"Keiner unserer Verstorbenen soll vergessen sein"
Grabsteine erinnern an unsere Liebsten
Foto: Andrea Kolhoff
Der Grabstein auf dieser Urnensammelgrabstelle in Ostercappeln nennt auf einzelnen Plaketten die Namen der dort beigesetzten Verstorbenen.
Grabsteine gehören zu Friedhöfen als Teil der Erinnerungskultur. Und diese Erinnerungskultur ist wichtig, damit die Verstorbenen nicht vergessen sind. „Menschen brauchen einen Ort für ihre Trauer“, sagt Diakon Uwe Roß aus Bersenbrück. Für viele sei das nach wie vor ein Friedhof. „Und wenn sie dann am Grab stehen, wissen sie: die sterblichen Überreste sind hier.“ Dort könne man in einen stillen Dialog mit dem Verstorbenen treten und auch untereinander ins Gespräch kommen. Vielleicht fragt die Enkelin: „Wann ist Opa denn genau gestorben?“ – dann kann ein Grabstein Auskunft geben. Vorausgesetzt, diese Daten sind eingraviert, nicht nur Geburts- und Sterbejahr.
Doch das ist nicht immer der Fall und oft gibt es heutzutage gar keinen Grabstein mehr. Die Art der Bestattungen hat sich seit 1990 stark gewandelt, mittlerweile seien es etwa 89 Prozent Urnenbestattungen, so Diakon Roß. Nur noch wenige Angehörige wählen eine Familiengrabstelle für Erdbestattungen, die Platz für zwei oder mehr Särge hat. Somit gebe es auch kaum noch Gelegenheit, wie früher einen großen Grabstein aufzustellen, sagt Uwe Roß, der im Zivilberuf Steinbildhauermeister ist.
Der Trend geht seit Jahren zur Urnenbestattung, weil die Menschen ihre Angehörigen nicht mit der Grabpflege belasten wollen. Also wurde in der Vergangenheit oft ein Urnenreihengrab gewählt, das die Friedhöfe unter einer Rasenfläche anbieten – ohne Grabstein selbstverständlich, denn die Fläche muss gut zu mähen sein. Diese Wahl wurde nicht immer mit der Familie besprochen. „Und dann kommen die Leute zu uns und wollen eine Grabvase oder ein Grablicht kaufen und stellen fest, dass sie es dort nicht aufstellen dürfen“, berichtet Uwe Roß.
Denn viele Angehörige haben das Bedürfnis, sich um ein Grab zu kümmern, die pflegeleichte Variante kommt ihnen nicht entgegen. „Über die Bestattung redet man in den Familien selten“, hat Uwe Roß festgestellt. In unserer Gesellschaft sei der Tod tabuisiert. „Der Glaube geht zurück, vielleicht hat man deshalb Angst davor.“
Die vor zehn Jahren beliebte Form der pflegeleichten Rasenreihengräber hat sich in den folgenden trockenen Sommermonaten nicht bewährt. So werden jetzt verstärkt andere Formen der Urnenbestattung angeboten, zum Beispiel unter einem Baum auf dem Friedhof. Viele Kirchengemeinden sind auch dazu übergegangen, Bestattungen von mehreren Urnen oder sogar Särgen unter schön gestalteten Staudenbeeten zu ermöglichen. Die Pflege erfolgt dann über den Friedhofsgärtner und kann im Voraus bezahlt werden. Oft wird auf solchen Sammelgrabstellen auch ein Grabstein errichtet, auf dem auf Plaketten die Namen der Verstorbenen stehen.
Und es gibt auch das Urnengrab als Einzelgrab, zur individuellen Gestaltung. Man kann es pflegeleicht bepflanzen und einen Grabstein aufstellen, der alles vermerkt. Name, Geburtsdatum, Sterbedatum und ein christliches Symbol wie das Kreuz oder betende Hände. „Geht alles, nur kleiner“, sagt Uwe Roß.
Ob eigener Grabstein oder Plakette auf dem Denkmal für mehrere Personen: Wichtig sei, dass die Namen genannt werden, denn das entspreche unserem christlichen Glauben, dass jeder Mensch eine Würde habe, von Gott bei seinem Namen gerufen wird. Keiner unserer Verstorbenen solle vergessen sein. Daran, so Diakon Roß, erinnern wir, wenn wir alltags zum Grab gehen, und daran erinnern wir gemeinsam, wenn Anfang November die Gräbersegnung stattfindet. Diese Gottesdienste zur Gräbersegnung seien vielen Menschen wichtig und besser besucht als die Gottesdienste an Weihnachten oder Ostern.
Friedhöfe seien Orte, die von den unterschiedlichsten Menschen aufgesucht werden. Angebote wie Friedhofskaffees greifen den Gedanken auf, „dass wir uns dort begegnen und gegenseitig Trost spenden können. Das Reich Gottes fängt an, wo wir kleine Dinge tun“, sagt Diakon Roß.