Armutsseelsorge: Eine Gemeinde in Neuköln nimmt das Evangelium wörtlich

Holt die Gäste von der Straße!

Image
Agnes-Maria Streich
Nachweis

Foto: Andreas Kaiser

Caption

Sozialarbeiterin Agnes-Maria Streich beim Projekt "Essen ist fertig!" an einem mit Blumen geschmückten Tisch im Gemeindesaal von St. Christophorus. 

Der König im Gleichnis ist enttäuscht: Die zum Mahl geladenen wichtigen Leute kommen nicht. Also weist er seine Diener an: „Geht an die Kreuzungen der Straßen und ladet alle ein, die ihr trefft!“ Eine Gemeinde in Berlin nimmt diesen Auftrag wörtlich.

„Das ist eine Insel in Neukölln. Draußen ist ja doch ein ganz schönes Tohuwabohu“, sagt Hans. Laut sei es im Kiez geworden. Und aggressiv. Doch hier kommt der Frührentner zur Ruhe. „Auch das Essen wird mit viel Liebe gekocht, das schmeckt wirklich wie bei Muttern“, sagt Hans. 

Als seine Lebensgefährtin vor ein paar Jahren gestorben ist, fiel er in ein Loch. Dann entdeckte er über einen Aufsteller auf der Straße die katholische Kirchengemeinde St. Christophorus und das Projekt „Essen ist fertig!“ für sich. Seither hat der Mann, dessen geringes Einkommen angesichts steigender Mieten und hoher Lebensmittelpreise kaum ausreicht, „um über die Runden zu kommen“, wieder Struktur in seinem Leben.

Küchencrew
Die Küchencrew von "Essen ist fertig!". Foto: Andreas Kaiser

Dass „Essen ist fertig!“ anders ist als viele andere Hilfsprojekte in Berlin, fällt schon auf den ersten Blick auf. Auf allen Tischen in dem großen Gemeindesaal stehen frische Blumen. Die Gäste dürfen sich Zeit nehmen und werden von einem Team von rund 15 Ehrenamtlichen freundlich bedient. Neben einem warmen Essen werden auch Tee, Kaffee und Wasser ausgeschenkt. „Wie in einem Restaurant ist das“, sagt Hans. Nur zahlen muss niemand.

Das einst von Pallottinern gegründete Projekt ist weit mehr als ein isoliertes Verpflegungsangebot für Wohnungslose oder andere von Armut betroffene Berlinerinnen und Berliner. Es ist tief in das soziale und spirituelle Leben der Pfarrei in Nordneukölln eingebunden. Ehrenamtliche wie der 32-jährige Informatiker Samuel machen bei der Essensausgabe die Runde, erkundigen sich – ohne sich aufzudrängen – nach dem Befinden der Gäste. Wenn die sich aufgeschlossen zeigen, lädt Samuel sie auch zu den anderen Angeboten der Pfarrei ein, etwa dem Gebetskreis, der sich sonntags an das gemeinsame Essen anschließt. Gelegentlich betet Samuel auch nach dem Essen mal direkt für und mit seinen Gesprächspartnern. „Der Dienst an den Armen ist Teil meines Glaubens“, sagt er. „Viele Ehrenamtler hier betrachten ihr Engagement als Gottesdienst mit den Händen.“

„Unser Motto ist: Bedürftige helfen Bedürftigen.“

Evangelien wie das Gleichnis Jesu vom Hochzeitsmahl, zu dem alle Menschen von der Straße eingeladen sind, werden von den Ehrenamtlichen der Gemeinde wie selbstverständlich gelebt. Auch die Grenze zwischen Helfenden und Bedürftigen ist in St. Christophorus fließend. Einige Menschen, die ursprünglich nur zum Essen kamen, arbeiten heute ehrenamtlich in den Projekten der Gemeinde mit. „Etliche besuchen inzwischen auch regelmäßig unsere Gottesdienste“, sagt Agnes-Maria Streich, die Sozialarbeiterin der Pfarrei Heilige Drei Könige mit ihren insgesamt fünf Kirchen. „An drei Standorten bieten wir soziale Projekte an.“ Neben der Essensausgabe betreibt die Pfarrei im Winter auch eine Wärmestube in St. Richard sowie einen Winterspielplatz in St. Clara und bietet in St. Christophorus Kirchenasyl an. „Unser Motto ist: Bedürftige helfen Bedürftigen“, sagt Streich.

Ähnlich wie Samuel handelt auch sie aus persönlicher Überzeugung. „Ich bin dafür beauftragt, gesendet. Die Arbeit hier ist meine Berufung“, sagt sie. „Sichtbar sein, ansprechbar sein“, sei von Anfang an Leitfaden der katholischen Sozialarbeit im Kiez gewesen. Dass solche Aussagen keine bloßen Phrasen sind, wird rasch offensichtlich. Gleich nach dem Interview zieht sich Streich für ein längeres Gespräch mit einem ehemals Wohnungslosen in den Garten der Gemeinde zurück.

Samuel
Der Ehrenamtler Samuel im Interview. Foto: Andreas Kaiser

Gestartet wurde „Essen ist fertig!“ während der Corona-Pandemie. Als viele andere Projekte dichtmachten, sind etliche Gemeindemitglieder von St. Christophorus bewusst den umgekehrten Weg gegangen und haben begonnen, auf dem Sportplatz neben der Kirche zwei- bis dreimal die Woche Essen und Getränke an Bedürftige und Einsame auszugeben. „Alles war geschlossen, aber die Menschen waren ja noch da“, sagt Samuel.

Zudem beschränkt sich der Anspruch, für die Bürger im Kiez da zu sein, für Samuel und Streich nicht auf die Ausgabe von Essen. Dafür versucht die Sozialarbeiterin, die Kirche auch jenseits der Hilfsangebote „so oft und so lange wie möglich offen zu halten“, wie sie sagt. Besonders bei extremen Wetterlagen hat sich das bewährt. Im Sommer kühlen sich einige Obdachlose gerne in der Kirche ab. Im Winter wärmen sie sich dort auf. Gedrängt oder zurechtgewiesen wird niemand. Auch der etwas polternde Trinker nicht, der seine leere Wodkaflasche über die Kirchenstufen kullern lässt. Diese unaufdringliche Form der Seelsorge kommt an. Erst jüngst habe sich ein Gast von „Essen ist fertig“ taufen lassen, berichtet Samuel.

„Ihr alle macht einen großartigen Job.“

Am Ende ist es wahrscheinlich genau diese Gelassenheit, die den Geist des Evangeliums ausgerechnet im sonst oft hitzigen Neukölln so erfahrbar macht. Während bei Matthäus ausdrücklich von „Guten und Bösen“ die Rede ist, ist in St. Christophorus an diesem Tag niemand garstig. Viele sitzen auch nach dem Essen noch entspannt zusammen und reden. Sogar ein kleiner Streit wird rasch geschlichtet. Zum Schluss bedankt sich der Mann, der zuvor etwas laut geworden war, ausdrücklich bei allen Helfenden. „Ein Missverständnis“, sagt er. „Ihr alle macht einen großartigen Job.“

Das Projekt „Essen ist fertig!“ ist vielleicht keine Hochzeit im Festsaal, wie Jesus sie beschreibt. Aber es ist ein liebevolles Mahl, zu dem alle eingeladen sind. Und für Hans und viele andere Menschen, die wenig Geld haben, ist es ein Ort, an dem sie nicht nur essen, sondern am Leben und Glauben teilnehmen können.

Andreas Kaiser