Jahresausblick aus dem Bistum Fulda
Die Ärmel hochkrempeln und losgehen
Die Corona-Pandemie hat im zurückliegenden Jahr fast alles überlagert – auch im Leben der Kirche. War 2020 also ein Katastrophenjahr, das Gott sei Dank vorbei ist? Oder birgt es Chancen – etwa für den Veränderungsprozess im Bistum? Eine Standortbestimmung und ein Ausblick auf das Jahr 2021. Von Hans-Joachim Stoehr.

Resignieren oder Ärmel hochkrempeln und anpacken: beides gehörte zur Corona-Pandemie dazu. Manche gelungene Aktion kann auch im neuen Jahr Bestand haben.
Selten war ein Übergang in ein neues Jahr für die Menschheit so von Ängsten, Zweifeln und Fragezeichen geprägt wie in diesem Jahr. Die Corona-Pandemie stellte Vieles auf den Kopf, machte Planungen zunichte, forderte die Menschen täglich neu heraus. Normalität – 2020 hieß es da immer wieder Fehlanzeige.
Und die Christen – ich sage bewusst nicht Katholiken an dieser Stelle? Sie waren oftmals genauso ratlos wie die Menschen, die nicht an die Botschaft vom helfenden und heilenden Gott der Bibel glauben. Ja, sogar die provozierende Frage stand im Raum: „Wo waren die Kirchen, als man sie so dringend brauchte?“ Menschen außerhalb der Kirchen verbinden immer noch Hilfe und Beistand für Menschen in Not mit christlichem Handeln. Ein Zögern oder Nichtstun in dieser kirchlichen Kernkompetenz stellt letztlich die Existenzberechtigung von Kirchen infrage.
Immer wieder wirkten die neuen Situationen lähmend auf die Menschen in Kirchengemeinden und anderen kirchlichen Gruppen. Aber es gab auch diejenigen, die sich mit den neuen Gegebenheiten nicht abfinden wollten, die nicht resignierten, sondern „die Ärmel hochkrempelten“ und neue Wege beschritten.
Aus der Not geborene Geh-Hin-Kirche
Was da aus der Not geboren wurde, erwies sich als eine neue Chance für kirchliches Leben. Vieles davon ist wenig spektakulär und selten eine Schlagzeile wert, aber in seiner Wirkung nicht zu unterschätzen. Ein Beispiel: Diakon Kai Scheffler, im Herbst zum Priester geweiht, besuchte in der Pfarrei St. Peter Fritzlar mit Anderen an den Kar- und Ostertagen ältere Menschen. Es war mitten im ersten Lockdown, als keine öffentlichen Gottesdienste stattfinden konnten. „Auch wenn wir nur kurz an der Tür mit Abstand mit den Leuten Kontakt hatten, haben sich die meisten darüber gefreut.“ Es war ein Signal, dass die Pfarrei die damals so Einsamen und Isolierten nicht vergessen hat.
Das Wort von der „Geh-Hin-Kirche“ ist nicht nur ein pastoraltheologischer Fachbegriff. Es meint etwas Konkretes, das jedes Gemeindemitglied täglich in die Tat umsetzen kann – ganz ohne Theologiestudium. Eine Voraussetzung dafür ist: aufmerksam sein, was um einen selbst passiert. In den Wochen des Lockdowns entdeckten Menschen vermehrt, dass ihre Nachbarn Hilfe – etwa beim Einkaufen – benötigten. Manche kirchlichen Gruppen griffen das auf. Auch das hat etwas mit Geh-Hin-Kirche zu tun.
Das, was Menschen benötigen, ist unterschiedlich. Dafür gibt es nicht Muster, Anleitungen oder Strukturen. Mir fällt da immer der Pfadfinder ein, der die Aufforderung „Jeden Tag eine gute Tat!“ im Kopf hat. Als er eine ältere Frau an einer Ampel stehen sieht, zerrt er sie bei Grün über die Straße. Aber die Frau wollte überhaupt nicht über die Straße gehen!
Die Kirche ist immer wieder in Gefahr, schon zu wissen, was die Menschen brauchen. Hat sie doch eine weltumspannende Botschaft des Heils. Aber dann wird der erste Schritt vergessen. Jesus selbst macht es vor. Bei der Begegnung mit dem blinden Bartimäus fragt er ihn: „Was willst, das ich dir tun soll?“ Das heißt: Er spricht nicht sofort das Wort der Heilung, sondern fragt den Betroffenen, was er will. Es geht also nicht darum, was nach meiner Meinung der Andere braucht, sondern vor allem um das, war er selbst als für sich nötig äußert.
Altes greift nicht: Neues wird ausprobiert
Deshalb muss sich das Handeln von kirchlichen Gruppen und Gemeinden ausrichten nach dem, wonach die Menschen fragen. Wenn bestehende „Rezepte“ nicht greifen, muss Neues ausprobiert werden. Die zurückliegenden Monaten der Corona-Pandemie haben dies für jeden deutlich vor Augen geführt. Aber es gibt viele Beispiele, wie kreativ kirchliche Gruppen auf die Herausforderungen reagiert haben: ein Gottesdienst im Freien mit dem nötigen Abstand, ein neuer täglicher Impuls über einen You-Tube-Kanal oder die Brot-Aktion „Elisabeth-Taler – Marburg isst solidarisch“ von Caritas, Citypas-toral und Kirchengemeinden. Wo Christen Menschen fragen, was sie brauchen, da wird die Kirche gegenwärtig. Und irgendwann kommt die Frage nach dem Warum des Handelns. Das ist dann der Zeitpunkt zum christlichen Bekenntnis. Keine auswendig gelernten Sätze, die einem selbst nicht ganz einleuchten, sind gefragt. Es geht um persönliche Worte, vielleicht zögerlich, aber ehrlich, die mit dem eigenen Leben etwas zu tun haben.
Und die Menschen fragen – gerade in schweren Zeiten. „Not lehrt Beten.“ Diese Erkenntnis ist so alt wie die Menschheit. Das zeigt ein Blick in das Alte Testament. Immer wenn es dem Volk Israel schlecht geht, erinnert es sich an Gott und ruft ihn um Hilfe an. Deshalb müssen die Augen und Ohren der Christen offen sein. Aber nicht nur diese Sinnesorgane. Auch die Gotteshäuser müssen offen stehen für Menschen, die diese Orte aufsuchen wollen – und wenn es nur wegen der Stille und der erhebenden Architektur ist. Es kann die erste Spur sein, die hinführt zu dem, der die Seele heil machen und ein erfülltes Leben schenken will.
Zur Sache: Stockender Bistumsprozess und neue Wege
Zahlreiche Veranstaltungen fielen im Verlauf des vergangenen Jahres den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie zum Opfer. Dazu zählten auch mehrere diözesane Veranstaltungen, die auf dem Weg des Veränderungsprozesses geplant waren. So sollten in den Regionen Treffen stattfinden, bei denen sich Teilnehmer äußern konnten zum Veränderungsprozess des Bistums. Diese Form der Rückmeldungen wurde von Corona-Beschränkungen zunächst gänzlich zunichte gemacht. Alternativ wurden manche diözesane Veranstaltungen in den „virtuellen Raum“ verlegt.

Trotz Corona gab es wegweisende Entscheidungen für die Zukunft. Stichwort Bistumsverwaltung: Das Generalvikariat ist nicht vom Veränderungsprozess ausgenommen. Wie die Situation in den Pfarreien, steht auch die Bistumsverwaltung auf dem Prüfstand. Neue Strukturen sollen die Kommunikation intern und nach draußen verbessern.
Die Priesterausbildung und die Theologische Fakultät werden neu aufgestellt. So werden die Priesteramtskandidaten künftig nicht mehr in Fulda, sondern an einem anderen Standort studieren. Das Theologiestudium soll an den Standort Marburg der Theologischen Fakultät verlegt werden. Das bedeutet, dass dort künftig Lehramtsstudenten und angehende pastorale Mitarbeiter studieren. Der Standort Fulda bleibt erhalten, aber mit neuen Angeboten. Institute wie die Bibliotheca Fuldensis – den Beständen der mittelalterlichen Klosterbibliothek – und die Bibliothek des Priesterseminars führen ihre Arbeit fort. (st)