Ärztin gründet Hilfsorganisation

Die Idee kam im Schlaf

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Susanne Pechel mit einer älteren Frau in Indien
Nachweis

Foto: CED

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Dankbare Gesichter: Susanne Pechel hilft mit ihrer Organisation unter anderem in Indien.

Die Münchner Ärztin Susanne Pechel hat eine eigene Hilfsorganisation aufgebaut, den Christlichen Entwicklungsdienst. Er versorgt Notleidende in Indien, Peru und Tansania mit Bildung, Medizin und Nahrung. Rund eine halbe Million Menschen haben bisher davon profitiert.

Es begann mit einem Traum. Susanne Pechel hatte ihn im Herbst 1991 in der Dominikanischen Republik. Die damals 25-Jährige war von einem Jesuiten in den Karibikstaat eingeladen worden, um den Erlös einer von ihr organisierten Kirchenlieder-Benefiz-CD zu überbringen. Damit sollten Menschen im abgelegenen Grenzgebiet zu Haiti medizinisch versorgt werden. In einer Nacht träumte die angehende Ärztin, dass Christen unterschiedlicher Konfessionen gemeinsam Hilfsprojekte auf der ganzen Welt unterstützen. Sie nannten sich Christlicher Entwicklungsdienst (CED).

Zunächst tat die Medizinstudentin den Traum als „gute Idee für den Ruhestand“ ab. Das sollte sich jedoch bald ändern. Denn bei der Scheckübergabe tags darauf versprach sie den dominikanischen Bergbauern, „dass ein Krankenhaus für sie gebaut wird“. Sie dachte, eines der Hilfswerke, zu denen sie Kontakt hatte, werde sich der Sache annehmen. Aber keines war dazu bereit.

Daraufhin boten Bekannte, denen sie von ihrem Traum erzählte, an, sie beim Aufbau einer eigenen Hilfsorganisation zu unterstützen, darunter der damalige Pfarrer von St. Joseph im Münchner Stadtteil Schwabing, der Kapuziner Karl Kleiner. Seine Pfarrei war Pechel schon lange zur inneren Heimat geworden. Als einziges Kind einer alleinerziehenden Mutter – ihr Vater starb, als sie drei Jahre alt war – ging Susanne oft allein in die Kirche, „um den lieben Gott zu besuchen“. Besonders gern hielt sie sich in der Nähe des Tabernakels auf: „Es hat mich immer zum Allerheiligsten hingezogen. Da fühlte ich eine große Gottesnähe.“

Nicht nur Gott, auch notleidenden Menschen fühlte sich Pechel früh nahe. Als Sechsjährige bastelte sie aus Creme-Schachteln ihrer Mutter Spendendosen für hungernde Kinder im Sudan, die sie auf Plakaten gesehen hatte. Mit 16 Jahren organisierte sie ein Benefizkonzert für eine Schule in Kalkutta, die der CED bis heute unterstützt. Sie leitete das Konzert auch gleich noch selbst, nachdem der Dirigent eine Woche vorher einen Fahrradunfall gehabt hatte. Sie sei damals von demselben Gottvertrauen erfüllt gewesen wie bei ihrem Versprechen 1991, sagt Pechel rückblickend.

Gottvertrauen kennzeichnet die CED-Gründerin nach wie vor. Am stärksten hat sie es ausgerechnet in Kalkutta erfahren. Sie besuchte die indische Metropole, nachdem jemand behauptet hatte, dort sei die Lage – anders als in der Dominikanischen Republik – hoffnungslos: „Da habe ich gesagt: ,Hoffnungslos kann ich mir als Christ nicht vorstellen‘, bin nach Kalkutta gefahren und muss wirklich sagen: So viel Hoffnung wie in Kalkutta habe ich noch an kaum einem anderen Platz auf der Welt gefunden.“

"Hoffnungslos kann ich mir als Christ nicht vorstellen."

Besonders ausgeprägt war diese Haltung bei Ordensfrauen, an die Mutter Teresa die junge Deutsche verwiesen hatte. Die „Little Sisters of the Poor“ mussten ihr jahrhundertealtes, einsturzgefährdetes Armenhaus für zwei Millionen D-Mark abreißen und neu errichten lassen, um ihre Hilfe für die Armen fortsetzen zu können. Auf Pechels Frage: „Wie wollt ihr das schaffen?“, antworteten die Schwestern: „Wir vertrauen Gott.“

Die Besucherin ließ sich von diesem Gottvertrauen anstecken. „Wir haben es geschafft, die Gelder zusammenzusammeln, um dieses Armenhaus zu finanzieren sowie weitere Bauprojekte in Indien und anderen Ländern, darunter zwei Krankenhäuser für die Bergbauern in der Dominikanischen Republik“, sagt sie.

Im Laufe der Jahre unterstützte der CED insgesamt rund eine halbe Million Bedürftige mit Nahrungsmitteln, Ausbildungsprogrammen und Medizin – ungeachtet ihrer Religion, ethnischen Zugehörigkeit oder sexuellen Identität. Vor allem Schulen liegen Pechel am Herzen. „Bildung ist die nachhaltigste Entwicklungshilfe, die ich kenne, denn wenn man einem Menschen Bildung gibt, dann kann er so viel weitergeben an sein Umfeld.“ So baut der CED nun mit ehemals geförderten Schülerinnen in Tansania, die heute in unterschiedlichen Berufen arbeiten, eine Klinik für die Armen auf.

Die Kraft für ihr Engagement gibt Pechel ihr Glaube. „Ich gehe in den Gottesdienst, sooft ich kann, lese die Bibel, so viel ich kann, und bete, sooft und so viel ich kann.“ Sie hält sich zudem an den Apostel Paulus, der aufrief, nicht müde zu werden, das Gute zu tun. Dennoch räumt die 58-Jährige mit leicht ergrauten Locken ein: „Man ist manchmal sehr müde. Aber Gott gibt immer neue Kraft. Wenn er Menschen einen Auftrag gibt, dann gibt er auch die Kraft dazu. Wir müssen nur dran glauben. Vor allem an den Tagen, an denen wir nicht so viel Kraft haben, und das werden leider, je älter man wird, immer mehr.“

Damit ihr Hilfswerk über ihre Lebenszeit hinaus besteht, hat Pechel es schon 2005 in eine gemeinnützige Stiftung überführt und ihr Privatvermögen darin eingebracht. Die Verwaltung hat sie seit einem Jahr gemeinsam mit zwei Frauen inne, die ebenfalls in Teilzeit für den CED arbeiten. Zuvor leitete die Tropenärztin die Organisation mit mehr als zweitausend aktiven Förderern und rund zweihundert ehrenamtlichen Helfern 33 Jahre lang ehrenamtlich.

Die Ursache für all das Leid, das der CED lindern hilft, liegt für Pechel übrigens auf der Hand: „Das schreibe ich unserem menschlichen Charakter zu und nicht Gott. Er ruft uns auf, da zu sein für die Armen, ihnen zu helfen, abzugeben, zu teilen. Wenn wir wirklich alle danach leben würden, wäre diese Welt tatsächlich eine bessere.“

Karin Hammermaier

Mehr Infos zum Christlichen Entwicklungsdienst finden Sie unter www.ced-stiftung.de.