Buchpreis
Kein „Kleingeld der Literatur“
Foto: Rotfuchs
Nils Mohl, Engel der letzten Nacht, Rotfuchs, 224 Seiten 17,90 Euro, 14,99 Euro als E-Book.
Nils Mohl mag den Begriff „Jugendroman“ nicht. „Es ist ganz einfach ein Roman“, sagt er über sein Buch „Engel der letzten Nacht“. Dabei hebt sich seine sonst so ruhige Stimme leicht und die Worte folgen schneller aufeinander. „Ein Roman versucht immer etwas aus der Perspektive der Figuren zu erzählen. Diese können jung oder alt sein. Sie können Menschen oder Aliens sein, das ist egal“, sagt der studierte Literaturwissenschaftler. „Die Aufgabe ist, die Sprache zu finden, die zu der Geschichte passt“, fährt der Schriftsteller fort, der mit dem 37. Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz ausgezeichnet wird.
In der Tat ist der Roman auch ein Buch für Erwachsene – für alle, die sich mit dem Erwachsenwerden beschäftigen, sei es nun das ihrer Kinder, Enkelkinder, anderer Jugendlicher – oder ihr vielleicht lange zurückliegendes eigenes. Es ist ein „Coming of Age Roman“, im Grunde ein Entwicklungsroman. „Das Erwachsenenwerden beschäftigt uns unser Leben lang. Denn wir müssen uns in unterschiedlichen Rollen immer wieder damit auseinandersetzen, was es heißt, erwachsen zu sein“, sagt Nils Mohl, der in Hamburg geboren wurde, wo er auch mit seiner Frau und drei Kindern lebt. Er wisse auch gar nicht, ob er für Jugendliche schreibe. Eher schreibe er für den jungen Menschen, der er selbst gewesen sei, sagt der 1971 geborene Autor in dem Gespräch. Dazu ist er so erschienen, wie auf dem Autorenfoto des Verlags und wie er sich in einem kleinen Cameo-Auftritt seines Romans beschreibt: mit Bart und Schlägermütze. „Es ist schade, dass Jugend- und Kinderbücher wie das Kleingeld der Literatur behandelt werden“, klagt Mohl.
Graue Seiten als Theatervorhang
Hauptfigur ist der 17-jährige Kester, ein Musterschüler, der nach gerade bestandenem Abitur perspektivlos ist, zumal er erfahren hat, dass seine Freundin Blanka bald an Krebs sterben wird. Mit ihrem Auto setzt er sich von einer Abi-Feier ab, fährt Richtung Hamburg und steuert den Wagen in einer Baustelle absichtlich von der Fahrbahn, um sich umzubringen. Hier könnte die Geschichte schon enden. Tut sie aber nicht. Auf wenigen grauen Seiten wird eine andere Version geschildert: Kester, eine schottische Form des Namens Christian, überlebt nahezu unverletzt. Der Leser fragt sich das erste Mal: Hatte der junge Mann einen Schutzengel? Mehrmals werden unerwartete Wendungen oder andere Fortsetzungen der Geschichte auf solch grauen Seiten geschildert, die abrupt die weiße Blattfolge unterbrechen – eine höchst kunstvolle Art nicht-linearen Erzählens. Die grauen Seiten seien „ein Theatervorhang, der sich öffnet und hinter dem es neue Seiten zu entdecken gibt“, sagt Mohl.
Das hat auch die Jury des Preises beeindruckt. In ihrer Empfehlung heißt es: „Im Sinne eines literarischen Glücksfalls zeigt der Roman, dass die Bedeutung von Literatur nicht in ihrer raschen Konsumierbarkeit liegt, sondern im Sinne von Papst Franziskus erst dort Wurzeln schlägt, wo ein Text in seiner Gesamtheit erschlossen wird. Wo er zu Ende gelesen werden muss, um seinen Rhythmus, seine Komposition und Dramaturgie zu erfassen – so wie auch das Leben und der Glaube nicht fragmentarisch erfasst werden können, sondern nur in der Gesamtheit der Seins- und Sinnfragen.“
Vordergründig geht es in dem Roman um Suizid, bei Jugendlichen die häufigste Todesursache, wie Mohl sagt. „Eigentlich aber geht es darum, was das Leben lebenswert macht“, sagt der Schriftsteller. Das machen Kester die verschiedenen Personen bewusst, denen er kurz nach dem Autounfall begegnet. Sie haben alle mit Unbill zu kämpfen und hängen doch am Leben – je mehr, desto älter sie sind. Der Flaschen sammelnde Lenny, der von einer Schauspielausbildung in New York träumt, genauso wie die gerade gefeuerte Geschäftsführerin eines Unternehmens.
Christliche Grundierung
Und da ist Bruno, ein Alleinunterhalter, der in eine Krise stürzt, weil er keine Dialoge mehr führen kann. „Das Leben ist kein Monolog. Das Leben musst Du nicht mögen. Aber wenn Du Menschen magst, wirst Du lernen, es zu mögen“, sagt er zu Kester. Bruno gibt sich als Schutzengel des Abiturienten aus, verspricht ihm, ihm Zugang zu dem Club zu verschaffen, in den Kester unbedingt will. Er befindet sich in dem inzwischen begrünten gewaltigen Flak-Bunker auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg und steht sinnbildlich für die ultimative Erfüllung der Sehsüchte. Doch Kester wird vom Türsteher abgewiesen und stürzt so unversehens im naheliegenden Rotlichtviertel und am Hafen in ein Abenteuer.
„Engel interessieren mich im kulturellen Kontext“, sagt Mohl. „Dahinter stecken ja Wünsche – dass es jemanden gibt, der uns zur Seite steht.“ Es werde in der Schwebe gehalten, ob Bruno nun ein Botschafter einer höheren Macht oder ein Spinner sei, sagt Mohl. „Oder eine Metapher. Man kann es so oder so lesen.“ Auf jeden Fall aber spielt christliche Ikonographie hinein. „Alle unsere Geschichten sind christlich grundiert“, sagt Nils Mohl. „Das ist ein so großer Geschichtenschatz, der in vielen Variationen immer wieder auftaucht.“
Er sei Protestant, aber nicht sehr religiös, bekennt Mohl. „Ich glaube, dass die Kirche als ein Ort, der Gemeinschaft stiftet, für Gesellschaften wichtig ist.“ Der Preis der Bischofskonferenz wird ihm am 7. Mai in Paderborn überreicht. „Kompliziert“ sei für ihn, dass dort gerade ein weiterer Missbrauchsskandal „hochgeploppt“ sei. „Aber der Preis hat einen guten Namen. Es gibt tolle Preisträger. Die Jury schätze ich sehr. Das sind Experten, die Ahnung haben.“ Der Preis ist mit 8 000 Euro dotiert.