Gemeinsames Fasten im Kloster
Der Luxus des Verzichts

Foto: istockphoto/Sonja Rachbauer
„Wenn man das Essen weglässt, wird man feinfühliger für die Fragen des Lebens“, weiß Schwester Magdalena Böhm, die Fastenleiterin des Klosters Alexanderdorf.
Mit einem Lächeln im Gesicht und in ruhigen Worten erzählt Andrea Schrörs, wie es ihr beim Fasten ergangen ist. Sie wirkt, als habe sie viel Zeit und Energie. Dabei hat sie gut zu tun: Sie arbeitet als Pflegekraft im Palliativteam eines Hamburger Krankenhauses und engagiert sich in ihrer Freizeit in ihrer katholischen Gemeinde, unter anderem als Beauftragte für Wortgottesdienste.
Als Schrörs (62) vor ein paar Jahren begann, sich mit dem Fasten zu beschäftigen, hat sie im Alltag neben der Arbeit gefastet. „Ich wollte einfach mal ausprobieren, wie das so ist ohne feste Nahrung. Ich wollte erfahren, wie mein Körper darauf reagiert“, sagt sie. Ihre Methode war das Fasten für Gesunde nach den Ärzten Otto Buchinger und Hellmut Lützner. Beruhigt hat sie damals der Satz: Ihr Körper hat alles, was er braucht. „Das stimmte auch“, sagt sie. „Wenn man ausreichend trinkt und die Brühe und den Saft zu sich nimmt, dann kommt man in diesen Fastentagen wunderbar zurecht.“

Nur die Ruhephasen kamen im Arbeitsalltag sehr kurz. Gemeinsam mit ihrer Freundin hat sie deshalb 2023 zum ersten Mal an einem Fastenkurs teilgenommen. Die Zeit im Gästehaus des Klosters Alexanderdorf südlich von Berlin empfand sie als „unglaublichen Luxus. Man hat ein schönes Zimmer, man muss nicht überlegen: Was kaufe ich ein, was koche ich? Man ist einfach da und kann das genießen.“
Auch Hunger habe sie keinen gehabt, obwohl es in den sieben Fastentagen keine feste Nahrung gab, sondern nur Brühe, Saft und Tee, sagt Schrörs: „Man trinkt ja drei, vier Liter am Tag. Das hilft.“
Dabei können in den ersten Tagen schon mal kleine Krisen und körperliche Symptome wie Kopf- oder Gliederschmerzen auftreten. Schwester Magdalena Böhm, die Fastenleiterin des Klosters Alexanderdorf, weiß dagegen zu helfen. Doch „die Leute unterstützen sich auch selber in der Gruppe“, sagt sie. „Es sind ja meist gemischte Gruppen von Erstfastern und von alten Hasen, die schon oft gefastet haben.“
Die Benediktinerin hat noch einen anderen Vorteil des Fastens in der Gruppe bemerkt. „Dieses Miteinander tut den Einzelnen gut“, sagt sie, „gerade in einer Zeit, in der sich viele gestresst und einsam fühlen.“ Denn in den Gruppen passiere auf einmal, was sonst selten vorkommt, nämlich, „dass sie sich beim Spazierengehen über ihr Leben austauschen“.
Schwester Magdalena hat mit 17 Jahren zum ersten Mal gefastet, zusammen mit anderen Jugendlichen und angeleitet durch einen Jesuiten in ihrer Heimat in Dresden. Damals haben sie auch in ihrem Alltag gefastet. Abends haben sie sich zu einer Suppe getroffen, geredet und gebetet. „Ich habe das als sehr spirituelles Erlebnis erfahren“, sagt sie. Später hat sie allein damit weitergemacht. „Es hat mich durchs Leben getragen. Dieses Nichtabhängigsein von Nahrungsmitteln hat mir immer gutgetan.“
Nach ihrem Eintritt in das Kloster Alexanderdorf hat die 46-Jährige eine Ausbildung bei der Deutschen Fastenakademie gemacht. Als ärztlich geprüfte Fastenleiterin bietet sie seit 2022 viermal im Jahr das Fasten für Gesunde nach Buchinger/Lützner an. Das Fastenangebot passe auch zum Kloster, „weil es Leib und Seele gleichermaßen anspricht“, sagt die Benediktinerin. „Wenn man das Essen weglässt, wird man feinfühliger für die Fragen des Lebens.“
„Man wird aufmerksamer für sich und für andere“

Viele ihrer Gäste suchen sich bewusst das Kloster für ihre Fastentage aus, obwohl nicht alle religiös sind. Einige nehmen an den Gottesdiensten und Stundengebeten der Benediktinerinnen teil. „Das trägt einen ungemein und es ist eine gute Gemeinschaft“, sagt Andrea Schrörs. „Man wird aufgenommen, man sitzt dabei und fühlt sich verbunden mit den Schwestern.“
Dabei erlebt Schwester Magdalena eine große Offenheit der Teilnehmer gegenüber dem Kloster. Auch ihren Mitschwestern sind die Gäste wichtig. Nicht nur, weil sie das Klosterleben mit ihren Kursgebühren unterstützen. „Ich habe das Gefühl, dass es den Leuten richtig guttut, aus ihrem Alltag auszusteigen. Und dafür sind wir gerne da“, sagt Schwester Magdalena. Wer möchte, kann zwischen den Mahlzeiten nicht nur spazieren gehen, sondern auch an Schwester Magdalenas Angeboten für die Seele teilnehmen. An einem Bibliolog – einem Bibelgespräch, bei dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich in eine biblische Geschichte hineinversetzen. Oder an einer Meditation.
Schrörs erinnert sich an eine Meditation über einen Gedanken der Mystikerin Gertrud von Helfta. Die hat sich vorgestellt, dass sie Gott die leere Schale ihrer Sehnsucht hinhält und dass Gott diese Schale füllt. Schrörs verbindet mit diesem Bild noch mehr: Der Mensch, dessen Seele von Gott gefüllt ist, hat auch etwas übrig, das er seinen Mitmenschen geben kann. Das ist es, was das Fasten aus ihrer Sicht bewirkt: „Man wird aufmerksamer für sich und für andere Menschen.“
Zu den Personen
Schwester Magdalena Böhm ist die Fastenleiterin des Klosters Alexanderdorf südlich von Berlin. Sie spürt, wie gut es den Menschen tut, aus ihrem Alltag auszusteigen.
Andrea Schrörs ist Pflegekraft im Palliativteam eines Hamburger Krankenhauses, Beauftragte für Wortgottesdienste – und eine Freundin des Fastens.