Enzyklika zur Künstlichen Intelligenz
Mut zur Menschlichkeit
Foto: Vatican Media/Romano Siciliani/kann
Klare Haltung: Papst Leo unterzeichnet seine Enzyklika.
Nach langer Geheimhaltung war es am Pfingstmontag endlich so weit: Die erste Sozialenzyklika von Leo XIV. wurde vorgestellt. Anders als bei früheren Enzykliken fand die Präsentation nicht bei einer Pressekonferenz statt, sondern in der Synodenaula des Vatikans. Viele Kurienmitarbeiter waren anwesend, ebenso ausländische Diplomaten – und auch Medienvertreter.
Mit der Zeremonie unterstrich der Papst den hohen Anspruch seines Schreibens, den auch der Titel deutlich macht: Ihm geht es um nichts weniger als die Zukunft der Menschheit. „Magnifica humanitas“ – die von Gott geschaffene „großartige Menschheit“, sie will der Papst verteidigen.
Der erste Papst aus den USA, zugleich auch der erste im Digitalen beheimatete, hat sich eine Menge vorgenommen. Er schreibt an gegen die Nutzbarmachung von Daten, die er als neue Formen von Menschenhandel und Kolonialismus deutet. Er beklagt die Aufhetzung verfeindeter Lager durch Algorithmen, er wettert gegen Cybermobbing und Pornografisierung.
Dann nimmt er die Utopien jener Technologie-Propheten aufs Korn, die den Menschen mit seinen leiblichen und geistigen Begrenztheiten überwinden und ihn durch posthumane Mischwesen mit künstlicher Intelligenz und Robotik ersetzen wollen. Er scheut sich nicht, die Macht multinationaler Konzerne anzuprangern, in deren Händen sich Plattformen und Netzwerke, Patente und Algorithmen konzentrieren. „Was wir brauchen, ist eine Politik, die präsenter ist, die in der Lage ist, dort zu bremsen, wo alles immer schneller wird, und die Räume zu schützen, in denen Gemeinschaften noch mitwirken und Fragen stellen können“, betont der Papst. Es sei „im Zeitalter von KI und Robotik nicht mehr möglich, sich allein auf die ‚unsichtbare Hand‘ des Marktes zu verlassen. Die Politik hat die Aufgabe, die wirtschaftlich-technologischen Dynamiken auf das Gemeinwohl auszurichten und menschenwürdige Arbeit, soziale Inklusion sowie eine gerechte Verteilung der Vorteile der Innovation zu fördern.“
Strenge Kontrollen sind wichtig
Leo denkt in seiner Enzyklika konstruktiv. Er schreibt: „Wenn man zur Vorsicht, zu strengen Kontrollen und manchmal auch zu einer Verlangsamung bei der Einführung der KI aufruft, bedeutet das nicht, gegen den Fortschritt zu sein, sondern eine verantwortungsvolle Sorge um die Menschheitsfamilie zu zeigen.“ Und weiter: „Es reicht nicht aus, sich allgemein auf die Ethik zu berufen: Es bedarf angemessener rechtlicher Rahmenbedingungen, unabhängiger Aufsicht, Aufklärung der Nutzer und einer Politik, die sich nicht ihrer Aufgabe entzieht. Andernfalls wird der Wandel nur von technokratischen Logiken bestimmt und als notwendig und unvermeidlich dargestellt, was letztendlich dazu führt, dass Regeln durchgesetzt werden, die von denjenigen diktiert werden, die über Daten, Infrastruktur und Rechenkapazitäten verfügen.“
Leo agiert mit dem fast altmodisch wirkenden Rüstzeug der katholischen Soziallehre. Mit Begriffen, die auf mittelalterliche Theologen und die Auseinandersetzung der Päpste mit der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Dazu gehören Ideen wie die unverhandelbare Würde des Menschen, das Allgemeinwohl, die universale Bestimmung der Güter, Solidarität und Gerechtigkeit.
Einige davon bewähren sich in dem gut 100 Seiten langen Schreiben erstaunlich gut, wenn Leo Chancen und Gefahren des digitalen Zeitalters analysiert. Nicht immer überzeugend sind die daraus abgeleiteten Rezepte, etwa wenn er fordert, die Nutzung von Daten und Technologien einer öffentlichen Kontrolle zu unterwerfen. An anderen Stellen plädiert Leo schlicht dafür, „menschlich zu bleiben“ und der Digitalisierung und Virtualisierung essenzielle Akte wie eine Tischgemeinschaft entgegenzusetzen.
Auch das politische Hauptanliegen des Papstes – Friede und Dialog unter den Nationen – nimmt in der Enzyklika breiten Raum ein. Klarsichtig analysiert er die riskanten Folgen des Einsatzes Künstlicher Intelligenz im Krieg. Dass Entscheidungen zum Töten an KI delegiert werden, hält er für unmoralisch – und setzt sich für Verbote ein. Ob diese Forderung realistisch ist, scheint dabei ebenso zweitrangig zu sein wie bei seinen Vorschlägen zur gesellschaftlichen Kontrolle digitaler Macht. Dem Papst geht es darum, die Stimme der Kirche in einer Zeit zu erheben, in der viele resigniert haben, weil ihnen der Epochenwandel als unaufhaltsame Flut erscheint, die sie hinnehmen müssen, ohne sie gestalten zu können.
Die Kirche muss politisch sein
Am Beispiel der Sklaverei erläutert er: Auch wenn fast die ganze Menschheit – und damals auch die Kirche – dieses Unrecht lange für Recht hielt, heißt das nicht, dass es Recht war. Ähnliches macht er auch jetzt geltend: Die Kirche habe die Pflicht, vor gefährlichen Entwicklungen durch verfehlte Anwendung von Technologien zu warnen, wenn diese zu „Entmenschlichung“ führen.
Unlängst hatte US-Vizepräsident JD Vance dem Papst die Berechtigung streitig machen wollen, sich zu politischen Fragen zu äußern – und ihm eine Zuständigkeit ausschließlich für religiöse Fragen zuweisen wollen. Dass die Kirche nicht nur das Recht hat, sondern von ihrem Wesen her gar nicht anders kann, als auch in den politischen und gesellschaftlichen Raum hineinzusprechen und hineinzuwirken, untermauert Leo mit seiner Enzyklika.