Widerstand gegen die Nationalsozialisten

Ihr Schlüssel zum Frieden

Dorothea Johst

Foto: Michael Kinnen

Erinnerungen an den Vater: Dorothea Johst blättert in alten Familienalben

Dorothea Johst ist die Tochter von Heinrich Berger, der beim Stauffenberg-Attentat auf Adolf Hitler umkam. Er arbeitete an diesem20. Juli 1944 in der Wolfsschanze als Stenograf. Jahrzehnte später hat Johst die Enkelin Stauffenbergs getroffen. Daraus ist eine Freundschaft gewachsen – und das Bewusstsein, wie wichtig Versöhnung ist.

Sein Name ist kaum bekannt und wird auch jetzt, zum 80. Jahrestag des Stauffenberg-Attentats, fast nie genannt: Heinrich Berger. Auf den Skizzen, die die Situation im Raum der Lagebesprechung zeigen, ist er die „Nr. 11“. Er war keiner der Verschwörer – und keiner derer, die im Fokus des Attentats standen. Er war Zivilangestellter, kein Militär, und hatte die Aufgabe, die Lagebesprechungen in der Wolfsschanze zu stenografieren – zusammen mit drei weiteren. Im Halbstundentakt wechselten sie sich ab. Als um 12.42 Uhr die Bombe explodierte, saß Berger in unmittelbarer Nähe. Er wurde schwer verletzt und starb kurz darauf. Der Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurde noch am selben Abend verhaftet und im Berliner Bendlerblock erschossen. Das Datum verbindet Berger und von Stauffenberg.

Jahrzehnte später haben sich die Tochter Bergers, Dorothea Johst (82), und die Enkelin Stauffenbergs, Sophie von Bechtolsheim, getroffen. Johst wohnt in Erfurt und bietet inzwischen als Rentnerin Kirchenführungen an; Bechtolsheim lebt als Historikerin in Oberbayern. Bechtolsheim suchte für ein Buch nach Menschen, die vom Attentat des 20. Juli betroffen waren. Unter dem Titel „Stauffenberg. Folgen – Zwölf Begegnungen mit der Geschichte“ ist es vor drei Jahren erschienen, auch mit einem Kapitel über Dorothea Johst und ihren Vater. 

„Es ist aus der Begegnung eine richtig gute Freundschaft entstanden“, sagt Johst. „Wir denken aneinander und ab und an telefonieren wir oder schreiben eine E-Mail.“ Vorwürfe oder gar Hass, dass der Großvater der einen den Tod des Vaters der anderen verursacht hat, ist da nicht, versichert Johst. „Warum sollte ich dem armen Herrn Stauffenberg, der ja auch elend hingerichtet wurde, da böse sein? Die Familie Stauffenberg hat ja genauso unter der politischen Staatsführung gelitten und Schweres durchgemacht“, sagt sie. „Auch sie haben den Vater verloren, wie so viele andere Familien im Krieg.“ 

Wenn sie das Treffen mit Sophie von Bechtolsheim, der Stauffenberg-Enkelin, beschreiben soll, dann fällt Johst vor allem das Wort „Versöhnung“ ein. Weniger, weil es zwischen den beiden Familien etwas auszusöhnen gäbe, sondern weil Versöhnung der Schlüssel zum Frieden überhaupt und auch die Lehre aus dem 20. Juli sei, der für beide Familien auf je eigene Weise zum Schicksalstag wurde: „Ohne Versöhnung kommt kein Friede. Das ist der einzige Weg.“

Der Glaube ist eine wichtige Stütze

Dass Dorothea Johst Versöhnung lebt, hat auch mit dem Glauben zu tun, den sie in ihrer Familie gelernt hat. Ihre Großeltern stammten aus der strenggläubigen Gemeinschaft der Alt-Apostolischen Gemeinde; auch ihre Eltern hatten sich dort kennengelernt. In Briefen schrieb der Großvater nach dem Tod des Vaters etwas fromm-verklausuliert: „Die Reiche dieser Welt sind im Vergehen (...) Der auferstandene Heilige wird dann dem einstigen Führer gegenübergestellt! Dann wird dem Führer gezeigt werden, dass nur allein vollkommener Friede wiederhergestellt werden kann durch die Macht Jesu Christi.“

Bis heute sei ihr der Glaube eine große Stütze und deshalb der Einsatz für Frieden ein wichtiges Anliegen, sagt Johst, die inzwischen evangelisch geworden ist. Sie engagiert sich in ihrer Erfurter Gemeinde, bietet Kirchenführungen an und setzt sich für das Miteinander der Nationen ein. In dem Mehrparteienhaus in Erfurt, in dem sie heute wohnt, leben auch Geflüchtete. Johst hilft ihnen bei Sprachkursen und Erledigungen – und freut sich, dass sie durch die Vielfalt und die Gemeinschaft im Haus selbst bereichert wird: „Das ist so herrlich und man lernt doch voneinander. Ich finde das wunderschön!“ Dieses Miteinander passt zu ihr: „Ich habe nichts anderes in unserer Familie kennengelernt, als dass man immer wieder friedlich miteinander umgeht.“

Von damals geblieben ist Dorothea Johst ein Ring mit einem Aquamarin. Den hatte ihr Vater ihrer Mutter im Februar 1942 geschenkt, als Dorothea geboren wurde. Eigene Erinnerungen an ihren Vater hat sie so gut wie nicht; nur diesen Ring, ein paar wenige Fotos und Erzählungen ihrer Mutter: wie sich Vati um die Familie gesorgt habe; dass er als promovierter Jurist nicht die Unrechtsgesetze der Nazis durchsetzen wollte und deshalb sein Hobby, das Stenografieren, zum Beruf gemacht hatte, um die Familie durchzubringen; wie er gelitten habe darunter, was er stenografieren musste; wie er nicht darüber reden durfte und dann im Gebet Trost gesucht habe. Wohl auch deshalb hat die Mutter ein Begräbnis mit militärischen Ehren verweigert.

Grab soll nicht zur Pilgerstätte für Nazis werden

Über Jahre pflegte Johst das Grab ihres Vaters in der Nähe von Cottbus, wo die Familie damals lebte; heute wird es von einem Heimatverein betreut. Pflanzen verdecken den Namen und das Todesdatum. Das Grab soll nicht zur Pilgerstätte für Alt-Nazis und Neu-Rechte werden. „Die suchen ja manchmal solche dusseligen Gründe, um das für ihre Zwecke zu missbrauchen“, sagt Johst. Ihr ist etwas anderes wichtig, wenn sie an ihren Vater denkt: „Es ist so viel Leid passiert und ich kann nicht verstehen, dass jetzt wieder manche Gruppen den Nationalismus so herauskehren, hier bei uns und auch in anderen Ländern. Man weiß doch, was daraus wird!“

Hintergrund

Am 20. Juli 1944 versuchte eine Gruppe um den Wehrmachtsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit einem Bombenanschlag Adolf Hitler zu ermorden. Ihr Ziel war es, den Zweiten Weltkrieg und die national-sozialistische Herrschaft über Deutschland zu beenden. Der Umsturzversuch im Führerhauptquartier Wolfsschanze scheiterte: Hitler wurde nur leicht verletzt. Das Regime verfolgte die Verantwortlichen des Anschlags, viele wurden zum Tode verurteilt und ermordet.

Michael Kinnen