Serpil Temiz Unvar engagiert sich nach dem Tod ihres Sohnes

Damit Rassismus nie wieder tötet

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Serpil Temiz Unvar vor dem Bild ihres ermordeten Sohnes
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Foto: Bildungsinitiative Ferhat Unvar

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Will Rassismus und Diskriminierung nicht hinnehmen: Serpil Temiz Unvar. Mit den Freunden ihres ermordeten Sohnes setzt sie sich für Demokratie-Bildung ein.

Wie kann man dem Hass etwas entgegensetzen, wenn er einem das Liebste genommen hat? Serpil Temiz Unvar schafft es. Mit einer Bildungsinitiative gegen Rassismus macht sie Kinder und Jugendliche fit für die Demokratie. Dafür hat sie kürzlich den katholischen Walter- und Marianne-Dirks-Preis erhalten.

Hanau, am Freiheitsplatz. Ein großer Busbahnhof, auf der Hinterseite eines Bürohauses läuft man auf ein riesiges Graffiti zu: Ein junger Mann mit dunklem Bart. „Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst“, ist daneben zu lesen. Das Zitat eines 23-Jährigen, der gerade seine Ausbildung abgeschlossen und eigentlich sein ganzes Leben vor sich hatte, als es ihm genommen wurde. Es ist der Eingang zur Zentrale der Bildungsinitiative „Ferhat Unvar“.

Drinnen sind Mitarbeitende an Telefonen und Computern beschäftigt. Auf einem großen Sofa an der Seite sitzt Serpil Temiz Unvar. Sie ist die Mutter von Ferhat, der auf dem Graffiti zu sehen ist. „Aufrecht“ ist ein Wort, das zu ihr passen würde. Sie strahlt Haltung aus, Tapferkeit, absolute Präsenz – für ihr Gegenüber und ihre Arbeit: die Bildungsinitiative gegen Rassismus, benannt nach ihrem toten Kind.

Vor wenigen Wochen wurde Serpil Temiz Unvar und ihrem Team unter anderem vom Frankfurter Haus am Dom der Walter-und-Marianne-Dirks-Preis verliehen (siehe „Zur Sache“). Unvar zeigt Blätter aus einem der letzten Workshops, die ihr Team regelmäßig in Bildungseinrichtungen anbietet. Jugendliche haben darauf etwa die Frage beantwortet: Was haben sie gelernt, was haben sie mitgenommen aus dem Workshop? Viele haben geschrieben, wie toll sie es finden, dass Ferhats Mutter so offen ist. Was sie damit vielleicht auch meinen: Dass diese Frau so viel Kraft hat, nach einem schrecklichen Erlebnis eine zukunftsweisende Idee zu verwirklichen.

Denn das ist eigentlich kaum zu fassen. Alles Mögliche hätte man von Serpil Temiz Unvar erwarten können, als sie vor fünf Jahren den größten Schmerz erleben musste, den eine Mutter erleiden kann. Ihr Sohn Ferhat starb. Er wurde am 19. Februar 2020 ermordet, als ein Rechtsterrorist neun Menschen in Hanau erschoss. Niemand hätte es seiner Mutter verdenken können, wenn sie damals Deutschland den Rücken gekehrt und Verachtung für dieses Land empfunden hätte. Wer die Berichterstattung zum Anschlag von Hanau liest, findet beispielloses Versagen von Polizei, Politik, Gesellschaft rund um die Tat und danach.

"Wir müssen und den Menschen zuhören"

Viele Menschen aus Politik und Gesellschaft kamen in den Wochen nach dem Anschlag nach Hanau. Sie bekundeten ihr Beileid, und Serpil Temiz Unvar hörte einen Chor von Versprechungen, was man aus diesem Anschlag lerne, was man zu tun gedenke und wie man die Betroffenen nun unterstützen wolle. Doch die Aufmerksamkeit währte nur kurz. Es geschah: nichts. „Und das“, sagt Unvar mit festem Blick, „das war die zweite große Verletzung.“ Zu dem Schmerz, dass ihr der Sohn genommen worden war, kam die bittere Erkenntnis, dass niemand es mit seinen Beteuerungen ernst zu meinen schien.

Ferhats Mutter fühlte sich ohnmächtig. Doch bald dachte sie, dass sie eigentlich nicht ohnmächtig war – und all dem etwas entgegensetzen könnte. In ihr wuchs eine Idee. „Wenige Wochen nach dem Anschlag habe ich den Freunden meines Sohnes erzählt, dass ich diese Bildungsinitiative gründen möchte. Und alle haben gesagt, dass sie mir dabei helfen wollen.“ Serpil Temiz Unvar ist immer noch berührt, wenn sie an diesen Moment denkt. „Es durfte nicht sinnlos sein, dass Ferhat gestorben ist. Also mussten wir anfangen, Brücken zwischen den Menschen zu bauen.“

Unvar hatte diese Idee auch, weil sie sich an Ferhats Kindheit erinnerte. Von klein auf habe er Rassismus und Diskriminierung erfahren und ihr auch davon berichtet. Wie sehr ihn diese Erlebnisse umgetrieben hätten, habe sie erst nach seinem Tod erfahren, als sie seine Aufzeichnungen las. Serpil Temiz Unvar zog mit 17 mit ihrer Familie aus Kurdistan nach Frankreich, als ihr Vater dort Gastarbeiter wurde, mit 19 kam sie nach Deutschland. Auch sie selbst habe früh Rassismus erfahren. Wenn Ferhat ihr von seinen Erlebnissen berichtete, hätte sie immer gesagt, er solle sich in der Schule anstrengen. Vielleicht in der Hoffnung, dass er durch gute Leistungen irgendwann doch weniger Diskriminierungen erfahren würde. Heute sagt sie: „Jeder redet über junge Menschen, aber niemand redet mit ihnen.“

Genau dort setzt die Initiative an. Bei den Workshops, einem offenen Jugendcafé und Themenabenden dürfen Jugendliche offen über ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus sprechen. Es geht aber auch darum, junge Menschen zu sensibilisieren und ihnen zu zeigen, wie Diskriminierung schadet. „Wir klären darüber auf, was Rassismus eigentlich ist“, sagt Unvar. Inzwischen richtet die Initiative jährlich über 80 dieser Antidiskriminierungskurse und weitere Workshops aus.45 Jugendliche sind bundesweit an Schulen die Multiplikatoren der Initiative. In Kooperation mit der Anne-Frank-Bildungsstätte in Frankfurt werden sie zu Demokratie-Trainern ausgebildet.

"Das hier ist jetzt mein Leben"

Serpil Temiz Unvar begleitet all das und reist für Vorträge durch die Bundesrepublik. Gerade entwickelt sie mit ihrem Team Workshops für Grundschulen. „Wenn wir den Rassismus bezwingen wollen, dann müssen wir jungen Menschen zuhören und verstehen, was sie beschäftigt“, sagt sie. Hass und Vorurteile, findet Unvar, beginnen klein. Aber sie ist überzeugt: Wenn junge Menschen früh verstehen, wie Rassismus entsteht und funktioniert, kann ihre Initiative sie auch stark machen, um dagegen zu kämpfen. „Das hier“, sagt sie und meint mit der ausholenden Geste all das, was sie mit ihrem Team seit fünf Jahren aufbaut, „das ist jetzt mein Leben.“ Ihr Leben, ihre Aufgabe, Schmerz in Kraft zu verwandeln. Damit Rassismus nie wieder einer Mutter ihr Kind entreißt.

Elisabeth Friedgen