Kirchengeschichte
Augustinus-Predigten aus Kloster Doberan entdeckt
Foto: Dietmar Schulze
Eine der Schriften, die Augustinus zugeschrieben werden.
Ein außergewöhnlicher Handschriftenfund lenkt den Blick auf die mittelalterliche Bibliothek des Klosters Doberan: In einer Handschrift aus dem ehemaligen Zisterzienserkloster wurden zwei bislang unbekannte Predigten des Kirchenvaters Augustinus entdeckt. „Nach fast zweijährigen wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigten führende Augustinus-Forscher ihre Echtheit“, sagt der evangelische Pastor Volkmar Seyffert vom Klosterverein Doberan. Die zwei Predigten würden noch 2026 im renommierten Editionsprojekt Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum (CSEL) veröffentlicht.
Seit Jahren erforscht der Klosterverein Doberan die verstreuten Handschriften der einst bedeutenden Klosterbibliothek. Von den mittelalterlichen Beständen ist in Bad Doberan heute nichts mehr erhalten. Nur wenige Handschriften Doberaner Herkunft sind bislang bekannt. Neue Forschungsmöglichkeiten eröffneten sich 2024 und 2025 durch die Diözesanbibliothek im polnischen Pelplin. Dort konnten sechs Handschriften eindeutig dem Kloster Doberan zugeordnet werden, bei weiteren sechs gilt eine Doberaner Herkunft als sehr wahrscheinlich.
Forscher bestätigen Echtheit
Bei der Durchsicht von mehr als 3000 Seiten stieß der Bad Doberaner Paul Nebauer auf die Handschrift Ms 114/195. Ein unscheinbares Inhaltsverzeichnis gab zunächst kaum Hinweise auf ihren Wert. Erst einzelne lateinische Stichworte sowie der rote Eintrag Sermo sancti Augustini weckten seine Aufmerksamkeit. „Dieses ungewöhnliche Thema weckte meine Neugier und führte zu einer eingehenden Untersuchung der Predigten“, so Nebauer. Da seine Kenntnisse des mittelalterlichen Lateins für eine abschließende Bewertung nicht ausreichten, wandte er sich an das Zentrum für Augustinus-Forschung in Würzburg. Dort begann eine intensive wissenschaftliche Prüfung. Sprache, Stil, Wortschatz und Rhetorik wurden mit rund 600 bekannten authentischen Predigten Augustins verglichen. Die Ergebnisse wurden im Herbst 2025 auf einer internationalen Fachtagung in Wien diskutiert.
Im Mai 2026 bestätigten die Professoren Christian Tornau (Würzburg) sowie Dorothea Weber (Wien) und ihr Forschungskollege Clemens Weidner, dass es sich tatsächlich um zwei bislang unbekannte Predigten des heiligen Augustinus handelt. „Damit bestätigte sich eine Vermutung, die ich selbst kaum zu glauben gewagt hatte“, sagt Paul Nebauer. Die Predigten behandeln die alttestamentliche Erzählung von Saul und der Hexe von Endor. Augustinus hielt sie als aufeinanderfolgende Sonntagspredigt und Mittwochspredigt. Nach Einschätzung des Forschers Christian Tornau zeigen die Texte eine für Augustinus typische Vorgehensweise: Er legt verschiedene Deutungsmöglichkeiten offen, verzichtet aber bewusst auf ein abschließendes Urteil und regt zum Nachdenken an.
Mit der Entdeckung gewinnt die Bibliothek des Klosters Doberan internationale wissenschaftliche Bedeutung. Eine symbolische Verbindung besteht zum Doberaner Münster: Auf dem Mühlenaltar von 1410 ist Augustinus mit den drei weiteren großen lateinischen Kirchenvätern dargestellt. Mehr als 600 Jahre später sind nun zwei weitere Worte des Kirchenvaters ans Licht gekommen – ein Fund, der die Geschichte des Klosters Doberan um ein bedeutendes Kapitel erweitert.