtiges Kunstwerk aus gespannten Textilien und Aluminiumstangen hängt derzeit in der Propsteikirche St. Johann, dem zentralen katholischen Gotteshaus im Bremer Schnoor-Viertel. Erstellt hat dieses Fastentuch Jessica Buhlmann, eine Berliner Künstlerin. Die Anspannung stand ihr ins Gesicht geschrieben, als sie mit Helfern mehrere Tage lang das zehn Meter hohe und 3,80 Meter breite Tuch installierte – eine anspruchsvolle Aufgabe.

Noch vor Beginn der Aufbauarbeiten rollte eine Hebebühne in den Altarraum, dann wurden in die Kuppel der Kirche von unten Löcher gebohrt. So konnten die Helfer vom Dachstuhl aus Stahlseile herablassen und daran das Fastentuch befestigen. Jetzt leuchtet das Kunstwerk in vier Farben vor dem Kruzifix: in Violett, der Farbe der Buße und Besinnung, sowie Rot, Weiß und Schwarz. Mit seiner schmalen und schlanken Form fügt sich das Kunstwerk harmonisch in die gotische Architektur der mittelalterlichen Hallenkirche ein.

Das Tuch weckt im Betrachter eine Sehnsucht nach Klarheit

Jessica Buhlmann lässt ein weiches, weitmaschiges Gewebe vor dem Kreuz herabfließen; es erinnert an Blattadern, organische Netze oder Bleiglasfenster einer Kirche. Das abstrakte Fastentuch besteht aus offenen und geschlossenen Binnenflächen, aus Farben und Linien. Es weckt damit im Betrachter eine Ahnung von Unbewusstem oder Verborgenem – vielleicht auch eine Sehnsucht nach Klarheit.

Mit dem Fastentuch greift die Propsteigemeinde eine alte Tradition auf: Seit dem Mittelalter verhüllt man spätestens zum fünften Fastensonntag die Kreuze mit Tüchern – ein Blick- oder Augenfasten. „Damit wird uns bewusst, dass das Kreuz nicht eine Dekoration ist, sondern eine starke Aussage trägt“, erklärt Propst Bernhard Stecker. Das Kreuz macht Leiden und Sterben sichtbar, und daran dürfe man sich nicht gewöhnen: „Das soll immer wieder auch erschrecken und erstaunen, was da dargestellt wird. Und um das zu erreichen, muss es eine Zeit lang den Augen entzogen sein.“

Die Idee, mit einem Kunstwerk das Kreuz in St. Johann zu verhüllen, kam dem kunstinteressierten Priester über Radek Krolczyk, den Galeristen der Bremer Galerie K-Strich. Er betreut Jessica Buhlmann und wusste deshalb, dass die Künstlerin schon einmal ein Fastentuch erstellt hatte – und zwar für die evangelisch-lutherische Kirche in Langenstriegis in der sächsischen Kleinstadt Frankenberg nahe Chemnitz: „Ich habe eine Dokumentation gesehen und war sehr begeistert davon. Daraufhin habe ich das irgendwann Herrn Stecker gezeigt, den das dann auch begeistert hat“, erzählt Krolczyk.

Gemeinsam entwickelten sie die Idee für eine ähnliche Arbeit in der Propsteikirche. Möglich machte das Projekt die Bremer Karin und Uwe Hollweg Stiftung, die das Kunstwerk maßgeblich finanzierte. Bis zum Karfreitag bleibt das Fastentuch hängen – dann wird es feierlich enthüllt und danach eingelagert, so dass es in späteren Jahren erneut gezeigt werden kann. 

Zum Fastentuch kommt noch eine Predigtreihe hinzu

Auch in der Predigtreihe „Gottheit, tief verborgen“ widmet sich die Kirchengemeinde St. Johann der Kunst in Kirchen, etwa mit der Frage: Was empfinde ich vielleicht besser durch Musikdarbietungen wie die Johannes-Passion, die ich in der geistlichen Musik höre? Und mit der Überlegung, wie zeitgenössische Exponate in Kirchenräumen früherer Epochen wirken. 

Vier Fastenpredigten sind geplant, jeweils am Sonntag um 18 Uhr in den Abendmessen von St. Johann. Den Auftakt machte bereits am 1. März Arie Hartog, Direktor des Bremer Gerhard-Marcks-Hauses, einem Museum für Bildhauerei. Eine Woche später, am 8. März, predigt der Franziskaner Franz Richardt, ehemaliger geistlicher Leiter der Bildungsstätte Haus Ohrbeck in Georgsmarienhütte-Holzhausen. Am 15. März steht am Mikrofon die Lyrikerin und Schriftstellerin Nora Gomringer aus Bamberg – und am 22. März predigt Gregor Daul, Oboist bei den Bremer Philharmonikern und Diakon der Propsteigemeinde St. Johann.

Die Künstlerin findet es spannend, Kunstwerke zu schaffen, die nicht wie üblich in Museen oder Galerien hängen, sondern in Räumen wie einer Kirche: „Da eine Arbeit zu machen, funktioniert völlig anders, regt eine ganz andere Art von Kommunikation an.“ Die Frage, ob sie selbst eine religiöse Beziehung hat, empfindet Jessica Buhlmann, Jahrgang 1977, als sehr persönlich. „Ich komme aus der DDR, wo Religion eigentlich keine Rolle spielte oder minimal.“ Inzwischen habe sie ein Interesse für Glaubensfragen entwickelt. „Aber dass ich jetzt eine Kirchenarbeit mache, hat nichts mit dem zu tun, was ich persönlich glaube.“

Christof Haverkamp

Stichwort

Das bekannteste Fastentuch ist das des Hilfswerks Misereor, das alle zwei Jahre neu aufgelegt wird. 2026 heißt es „Liebe sei Tat“ und zeigt eine Sandbank mitten im Ozean. Darauf Kinder aus der ganzen Welt, die kochen, spielen und anpacken. Doch ein Sturm zieht auf. Gestaltet hat es die Erfurter Künstlerin Konstanze Sommer.