Profanierung von Kirchen

Entwidmete Mauern

Image
Ein Foto als Erinnerung: Nach fast 70 Jahren sind Gläubige zum letzten Gottesdienst in der Marienkirche in Geisenheim zusammengekommen
Nachweis

Fotos: Volker Rohrbach

Caption

Ein Foto als Erinnerung: Nach fast 70 Jahren sind Gläubige zum letzten Gottesdienst in der Marienkirche in Geisenheim zusammengekommen.

Mit einer Profanierung endet die sakrale Nutzung einer Kirche. Drei Menschen erzählen, wie sie einen solchen Abschied erlebt haben. Von Verlust, Glaubensheimat und Erneuerung.

Der alte Leiterwagen in der Kirche war ein Fundstück. In einer Garage vergessen, wiederentdeckt und zu einem zentralen Teil eines endgültigen Aktes erklärt. An einem Samstag im Juni dieses Jahres steht Pfarrer Frank Schindling ein letztes Mal vor der Gottesdienstgemeinde in der Kirche St. Stephan in Wiesbaden-Delkenheim. Wie andere vor ihm legt er Gegenstände in den kleinen Wagen und teilt einen Gedanken dazu, der ihm wichtig ist. Er wählt Kelch und Hostienschale, erinnert sich Schindling. Am Ende des Gottesdienstes zieht er den Leiterwagen gemeinsam mit dem evangelischen Pfarrer Oliver Albrecht aus der Kirche hinaus, die jetzt keine Kirche mehr ist. Mit dem Profanierungsgottesdienst endet nach über 50 Jahren die sakrale Geschichte dieses Kirchraumes – das Gemeindeleben aber nicht.

„Ich will an Kirche bauen“

Was bedeutet es aber, wenn eine Kirche als Kirche verschwindet? Für Pfarrer Schindling liegt die Antwort in einer Unterscheidung: Mit St. Stephan gehe ein liebgewonnenes Haus verloren. „Das sind Mauern, mit denen Menschen viel verbinden. Aber das ist nicht Kirche. Kirche ist immer die Gemeinschaft der Menschen, die in einer Hoffnung und einem Glauben und hoffentlich auch einer Zuversicht miteinander unterwegs sind.“

Dass die Kirche in Delkenheim nicht erhalten werden konnte, sei schon Jahre bekannt gewesen – und selbst von der Gemeinde beschlossen worden, sagt Schindling. Ein schadhaftes Dach habe den Ausschlag gegeben. Die Pläne für ein Danach waren bereits fortgeschritten: Auf einen geplanten Abriss hätte ein kleinerer Neubau folgen sollen, das Bistum Limburg unterstützte finanziell, wie Schindling sagt. „Wir hatten bereits einen wunderschönen Kirchraum entworfen: nicht nur für Delkenheim, sondern für die gesamte Pfarrei.“ Es sollte anders kommen. Die Gemeinde entschied sich um.

„Ich bin nicht Pfarrer geworden, um Kirchen abzugeben. Ich will an Kirche bauen“, sagt Schindling. Das sei aber unabhängig von Gebäuden. „Wir brauchen unsere Kirchen als Ort der Begegnung, keine Frage.“ Jesus habe Menschen ausgesandt und in alle Welt geschickt. „Er hat nicht gesagt: Verzieht euch in eure Gebäude und wartet, dass möglichst viele kommen.“

Die Wende für die Pläne der Gemeinde kam aus drei Richtungen, wie Schindling sagt: Er selbst habe schon länger über eine ökumenische Lösung nachgedacht. Zugleich habe auch das Bistum Fragen nach einer Alternative zu einem Neubau anklingen lassen. Als die evangelische Kirche Delkenheim schließlich vor eigenen Raumfragen stand, trafen diese drei Linien an einem Punkt zusammen, wie Schindling sagt. Am Ende verwarf die katholische Gemeinde ihre Pläne und nutzt seit dem Sommer das evangelische Gemeindehaus und den sogenannten „Ländchesdom“ in Delkenheim mit.

Emotionen und eine mobile Gesellschaft

Auch Marcus Fischer kennt den Zwiespalt zwischen persönlichem Wunsch und der Realität von Profanierungen. „Ich persönlich möchte keine Kirchen schließen. Aus sachlichen Gründen muss ich es aber in meiner Funktion als Pfarrer.“ Als er 2015 zur Pfarrei Heilig Kreuz Rheingau stößt, ist die 1956 geweihte Marienkirche in Geisenheim bereits seit zwei Jahren geschlossen – aber bislang nicht profaniert. Fischer erinnert sich, wie emotionsgeladen die Frage der Marienkirche war: Als neuer Pfarrer habe er mit seinem Kollegen Michael Pauly mit den Menschen über die Kirche sprechen wollen, lud zu einem Abend ins Kegelheim ein. „Das Lokal war randvoll mit Leuten. Es ging eine Stunde hoch her. Wir mussten uns vieles anhören, viele angestaute Emotionen, bis wir dann sachlich reden konnten.“ Dabei war die große Marienkirche geschlossen worden, weil nicht mehr genug Menschen kamen, wie Fischer sagt.

Verlust der Glaubensheimat

Trotzdem habe die Schließung viele Emotionen ausgelöst. „Wir haben uns den Ärger der Menschen angehört“, sagt er. Die Geschichten von Eltern, die für die Kirche gespendet hatten, wo geheiratet, getauft und getrauert wurde. „Wenn man katholischen Christen ein Gotteshaus nimmt und allen wäre es egal, dann müssten alle Alarmglocken läuten“, sagt er. Aber es habe nicht nur laute, wütende Stimmen gegeben. Einige hätten auch gesagt, die Schließung ergebe Sinn; es sei doch niemand mehr gekommen.

Der Profanierungsgottesdienst fand schließlich 2024 statt. Die Marienkirche war voll, erinnert sich Pfarrer Fischer. „Manche sind nicht gekommen. Ich glaube, weil sie sich das emotional nicht antun wollten.“ Wenn eine Kirche verschwindet, sei das natürlich ein Schmerz, sagt er. „Man nimmt Menschen dann auch Heimat. Und ja, es gibt eine Glaubensheimat. Menschen können auch in einer speziellen Kirche ein Zuhause haben.“

Aber: „Wenn heute eine Kirche profaniert wird, geschieht das in einer Gesellschaft, die sehr mobil ist“, sagt Fischer. Anders als vor 50 Jahren bewegten sich die Menschen auch in ihrer Region. 1,2 Kilometer entfernt von der Marienkirche steht die als Rheingauer Dom bezeichnete zentrale Pfarrkirche in Geisenheim. Älter als 500 Jahre. „Die werden wir nicht schließen und abgeben“, sagt Fischer.

Glaube hängt nicht an Mauern 

Der Erhalt von Kirchen und kirchlichen Gebäuden beschäftigt nicht nur einzelne Gemeinden. In den Bistümern Limburg, Fulda und Mainz wird an Immobilienstrategien gearbeitet, um sinkenden Mitgliederzahlen, begrenzten finanziellen Mitteln und pastoralen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Was es bedeutet, am eigenen Wohnort keine Kirche zu haben, weiß Margarete Steinbrecher. In Ihrem Wohnort im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis gibt es keine katholische Kirche. „Der Ort ist urevangelisch, insofern musste ich schon immer zu anderen Kirchen um den Ort herum fahren“, sagt sie. Vier Profanierungen habe sie als engagiertes Mitglied der Gemeinde St. Josef Schwalmstadt-Neukirchen im Jahr 2022 erlebt, räumte Kirchen aus und ging zu Profanierungsgottesdiensten. Ihre „eigene“ Kirche St. Josef sei nicht darunter gewesen. Trotzdem habe sie besonders ihre erste erlebte Profanierung der St.-Bonifatius-Kirche in Schrecksbach getroffen. Wegen der Stimmung. „Die Leute dort hingen sehr an ihrer Kirche“ – auch wenn diese unter anderem wegen rückläufiger Besucherzahlen geschlossen worden sei.

„Praktisch unser gesamter Chor hatte Erstkommunion in St. Bonifatius, wurde dort gefirmt und hat dort teilweise auch geheiratet“, sagt Steinbrecher. Bei der Profanierung der Kirche habe sie vor allem eines gespürt: Hier ist etwas verloren gegangen. „Die Stimmung war sehr betrübt.“ Das habe auch sie getroffen.

Steinbrechers Haltung ist hingegen klar: „Gebäude sind nur dann sinnvoll, wenn sie uns ein Leben ermöglichen: bei der Familie in Liebe, bei der Kirche im Glauben. Eine leere Kirche nützt nichts.“ Sie sagt, durch viele Umzüge in ihrem Leben hänge sie nicht mehr an Gebäuden. Vielleicht fielen ihr Veränderungen dadurch auch leichter. Für sie persönlich spiele es keine Rolle, in welcher Kirche sie der Wandlung beiwohne oder die Hostie empfange.

Aber um die Menschen, für die St. Bonifatius teils seit Kindesbeinen an eine Rolle gespielt habe, um die habe sie sich gesorgt. Zurückgezogen hätten sich am Ende aber nur wenige. „Die meisten haben Angebote und Gottesdienste in den übrigen Kirchen der Gemeinde wahrgenommen“, sagt Steinbrecher.

Es geht immer weiter

Vier Profanierungen innerhalb eines Jahres hätten ihr vor allem eines gezeigt: „Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine neue.“ Menschen könnten so viele Pläne machen, es tauche immer etwas auf, womit man nicht gerechnet habe. „Auf der anderen Seite wird uns aber auch immer ein Weg eröffnet, wie es weitergeht.“ Letztlich sei der Glaube wichtig – und der hänge nicht an Mauern. Es sei die Gemeinschaft der Menschen, die gemeinsam beten und Gottesdienste feiern, die Kirche ausmachten. Es brauche nicht dieselben Mauern, um das zu tun, sagt Steinbrecher.

Trotzdem ist ihr wichtig, was aus entwidmeten Mauern wird. St. Bonifatius sei etwa verkauft worden, um dort Wohnraum entstehen zu lassen, die ehemalige Herz-Jesu-Kirche in Oberaula werde für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Würdige Zwecke für frühere Kirchen, findet Steinbrecher. Beispiele, dass aus Profanierung Neues und Schönes entstehen könne.

Auch der alte Leiterwagen von St. Stephan, vollgepackt mit den Erinnerungen der Gemeinde in Wiesbaden-Delkenheim, blieb nicht zurück. Pfarrer Frank Schindling hat ihn gemeinsam mit seinem evangelischen Kollegen beim Eröffnungsgottesdienst in den nun von beiden Konfessionen genutzten „Ländchesdom“ gefahren, wie er sagt. „Das hat mich sehr berührt.“ Aus dem Abschied wurde ein neuer Anfang.

Lisa Konstantinidis

Was passiert, wenn eine Kirche entwidmet wird?

Sebastian Stieler, Geschäftsführer des Teams Kirchliche Immobilienstrategie im Bistum Limburg, erklärt, was bei der Profanierung einer Kirche berücksichtigt werden muss.

 

Nach welchen Kriterien wird über die Profanierung einer Kirche entschieden?

Die Kirchliche Immobilienstrategie betrifft das gesamte Bistum Limburg. Alle Pfarreien prüfen, welche Gebäude für die künftige pastorale Arbeit benötigt werden. Ob eine Kirche umgenutzt oder aufgegeben wird, ist jeweils eine Einzelfallentscheidung. Als Leitlinie ist der Erhalt einer Kirche oder deren Umnutzung einem Abriss vorzuziehen.

Wer entscheidet über eine Profanierung?

Kirchenrechtlich entscheidet der Diözesanbischof nach Anhörung des Priesterrats über die Profanierung einer Kirche. In der Praxis gibt es zunächst einen Beschluss des Konzepts zu den Immobilien durch die Pfarreigremien und die Genehmigung durch das Bistum. Für jeden Einzelfall folgen Beratungen und Beschlüsse zum Verkauf. Im Bistum Limburg prüft zudem die „AG Umnutzung von Kirchen und Kapellen“ jedes Umnutzungsvorhaben und spricht eine Empfehlung aus.

Was bedeutet eine Profanierung konkret?

Bevor eine Kirche der liturgischen Nutzung zugeführt wird, wird sie in einem Ritus geweiht und so auf Dauer für den Gottesdienst „ausgesondert“ und dem profanen Gebrauch entzogen. Die Profanierung ist die Rückführung des geweihten Gotteshauses und markiert das Ende der gottesdienstlichen Verwendung der Kirche. Sie erfolgt durch ein Dekret des Bischofs, mit dem er in der Regel nicht nur die jeweilige Kirche, sondern auch die in ihr enthaltenen Altäre für profan erklärt.

Was geschieht mit dem Inventar der Kirche?

Altar und Tabernakel müssen vor einer weiteren Verwendung entfernt werden. Reliquien werden dem Reliquienbeauftragten des Bischofs übergeben. Liturgische Einrichtungsgegenstände und weitere sakrale Gegenstände, insbesondere Kunstgegenstände, werden in einem Inventar verzeichnet und aufbewahrt oder in anderen Kirchen und Kapellen genutzt.

Was darf nicht aus profanierten Kirchen werden?

Kirchen werden mit einer sogenannten Loyalitätsklausel verkauft, die unwürdige Nutzungen ausschließt. Das beinhaltet etwa den Verkauf an Sekten. Auch eine Nutzung als Spielhalle oder Bordell ist nicht erlaubt.

Wie viele Kirchen wurden im Bistum Limburg in den vergangenen Jahren profaniert?

Von 2004 bis heute wurden 35 Kirchen im Bistum Limburg profaniert.