Weg in die Zukunft im Bistum Mainz

Gegen männerbündische Netze

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Bischof Peter Kohlgraf will die Kirche der Bischöfe Lehmann, Volk und Stohr hinter sich lassen. Das machte er in seiner Reaktion auf die Missbrauchsstudie "EVV" im Bistum Mainz deutlich. Der Weg in die Zukunft aber ist kein einfacher. Von Anja Weiffen 
„,Ich will eine andere Kirche‘ – ein großes Wort gelassen ausgesprochen“, entgegnet ein Journalist Bischof Peter Kohlgraf bei der Pressekonferenz zur Missbrauchsstudie. Zusammen mit Weihbischof und Generalvikar Udo Markus Bentz und Stephanie Rieth, Bevollmächtigte des Generalvikars, stellte sich Kohlgraf im Erbacher Hof in Mainz den Fragen der Presse. Kohlgraf richtete dabei den Blick nach vorn: „Ich will heute eine andere Kirche gestalten. Diesen Wunsch nehme ich bei vielen Gläubigen ebenfalls wahr. Es gibt ein systemisches Versagen. Fehlende Verantwortungsübernahme hat Missbrauch begünstigt.“ Wie soll dieser Anspruch umgesetzt werden? Eine Antwort sieht Kohlgraf vor allem in einer synodalen Kirche, „die Menschen einbindet in Beratungen und Entscheidungen“. 

Keine Übergabe bei Bischofswechsel

Wie sich die „andere Kirche“ gestalten kann, wird auch bei der Pressekonferenz deutlich: Eine Frau sitzt mit auf dem Podium, ist Teil der Bistumsleitung. Vor elf Monaten startete Stephanie Rieth in das Amt der Bevollmächtigten des Generalvikars. In dieser Aufgabe verantwortet sie vor allem Intervention, Prävention und Aufarbeitung. Das neue Amt hat Rechtsanwalt Ulrich Weber, Autor der Studie „Erfahren. Verstehen. Vorsorgen“ (EVV), als eine Weichenstellung bezeichnet und positiv bewertet, auch dass das Thema nun operativ bei der Bistumsleitung angesiedelt ist. 
Die EVV-Studie belegt: In der Vergangenheit wussten die Bischöfe von den Missbrauchsfällen. Aber Verantwortlichkeiten wurden vor allem unter Volk und Lehmann auf untere Ebenen abgeschoben. Mal war der Offizial hauptsächlich involviert wie unter Volk oder der Generalvikar und der Justiziar wie unter Lehmann. Kohlgraf spricht in seiner Stellungnahme unter anderem von „männerbündischen Netzen“, mit denen Missbrauch verbunden ist, sowie in Sachen Entscheidungen von „einsamen, nicht kommunzierten Vorgängen“. Dazu passt in der Studie auch die Schilderung, dass es beim Bischofswechsel Lehmann/Kohlgraf keine Übergabe stattfand. „Ich hatte ehrlich gesagt keine Betriebsübergabe, das war meine Startsituation“, wird Kohlgraf in der Studie zitiert, ebenso Bentz: „Es gab hier im Flur einen riesigen Schrank mit Akten und Stapel von Papieren. […] Ich habe wirklich von Null angefangen. […] Wir mussten uns in den ersten Jahren immer durchfragen.“ 
Der Diözesanverband des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) bestätigt die Probleme mit der vorherigen Bistumsleitung. BDKJ-Diözesanvorsitzende Nadine Wacker: „Wir sind schockiert von dem, was die Studie offenbart. Die Darstellungen bestätigen unsere Befürchtungen und die Erfahrungen, die der BDKJ Diözesanverband in früheren Zeiten mit der damaligen Bistumsleitung hinsichtlich des Umgangs mit Missbrauchsmeldungen  machte.“ Seit dem Amtsantritt von Bischof Kohlgraf nimmt der BDKJ einen Kulturwandel wahr. „Prävention, Intervention und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt ist Chef*innen-Sache geworden.“ 

Auch fehlendes Fachpersonal ist Problem

Bei der Pressekonferenz nennt Stephanie Rieth Inhalte, wie sich Intervention, Prävention und Aufarbeitung weiterentwickeln sollen. Denn in der EVV-Studie wird nicht nur der große Aufklärungswille der aktuellen Bistumsleitung gelobt, sondern auch auf Mängel auf organisatorisch-kommunikativer Ebene im Umgang mit Betroffenen hingewiesen. Hier stellt laut EVV auch der „Fachkräftemangel“ ein Problem dar. Rieth teilte mit, dass das Personal bei Intervention, Aufarbeitung und Prävention verstärkt wurde und die Ressourcen nahezu verdoppelt. Sie kündigte an, mit Gemeinden und Einrichtungen noch stärker ins Gespräch zu kommen. 
Die Studie zeigt klar die weiteren Aufgaben, sagte Rieth. Dafür habe sie als Bevollmächtigte des Generalvikars Verantwortung übernommen, die sie gemeinsam mit dem Generalvikar und dem Bischof trägt. „Und ich bin mir der besonderen Aufgabe bewusst, dass ich als nicht-geweihte Person, als Frau in der Bistumsleitung, eine Perspektive einbringe, die den bisherigen rein innerklerikalen Umgang mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs durchbricht.“

Von Anja Weiffen

Hinweis: Der Artikel wurde aktualisiert.

Anja Weiffen