Ein Hilfsprojekt für die Caritas in Sibirien
Hilfe über 5000 Kilometer
Foto: Elisabeth Friedgen
Die gelbe Spendendose ist inzwischen in die Jahre gekommen – Dieter und Hildegard Märtens setzen sich weiterhin motiviert für die Caritasarbeit in Sibirien ein.
Diese Geschichte lässt sich nicht erzählen, ohne die schicksalhafte Bedeutung zweier Fahrräder darin zu erwähnen. Das Erste, das für den Verlauf des Schicksals – oder der göttlichen Fügung – entscheidend ist, war das Rad von Dieter Märtens. 1995, in diesem Jahr beginnt die Geschichte, war er seit einigen Jahren Vorsitzender der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) in Eichenzell bei Fulda. Mit seinem Rad nahm der heute 91-Jährige an einer Fahrradquiztour des KAB-Ortsvereins Künzell teil, die sein Team aus Eichenzell jedoch verlor. Als Trostpreis erhielt er eine leere, gelbe Spardose. „Wir haben die Dose dann immer bei unseren Veranstaltungen aufgestellt, aber ein richtiges Spendenziel hatten wir nicht.“
Das änderte sich, als einige Wochen später„Fügungsfahrrad 2“ zum Einsatz kam: DieterMärtens, der über seine Schwägerin Kontakt zu den Franziskanerinnen in Bad Salzschlirf hatte, wurde ins Kloster gebeten: Die Ordensfrauen hatten Märtens gefragt, ob er nach einem defekten Fahrrad schauen könnte. Während er werkelte, wurde er unfreiwillig Zeuge eines Gesprächs: Zwei der Franziskanerinnen unterhielten sich über ihre Mitschwester Elisabeth Jakubowitz, die im sibirischen Omsk gerade die Caritas aufbaute und bald für einen Vortrag über ihre Arbeit in Fulda erwartet wurde. „Sie sprachen darüber, wie schwierig die Bedingungen für die soziale Arbeit dort waren“, sagt Märtens, „und da hatte ich meine Idee für das Spendenziel unserer gelben Dose!“ Bald darauf besuchte Schwester Elisabeth während ihres Aufenthalts in Deutschland auch die KAB in Eichenzell und berichtete über ihre Arbeit. Es war der Beginn eines großen Hilfsprojekts.
Junge Mütter lassen ihre Kinder zurück.
Westsibirien sei bis heute in großen Teilen eine bitterarme Region, in der es im sozialen Bereich oft amNötigsten fehle, sagt Elisabeth Jakubowitz am Telefon. Über 25 Jahre hat sie in Omsk und Nowosibirsk gelebt und gearbeitet, inzwischen ist die 66-Jährige im Mutterhaus ihres Ordens in Aachen. Während der Jahre in Sibirien konnte sie mit ihren Mitschwestern eine dauerhafte Versorgung der Armen und Obdachlosen gründen. Dazu zählen etwa Ambulanzwagen für die medizinische Versorgung und eine Suppenküche. Zudem gibt es ein Team, das sich um im Krankenhaus zurückgelassene Kinder kümmert. „Aus finanzieller Not verschwinden immer wieder junge Mütter nach der Entbindung aus den Krankenhäusern und lassen ihre Babys dort zurück“, berichtet Jakubowitz.
Viel Elend hat sie in ihrer Zeit vor Ort gesehen, aber auch Fortschritt: „Die Menschen haben Hoffnung geschöpft, weil sie Hilfe von uns bekommen. Unsere Arbeit hat auch bewirkt, dass die Gesellschaft in Sibirien sensibel für die Bedürfnisse der Armen geworden ist.“
Allein in den ersten sechs Jahren sammelte das KAB-Helferteam in Eichenzell 338 Tonnen Textilien, 240 Krankenhausbetten, 40 000 Brillen, medizinische Hilfsmittel und weitere Sachspenden. Zusätzlich gaben viele Menschen Geld in die gelbe „Hungerdose“ und auf ein Spendenkonto. Bis heute sind dabei 375 000 Euro zusammengekommen. Im Keller eines Seniorenheims richtete das KAB-Team Stationen zum Sortieren und Verpacken der Sachspenden ein. Die Pharma-Firma Grünenthal übernahm die Logistik. So wurden in elf Transporten mit 34 Lastzügen Hilfsgüter per Lkw, Schiff und Bahn nach Sibirien befördert.
Dieter Märtens, seine Ehefrau Hildegard und auch die Töchter investierten über Jahre nahezu ihre gesamte Freizeit in das Projekt. Warum tut jemand so etwas? Dieter Märtens ist einfach einer, der gern hilft. Ein wenig mag das auch an seiner eigenen Geschichte liegen: 1943 wurde die Familie in Berlin ausgebombt. Mit der Mutter und drei Schwestern überstand der damals Neunjährige die Evakuierung nach Schlesien und landete über viele Umwege in Fulda. Früh musste er den im Krieg gefallenen Vater ersetzen. Er wurde Messdiener im Franziskaner-kloster Frauenberg, wo es nach dem Ministrantendienst Brot und Malzkaffee gab. Ein Geschenk in der damaligen Hungersnot. Vielleicht waren es solche Erfahrungen, die ihm früh gezeigt haben, was Solidarität für einen Menschen sein kann.
Was doch aus einer Trost-Spardose werden kann.
Fünf Mal war Dieter Märtens bereits vor Ort in Sibirien und konnte sich ein Bild machen, wie die Hilfe aus Eichenzell ankommt. „Die Menschen waren unglaublich dankbar und offen“, sagt Märtens. Zurück zu Hause hielt er in den KAB-Ortsgruppen Vorträge über die Situation in Sibirien. Seit 2001 ein Erlass aus Moskau bestimmte, dass Sachspenden nur noch über staatliche Stellen verteilt werden dürfen, sammelt die KAB-Gruppe nur noch Geldspenden. Auch der Überfall Russlands auf die Ukraine hat Spuren beim Hilfsprojekt hinterlassen: „Die Menschen in Sibirien leiden selbst unter diesem Krieg, weil sie um ihre Männer und Söhne fürchten, die eingezogen werden. Die Bevölkerung hat grundsätzlich nichts gegen die Ukraine, das kommt nur von oben“ sagt Märtens.
Vielmehr müsse die Caritas große Einschnitte in ihrer Arbeit hinnehmen, so Elisabeth Jakubowitz. „Viele Menschen, die uns Geld gespendet haben, sind ins Ausland geflüchtet, ihre Konten sind gesperrt“, weiß sie von der Arbeit ihrer Nachfolgerin, Schwester Daria Roskasova, zu berichten. Umso dankbarer sei man für die Hilfe aus Deutschland. Bis heute besteht über die Franziskanerinnen in Aachen eine enge Verbindung nach Omsk. „Was doch aus einer ‚Trostpreis-Spardose‘ werden kann“, sagt Dieter Märtens schmunzelnd. Vielleicht ist es ein wenig wie mit dem Senfkorn Hoffnung, das zur Gabe für viele wird. Auch wenn 5000 Kilometerdazwischen liegen.
Zur Sache
Die IBAN des Spendenkontos der KAB Eichenzell für die Caritas in Sibirien lautet
DE15 5306 0180 0102 0051 82. Weitere Informationen zur KAB Eichenzell und zur Arbeit der Franziskanerinnen in Sibirien unter
www.katholische-kirche-eichenzell.de und www.schervier-orden.de