Dialog mit Andersdenkenden
Frank Richter: „AfD-Wähler bleiben meine Mitmenschen“
Foto: imago/Matthias Wehnert
Sucht das Gespräch auch auf der Straße: Frank Richter in Görlitz
Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bieten Sie Gesprächsabende an mit dem Titel „Warum ich so gerne mit AfD-Wählern spreche“. Warum?
Ich rede grundsätzlich gerne mit Menschen, auch mit AfD-Wählern. Mit Vorliebe rede ich mit Menschen, von denen ich vermute, dass sie anders denken als ich.
Woher kommt dieses Interesse?
Es kommt aus mir. Ich habe als Kind gerne Schach gespielt. Was braucht man dafür? Konzentration, die Einhaltung von Regeln, eine eigene Strategie, Respekt vor dem Gegner und die Fähigkeit, sich in dessen Gedankenwelt hineinzubegeben. Und selbst wenn ich das Spiel verloren habe, hat es mir immer Freude gemacht.
Warum ist Ihnen der Dialog mit Andersdenkenden so wichtig?
Der Dialog ist essenziell für unsere Demokratie. Demokratie heißt die Integration aller. AfD-Wähler bleiben meine Mitmenschen und Mitbürger und sie bleiben Grundrechtsträger. Selbst wenn sie sich ihrerseits aus der demokratischen Ordnung verabschieden, können wir sie unsererseits nicht abschieben. Sonst würden wir – ich meine die überzeugten Demokraten – die eigenen Standards aufgeben.
Aber es gibt ja Menschen, die genau das wollen: die Demokratie aushöhlen.
Ja, ich bin nicht naiv. Die Intelligenz und die Kunst der politischen Debatte fangen doch aber gerade dort erst an, wo wir uns denen stellen. Wenn wir uns immer nur in den eigenen argumentativen Heimaten und Blasen bewegen, weichen wir der demokratischen Anstrengung aus. Die braucht es aber. Demokratie ist anstrengend – und zugleich wertvoll und friedensstiftend.
Was motiviert Sie, wenn Dialoge mal sehr anstrengend werden?
Ich liebe dieses Land, ich liebe Menschen und mein eigenes Leben. Leben heißt, sich zu bewegen – auch im Kopf. Ich glaube an die Menschwerdung Gottes. Er hat sich in Jesus ganz und gar eingelassen auf unsere Welt. Als Christ muss ich meine eigene Menschwerdung vorantreiben, und das heißt, eintauchen in die sich verändernde Welt.
Was heißt das konkret?
Vieles, unter anderem Folgendes: In jedem Idioten gibt es auch was Gutes. Das glaube ich; daran muss ich anknüpfen. Ich kämpfe gegen demokratiefeindliche Ideen, nicht gegen Menschen. Das eine vom anderen zu trennen, ist schwer. Aber wir müssen unterscheiden.
Zu Ihren Gesprächsabenden kommen viele unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Haltungen zusammen, um zu diskutieren und sich auszutauschen. Welchen Ton haben diese Abende?
Der wichtigste Ton ist der des Hörens. Ein ganz stiller Ton. Wer Gespräche nicht simulieren, sondern wirklich führen will, der muss persönlich und glaubwürdig hören wollen. Das muss man üben und ausstrahlen: Ich will nicht mich reden hören, ich will dich hören und verstehen.
Und was ist, wenn die andere Seite nicht hören will?
Extremismusforscher sagen, dass maximal vier bis fünf Prozent der Menschen absolut nicht hören wollen oder können. Die Allermeisten sind grundsätzlich bereit und fähig, sich mit anderen zu verständigen.
Wie ist das bei Ihren Gesprächsabenden?
Es kommen sowohl die einen als auch die anderen.
Wie gehen Sie mit denen um, die nicht mehr gesprächsbereit sind?
Es ist durchaus schon vorgekommen, dass ich ein Gespräch abgebrochen oder eine Person des Raumes verwiesen habe. Auch das ist Kommunikation. Auch das ist eine Botschaft: Ich muss mir nicht jede Unverschämtheit gefallen lassen. Außerdem bin ich als Moderator Anwalt des Publikums. Es gibt Menschen, die reißen das Wort an sich und wissen genau, wie sie Veranstaltungen stören und zerstören können. Dann muss ich einschreiten. Eine andere Grenze ist das Strafrecht.
Wie meinen Sie das?
Die Meinungsfreiheit in Deutschland ist gigantisch groß. Aber sie ist nicht unbegrenzt. Wenn ich als Moderator oder Veranstalter den Eindruck habe, dass das Strafrecht verletzt wird, etwa durch Aussagen, die den Holocaust leugnen, dann bin ich verpflichtet, einzuschreiten – und den Vorfall gegebenenfalls juristisch prüfen zu lassen. Das kommt selten vor – aber das gab es schon.
Was lernen Sie aus solchen Abenden?
Ich fühle mich bereichert, wenn es gelungen ist, Menschen in den Austausch zu bringen, wenn ich für mich selber neue Gedankenwelten entdeckt habe und andere in die kognitive Krise getrieben habe. Wenn es mir also gelingt, deren Gedankenwelt zu erschüttern. Das klingt hart, aber nur so funktioniert Verständigung.
Können Sie in den Köpfen etwas bewegen?
Davon bin ich überzeugt – und kommunikationstheoretisch ist das wohl auch so. Wenn am Ende alle nach Hause gehen, nehmen sie das Gehörte mit. Kein Gespräch ist je beendet, es geht im Kopf weiter. Ich bin mir sicher, dass diese Bemühungen sinnvoll sind.
Zur Person
Frank Richter (66) ist Theologe, laisierter Priester und Politiker. Von 2009 bis 2016 war er Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.