Gedenkstätte
Märtyrer als Menschen
Foto: Marco Heinen
Gedenkstättenleiter Jochen Proske (li.) zeigt jungen Erwachsenen der benachbarten Hanse-Schule die Ausstellung über die Lübecker Märtyrer.
Die Lübecker Hanse-Schule für Wirtschaft und Verwaltung liegt nur drei Gehminuten von der Gedenkstätte Lübecker Märtyrer entfernt. Religionslehrerin Sigrid Awe ist mit einer Klasse junger Erwachsener der Beruflichen Schule – sie sind zwischen 18 und 25 Jahre alt – herübergekommen, für eine Führung mit Gedenkstättenleiter Jochen Proske. Nicht zum ersten Mal. Mit 180 bis 200 Schulklassen sei sie schon dagewesen, sagt Awe später. Vorbereitung, Nachbereitung, das alles weite den Blick. „Ich komme mit jeder neuen Schulklasse hierher, weil ich das wichtig finde, über die Geschichte, über den Nationalsozialismus zu sprechen; weil das hier so nahbar wird, weil das Menschen sind, die hier in Lübeck gelebt haben.“
Eine Schulstunde, das ist nicht viel Zeit, um die Geschichte der Lübecker Märtyrer zu erzählen. Doch die jungen Leute sind interessiert, niemand daddelt auf dem Handy rum. Souverän steigt Proske in das Thema ein, erzählt Geschichte aus der Lübecker Perspektive. Spricht weniger von Märtyrern – ein in der Praxis altertümlich wirkendender Begriff – als vielmehr von den vier Menschen Johannes Prassek, Eduard Müller, Hermann Lange und Pastor Karl Friedrich Stellbrink, die für ihren Glauben, ihre Überzeugungen mit dem Leben bezahlten. Und Proskespricht von Tätern, von denen, die Menschen verraten und die NS-Ideologie getragen haben.
Rund 18 500 Menschen haben 2025 die Gedenkstätte besucht, fast exakt so viele wie im Jahr zuvor. Die hochgerechneten Zahlen beruhen auf Zählungen des guten Dutzends Ehrenamtlicher, die täglich als Ansprechpartner in der Ausstellung anzutreffen sind und ein Drittel der Öffnungszeiten abdecken. Keine andere Gedenkstätte in Schleswig-Holstein erreicht annähernd solche Besucherzahlen, wie eine Kleine Anfrage der SPD-Landtagsabgeordneten Beate Raudies vergangenes Jahr ergab.
Jedes Jahr Gäste aus Stockholm
Unter den 92 Besuchergruppen waren 43 Schulklassen, neun Firmgruppen und eine Konfirmationsgruppe aus Stockholm – die inzwischen jedes Jahr kommt, wie Proske bei einem Gespräch erläutert. Er freut sich vor allem auch über die Firmlinge. Wenn ehrenamtliche Katecheten, Priester oder Gemeindereferenten erstmals da seien, „dann kommen sie in der Regel beim nächsten Durchgang wieder“, sagt er. Die Schulklassen seien eher aus dem Lübecker Raum. Für Hamburger Schulen, auch die katholischen, liege es vielleicht trotz guter Bahnverbindungen näher, die Gedenkstätten in Neuengamme oder das ehemalige Gestapo-Hauptquartier an der Stadthausbrücke zu besuchen, glaubt Proske. Ansonsten kämen die Besucher aus ganz Deutschland. Bei angemeldeten Führungen werde auch die „Schatzkammer“ mit Dingen aus dem Nachlass der Märtyrer gezeigt.
Wichtig ist Proske den Bezug zur Gegenwart herzustellen. „Wir vermitteln ja nicht Geschichte um der Geschichte willen, sondern damit Menschen heute etwas lernen für ihren Glauben oder für ihr zivilgesellschaftliches Engagement.“ Die Besucher bildeten den „ganz normalen Durchschnitt der Gesellschaft“ ab. Es gebe für ihn keine Denk- oder Sprechverbote bei den Führungen. Wenn etwa Schüler Vergleiche zum Gaza-Konflikt anstellten, „dann können wir ins Gespräch kommen und gucken, wo die Unterschiede sind und warum es vielleicht doch nicht das gleiche ist“, so Proske. Da er inzwischen häufiger mit einer Grundskepsis gegenüber historischen Fakten konfrontiert werde, habe er sich angewöhnt, auch immer die Quellen klar zu benennen. Wenn er „ein bisschen Sand ins Getriebe der falschen Annahmen oder Behauptungen“ etwa revisionistischer Geschichtsschreibung werfen könne, „dann ist doch schon einiges erreicht“. Zwar werde er nur selten mit offen rechtsextremen Weltbildern konfrontiert, doch er bemerke selbst bei vielen Erwachsenen eine Distanz zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung, verbunden mit Skepsis gegenüber Medien und Geschichtsschreibung:
„Verschwörungdenken ist schon verbreiteter als vor zehn Jahren.“
Bei der Klasse der Hanse-Schule spielt das keine Rolle. Zum Abschluss wird über Diskriminierung diskutiert. Ein Schüler erzählt, wie er selbst immer wieder damit konfrontiert wird, weil er einen Migrationshintergrund hat. Hinterher befragt, sagt Johanna Frahm (19): „Ich nehme mit, dass wir Menschen alle gleich sind, dass kein Unterschied gemacht werden sollte.“ Sie habe nicht viel Vorwissen gehabt, finde es aber interessant, wie sich die vier Männer eingesetzt hätten, weshalb sie noch einmal einiges nachlesen werde. Florica Wulff (18), die schon einige Gedenkstätten besucht hat, sieht es ähnlich. Sie will aber nicht so viel in die Vergangenheit blicken, sondern nach vorne schauen.
Zur Sache
Kontakt für Führungen – auch am Wochenende – mit Gedenkstättenleiter Jochen Proske (57) oder einem Ehrenamtlichen: info@luebeckermaertyrer.de oder unter Telefon 0451 70987-79.