Impuls zur Sonntagslesung am 14. Juni 2026
Geht und verkündet!
Foto: Privat (Evers) und Christina Jonassen (Evers)
Zwei, die sich mit Verkündigung auskennen: Kirsten Ludwig und Felix Evers.
Sie will den Mangel als Chance sehen
„Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter“, heißt es im Evangelium an diesem Sonntag. „Ja, das stimmt. Und finde ich es schade? Ja, natürlich“, sagt Kirsten Ludwig. „Ich finde es schlimm, dass sowohl in der Priesterausbildung als auch in der Ausbildung für Pastoral- und Gemeindereferentinnen kaum noch Nachwuchs ist. Das würde ich mir anders wünschen. Aber das ist kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.“
Ludwig arbeitet als Pastorale Koordinatorin in der Pfarreiengemeinschaft Ankum-Eggermühlen-Kettenkamp im Bistum Osnabrück. Etwa 7000 Katholiken gehören zur Pfarrei, drei Kirchen, drei Kindergärten. Seit sieben Jahren arbeitet sie in der Gemeinde und teilt sich die Leitungsaufgaben mit dem Pfarrer.
Wenn sie das Evangelium hört, von den Arbeitern, die für die Ernte benötigt werden, setzt bei Ludwig ein gewisser Pragmatismus ein: „Meine Mutter hat für mich einen Satz geprägt: Das ist jetzt, wie es ist, und wir müssen das Beste daraus machen.“ Nicht im Sinne eines sehnsüchtigen Rückblicks auf das Vergangene, sondern mit großem Elan für die Zukunft. „Wir haben einen Priestermangel, einen Fachkräftemangel und einen Mitgliedermangel. Aber in dieser Situation stecken auch Chancen. Wir haben die Möglichkeit, nun ernsthaft zu schauen: Was geht noch? Was brauchen wir? Und was lassen wir?“
Das hat sie schon in ihrer Jugendarbeit gelernt. Sie erzählt, der Diakon in ihrer Heimatgemeinde habe sie als Jugendliche in der Leiterrunde der Katholischen Jungen Gemeinde gefragt: Wenn ihr was zu Sankt Martin machen wollt, tut ihr das, weil das jahrzehntelang so gemacht worden ist? Oder weil das eine Bedeutung für euch hat? „Diesen Satz habe ich nicht vergessen“, sagt Ludwig. Und die Haltung hat sie für sich übernommen.
In der Pfarreiengemeinschaft trifft sie heute auf viele Menschen, die Lust haben, Neues auszuprobieren. Seit zwei Jahren bieten sie zum Beispiel am Karsamstag auf Anregung einer Mutter aus der Erstkommunionvorbereitung eine Speisensegnung an. Vor allem polnische Familien kommen dazu aus der ganzen Umgebung. „Dann stand nach dem Gottesdienst eine Frau vor mir und sagte, dass sie sich zum ersten Mal in der Kirche in Deutschland gesehen fühlt. Sowas macht mich betroffen – ist aber auch ein Ansporn.“
In ihrem Beruf kümmert sich Ludwig um die Finanzen der Pfarrei, um das Personal und momentan vor allem um die Zukunft der verschiedenen Gebäude. Bei all der Bürokratie möchte sie den Auftrag Jesu aus dem Evangelium nicht vergessen: Geht und verkündet, das Himmelreich ist nahe! „Wir müssen uns immer wieder darauf fokussieren, warum wir das alles tun. Wofür ärgern wir uns mit Strukturprozessen herum? Was ist der eigentliche Kern unseres Tuns?“, fragt Ludwig. Die Verwaltungsarbeit, aber auch die Arbeit in Gremien dürfe nicht zum Selbstzweck werden. Ludwig sagt: „Deswegen finde ich es so wichtig, zum Beispiel mit einem Gebet zu starten oder zu enden. Oder immer wieder die Botschaft des Evangeliums bei der Arbeit durchscheinen zu lassen.“
// Kerstin Ostendorf
Er will den Menschen Ruhe verschaffen
Ja, in diesem Evangelium kann sich Felix Evers gut wiederfinden. „Es ist für mich ein Gegenbild zu dem, was ich oft in der Kirche erlebe: dass wir Kraft für Strukturprozesse einsetzen, statt zu den Menschen zu gehen, um sie für Jesus zu gewinnen. Dass wir jammern über Abbrüche, statt einfach aufzubrechen.“
Evers ist Priester und leitet die Pfarrei St. Paulus, Apostel der Völker in Hamburg. Fünf Kirchen gehören dazu, drei Kitas, zwei Schulen – und Menschen aus 100 Nationen. „Bei uns ist die Welt zu Hause“, sagt er.
Ist er von all dem, was täglich auf ihn zukommt, manchmal „müde und erschöpft“, wie es im Evangelium heißt? „Ja!“, sagt Evers ohne Zögern. „Oft.“ Und setzt hinzu: „Übrigens hat mich das aus der Chefetage schon sehr lange niemand gefragt. Seelsorge für Seelsorger funktioniert nicht.“ Regelmäßige Exerzitien sind für ihn wichtig. Und das Wissen, dass es anderen noch schlechter geht. „Wenn ich erlebe, wie erschöpft Kinder und Jugendliche manchmal sind, relativiert sich meine eigene Müdigkeit.“
Gibt es also, wie Jesus sagt, zu wenige Arbeiter im Weinberg des Herrn? Evers schüttelt den Kopf. „In allen Gemeinden, in denen ich war, habe ich viele Männer und Frauen gefunden, die mitgearbeitet haben.“ Er könnte sich gut vorstellen, dass Ehrenamtlichen die Hände aufgelegt werden, um sie mit der Leitung einer Ortsgemeinde zu beauftragen. „Es gibt nicht zu wenige Arbeiterinnen und Arbeiter, sie werden einfach zu wenig wahrgenommen.“
Früher auch von ihm, wie er selbstkritisch zugibt. „Jesus schlägt vor, für Berufungen zu beten, und das mache ich auch“, sagt Evers. „Aber als ich junger Kaplan war, dachte ich noch, damit seien vor allem Priester gemeint. Bis auf einmal in meiner Gemeinde zwei Frauen von Jesus berufen wurden – das hat meine Sichtweise geändert.“
Im Evangelium sendet Jesus zu verschiedenen Aufgaben aus: verkünden, heilen, aufwecken, Dämonen vertreiben. Was liegt ihm am nächsten? „Heilen“, sagt Evers. „Mein größter Wunsch ist es, den Menschen Ruhe zu verschaffen. Viel zu lange hat die Kirche mit ihrer Verkündigung Angst, Schuld und Scham verbreitet und die Menschen damit krank gemacht.“ Solche „dämonischen Gottesbilder“ möchte er vertreiben.
Bleibt der letzte Satz des Evangeliums: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ Was hält Evers davon? „Für mich heißt das: Bei Gott gibt es nichts zu verdienen, im Himmel gibt es kein Bankkonto.“ Gottes Liebe, sagt er, „empfangen wir als Geschenk, ganz ohne Vorleistungen“. Und genauso will er sie weitergeben.
Er sieht das auch als Gegenbild zur Leistungsgesellschaft. „Viel zu oft sagen alte Menschen: Ich bin zu nichts mehr nütze, ich will niemandem zur Last fallen. Aber wir müssen nichts leisten, um voll Würde zu sein. Auf diese Frohbotschaft wartet die verwundete Schöpfung Gottes.“
Zur Sache
Kirsten Ludwig stammt aus dem Münsterland. Seit 2019 ist sie Pastorale Koordinatorin in der Pfarreiengemeinschaft Ankum, Eggermühlen und Kettenkamp.
Felix Evers stammt aus Mecklenburg. Seit 2019 leitet der Priester die Pfarrei Paulus, Apostel der Völker im Hamburger Osten.