Auf ein Wort

Die Weisheiten der Seerosen

Was haben Seerosen mit dem Lukasevangelium zu tun? Gedanken unseres Autors Pierre Stutz.

Ich mag Seerosen, schon immer. Gerne verweile ich an einem Seerosenteich, es entspannt und inspiriert mich. In einer schweren Lebenskrise haben mir Seerosen einen wohlwollenden Blick auf mein Leben geschenkt. Befreiend war dabei die Entdeckung, dass Seerosen sich öffnen und sich schließen. Sie sind voll präsent und sie schützen sich.

Es ist lebensnotwendig, sich einen gesunden Rhythmus zwischen Engagement und Erholung anzueignen. Noch existenzieller war meine Entdeckung, dass Seerosen im Schlamm verwurzelt sind: Auch aus dem Schlamm in meiner Lebensgeschichte kann etwas Wunderschönes wachsen. Damit rede ich die Welt nicht schön, ich kenne zu viele Menschen, die am Schweren zerbrochen und durch Suizid gestorben sind. Trotzdem sehe ich unsere Lebensaufgabe in der gegenseitigen Ermutigung, auch an durch-kreuzten Plänen und Durststrecken reifen zu können.

Die Gebetsspiritualität im Lukasevangelium erzählt von diesem Vertrauen, in den vielfältigen Lebenssituationen begleitet zu sein. Wir werden bestärkt, für das Wunderbare zu danken und auszusprechen, woran wir und andere leiden. Zum Vertrauen in eine göttliche Begleitung gehört allerdings auch ein lebenslanges Verinnerlichen, dass unsere Bitten und Wünsche nicht einfach so erfüllt werden. Sie sind wie alles Wesentliche im Leben nie zu HABEN, sondern im Werden. Es bedeutet auch, nicht immer nur suchen zu müssen, sondern sich unerwartet finden zu lassen, auch von Seerosen.

Pierre Stutz