"Gefragte Frauen": Juliane Eckstein

Die Frau mit dem starken Kompass

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Juliane Eckstein ist eine Theologin der jungen Generation. Sie erlebt die Welt und die Kirche im Krisenmodus. Der Krieg in der Ukraine beschäftigt sie theologisch und politisch. Schon als katholisches Kind im Osten war sie etwas Besonderes. Über eine Schnelldenkerin mit starkem Kompass. Von Ruth Lehnen



Die erste Glaubenskrise mit dreizehn Jahren: Juliane Eckstein hat sich schon als Kind kritisch mit ihrem Glauben auseinandergesetzt.


Seit dem 24. Februar duscht sie kalt. Sie habe mit ihrer Einschätzung, was Wladimir Putin tun würde, „vollkommen falsch gelegen“, meint die Alttestamentlerin, die an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt und an der Uni Mainz als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist. Der Schock ist Eckstein noch anzumerken. Nach dem 24. Februar, als Putins Angriffskrieg auf die Ukraine begann, fragte sie sich sofort, warum sie sich hatte so verschätzen können. Warum hatte sie die polnischen Stimmen nicht gehört, die vor dem Projekt Nord Stream 2 gewarnt hatten, die gesagt hatten: Diese Gasleitung ist ein politisches Instrument, kein wirtschaftliches Projekt. „Ich hab’s gehört und nicht gehört“, sagt die 39-Jährige.
Sie informierte sich besser, suchte nach den prophetischen Stimmen der Jetzt-Zeit und entdeckte sie zum Beispiel bei Marieluise Beck, Robert Habeck und anderen, die früh gewarnt hätten.
Das Unrecht des von Putin angezettelten Krieges gehe die Deutschen radikal an, ist die Theologin überzeugt: „Das Schicksal unserer Nachbarn ist unser Schicksal.“ Juliane Eckstein nimmt die Worte ohne Zögern in den Mund: „Tätige Reue und Buße“ seien angesagt. Sie meint damit nicht nur die kalte Dusche, die ein Zeichen ist, dass sie die russische Kriegsführung nicht mitfinanzieren will.  Sie meint die klassischen Schritte: Einsicht, Aussprechen und Anerkennen der Schuld, informieren und das Thema wachhalten. Sie und ihr Mann nahmen eine geflohene ukrainische Familie auf, kein Pappenstiel, haben sie doch selber drei noch kleine Kinder. Sie spendeten. Und „ich nerve alle“. Eckstein lacht. Sie meint ihre Artikel und Meinungsbeiträge zum Krieg in der Ukraine. Es scheint für sie selbstverständlich zu sein, dass auch sie persönlich, indem sie die Lage nicht richtig eingeschätzt hat, ihren Anteil hat am Krieg, ihren Anteil, dass Menschen sterben: Denn hätte der Westen auf die östlichen Nachbarn und ihre Warnungen gehört, wäre heute vieles anders.
Die Theologin ist eine Frau, die sich entschieden hat: Gott existiert und wirkt in dieser Welt. Nicht mehr das Ob beschäftigt sie, sondern das Wie. Ihren Studentinnen und Studenten rät sie beim Abschied: „Lesen Sie die Bibel. Halten Sie Widersprüche aus. Und haben Sie Geduld: Biblische Texte sprechen in unser Leben hinein, auch wenn selten so, wie wir es erwarten.“

Sie hörte immer, an Gott zu glauben, sei blöd, sei dumm

Juliane Eckstein ist bei Dresden aufgewachsen, als Kind einer sorbischen Mutter und eines Vaters, der ebenfalls sorbische Wurzeln hat. Als katholisches Kind. „In der Grundschule waren wir fünf oder sechs von 30.“ Fünf oder sechs christliche Kinder. Sie hörte immer wieder, an Gott zu glauben sei blöd, sei dumm, sei Hirngespinst. „Das ist hart für ein Kind“, sagt sie. Mit dreizehn Jahren geriet sie in eine schwere Glaubenskrise. Ihr nahestehende Menschen waren gestorben. Die Welt stand Kopf, das Denken fiel in ein dunkles tiefes Loch, Zufall und Willkür schienen zu herrschen. Noch heute sei ihr jeder „happy Atheismus“ fern, bemerkt Juliane Eckstein. Wenn Gott nicht existiere, sei die Welt dunkel. Die frühe Glaubenskrise hat sie überwunden. Die sprachbegabte Hochbegabte studierte Dolmetschen und landete dank eines Dotmetschauftrags bei einer Veranstaltung der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie. Sie las ihr erstes theologisches Fachbuch, fing Feuer. Ein Konferenzteilnehmer sagte: „Du solltest Theologie studieren.“
Auf die Frage, was sie für das drängendste theologische Problem der Gegenwart hält, hat Eckstein vor kurzem geantwortet: „Auf nicht peinliche Weise über Gott sprechen.“ Ihre Fähigkeiten als Dolmetscherin beflügelten auch ihre neue Leidenschaft. Beim Dolmetschen geht es ja nicht nur um Worte, es geht darum, ganze Systeme miteinander in Kontakt zu bringen. Das macht sie jetzt als Theologin.
Es war der Anselmsche Gottesbeweis, der sie „aus den Schuhen gehauen hat“. Man muss diese philosophischen Erwägungen eines mittelalterlichen Theologen nicht kennen, um zu verstehen: Eckstein akzeptiert nur einen Glauben, bei dem die Glaubende den Verstand nicht ausschalten muss. Sie entdeckte einen Glauben, „bei dem man sich nicht dummstellen muss“. Und dieser bringt Freiheit hervor.

"Up or out" gilt auch für sie

Die Kirche, die Theologie und der Glauben als Hort der Freiheit – das ist es, woran sie glaubt und wofür sie sich einsetzt. Als Delegierte beim Synodalen Weg hat sie drei Grundvoraussetzungen für die weitere Mitwirkung der jüngeren Generation identifiziert: „Authentizität, Freiheit und Selbstwirksamkeit“. Mit Gott hat sie sich besprochen: „Solange Du mir hilfst, genug zu essen zu haben, dass wir ein Dach über dem Kopf haben und Klamotten“, solange kann sie sich die Wissenschaft leisten: „Ich mache das, solange es geht, und wenn es nicht mehr geht, mache ich was Anderes.“
„Up or out“, so heißt es auch bei ihr: Im akademischen Mittelbau gibt es nur wenige Stellen, entweder ist sie also richtig gut, es geht hinauf auf der Leiter und sie wird eines Tages Professorin, oder sie ist „out“ und macht etwas ganz anderes. Eckstein, die schon Basketball gespielt hat, Trampolin gesprungen ist, Karate gemacht hat, kennt ihre vielen Möglichkeiten. Ihr ist nicht bang. Oder sie zeigt es nicht.
Seit langem beschäftigen sie ihre sorbischen Wurzeln. Die Sorben sind eine Minderheit in Deutschland – Ecksteins Vorfahren kommen aus der Lausitz – und viele ihrer Verwandten sprechen die sorbische Sprache, die ein wenig wie Tschechisch klingt, und pflegen ihre eigene Kultur. Als Dresdnerin zählt sich Eckstein zu den „urbanen Sorben“, die zum Beispiel Sorbischunterricht organisieren, sorbische Gottesdienste und Feste feiern und sich mit dem Schicksal ihrer Vorfahren befassen, die im eigenen Land kolonisiert und unterdrückt wurden. Sie lernt konsequent Sorbisch und spricht diese Sprache mit ihren Kindern, seit Neuestem will sie auch, dass die drei auf Sorbisch antworten. Warum? „Ich will meinen Kindern etwas geben, das ich selbst nicht hatte.“ Denn Sorbisch wurde in ihrer Familie nur gesprochen, bis sie etwa fünf Jahre alt war. Und sie will, dass ihre Kinder Möglichkeiten haben: persönlich, sprachlich, politisch und familiär, die Möglichkeit, sich zu entscheiden.

Sie zählt sich zu den „urbanen Sorben“

Sie ist überzeugt, dass ein starkes Augenmerk auf die sorbische Geschichte Sachsens zur Versöhnung in dem östlichen Bundesland beitragen kann. Was sie für richtig erkannt hat, das verfolgt sie, daran hält sie fest. Gegenwind macht ihr erstmal nichts aus. Ist sie gewöhnt.
So hält sie es auch mit der Kirche. Obwohl sie glaubt, dass „Rom“ nicht verstanden hat, „dass es brennt“, ist ihr Gottglaube unerschüttert. Als Alttestamentlerin weiß sie viel über die Wege Gottes mit den Menschen. Das Buch Hiob kennt sie genau. Als Hiob sich beklagt, setzt Gott zu einer großen Rede an. Es geht um seine Größe und darum, dass die Menschen ihn nicht ausrechnen können. Das tröstet Hiob. Und das beeindruckt auch Juliane Eckstein.

Von Ruth Lehnen

 

GEFRAGT... GESAGT...

„Konsequenzen fürs Tun“

In der Rubrik „Gefragt ... gesagt“ geben die „gefragten Frauen“ möglichst spontan Antworten.

Durch wen und wie sind Sie zum Glauben gekommen?
Juliane Eckstein: Durch Ereignisse und Gruppen, die mich beeinflusst und inspiriert haben, durch meine Eltern und die Großfamilie, durch katholische und evangelische ChristInnen und Menschen aus anderen Religionen.

Was gibt Ihnen Ihr Glaube?
Komische Frage. Was bringt mir, dass die Pflanzen grün sind? Glauben bedeutet, sein Leben so auszurichten, als ob’s wahr wäre, dass Gott existiert. Das hat Konsequenzen fürs Tun. Das heißt, mit Schwierigkeiten anders umzugehen, andere Risiken einzugehen, andere Prioritäten zu setzen und hoffentlich, großzügiger und flexibler mit neuen Situationen umzugehen.

Haben Sie je daran gedacht, aus der Kirche auszutreten?
Nicht ernsthaft.

Welche Veränderung wollen Sie als Frau in der Kirche noch erleben?
Ich möchte, dass Frauen rund um den Erdball selbstverständlich Theologinnen sein dürfen und als solche angesehen werden.

Was war Ihr schönstes Erlebnis im Glauben?
Vom Anselmschen Gottesbeweis zu lesen und zu erfahren, wie Leben und Bibel zusammenkommen. Es gibt auch andere Momente, die sehr schön waren, zum Beispiel ein Gottesdienst im Heiligen Land, in der palästinensischen Enklave El Qubeibeh, bei den Salvatorianerinnen.

Ihre liebste Bibelstelle?
Besonders mag ich Jesaja 40,1 bis 11. Daraus am liebsten Vers 4: „Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben.“ Die gesamte Schöpfung bereitet sich auf Gott vor. Seitdem ich einmal mit KommilitonInnen stundenlang durch ein Wadi in der judäischen Wüste gewandert bin, spricht mich die Verheißung, die in diesen Worten steckt, besonders an. Aus dem Neuen Testament ist es das Gleichnis von den Vögeln des Himmels und den Lilien auf dem Felde, Matthäus 6,25 bis 34.

Was Sie schon immer mal sagen wollten?
Kirche als Leib Christi wird es immer weiter geben.

 

ZUR PERSON

Juliane Eckstein, Übersetzerin und Theologin

  • Dr. Juliane Eckstein stammt aus der Nähe von Dresden.
  • Sie hat verwandtschaftliche Wurzeln in der sorbischen Minderheit, die ihre eigene Sprache spricht und ihre eigene Kultur hat.
  • Nach Aufenthalten in Leeds, England, und Granada, Spanien, legte sie 2008 ihr Diplom als Dolmetscherin an der Uni Leipzig ab.   
  • Die heute 39-Jährige entschied sich danach für das Studium der katholischen Theologie, verbrachte auch ein theologisches Studienjahr an der Dormitio Abtei in Jerusalem.   
  • Seit 2018 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Einleitung in die Heilige Schrift und Exegese des Alten Testaments an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main, seit 2021 auch wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung Altes Testament der Katholisch-Theologischen Fakultät der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
  • Ihre Forschungen gelten unter anderem dem Buch Hiob und der Bibelübersetzung.
  • Sie nimmt am Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland teil, delegiert vom Katholisch-Theologischen Fakultätentag. Außer ihrer wissenschaftlichen Arbeit veröffentlicht sie Artikel zum Beispiel zum Synodalen Weg und anderen politischen und theologischen Themen und ist aktiv auf Twitter.
  • Sie spricht außer Deutsch Spanisch, Englisch, Französisch und Sorbisch, versteht Hebräisch, Lateinisch, Griechisch und hat Grundkenntnisse im Aramäischen und Polnischen.
  • Mit ihrem Mann hat sie drei Kinder.
Ruth Lehnen