Arbeitsleben
Nächstenliebe und mehr
Foto: Matthias Schatz
Ordensschwestern und Mönche versorgen einen verletzten Mann – Darstellung aus einem venezianischen Kodex des 14. Jahrhunderts.
Man muss vom Eingang schon in die hinterste rechte Ecke des Ausstellungsraums im dritten Stock des Museums der Arbeit in Hamburg-Barmbek gehen, um es zu entdecken: das einzige Exponat der Schau „Care! Wenn aus Liebe Arbeit wird“, das auf die Tradition christlicher Kirchen bei der Versorgung Kranker und Bedürftiger hinweist. Es ist die Reproduktion eines Motivs aus einem venezianischen Kodex aus dem 14. Jahrhundert und zeigt Mönche und Ordensschwestern bei der Pflege eines verletzten Mannes. Sie gehörten dem Johanniterorden an, aus dem die heutigen Johanniter der evangelisch-lutherischen Kirche und die Malteser der katholischen Kirche hervorgegangen sind.
Rita Müller, Direktorin des Museums der Arbeit, gibt das Defizit bei der Gewichtung kirchlicher Institutionen in der Schau zu, zumal „kirchliche Care-Arbeit eine große Rolle spielt, erst recht in der Geschichte“, wie sie sagt. Diese Unterrepräsentation spiegele aber auch die Interessen von Menschen wider, die Ausstellungen machten. Damit hat Müller recht. Die Ausstellung veranschaulicht auch, dass im Zuge der Säkularisierung westlicher Gesellschaften die Versorgung Kranker und Bedürftiger immer mehr in staatliche Hände gerückt ist. Und zugleich das private und familiäre Umfeld immer stärker bei der Versorgung gefordert ist.
Im Text zu dem Motiv aus dem venezianischen Kodex erwähnen die Kuratoren die Johanniter nicht. Dort heißt es: „Das kunsthistorische Motiv pflegender Menschen zeigt, dass menschliche Zuwendung ein Schlüssel zu guter Pflege ist.“ Es zeigt aber vor allem: Gute Pflege entspringt auch christlicher Nächstenliebe. Ein Aspekt der der Direktorin und ihren Ausstellungsmachern gleichwohl am Herzen liegt. Müller: „Im Titel ist ja auch der Liebesdienst mitgemeint, was aus einer Überzeugung der Nächstenliebe kommt.“
Darin liegt ein Verdienst der Ausstellung. Entsprechend bezieht sie sich sowohl auf bezahlte Care-Arbeit, etwa in Krankenhäusern, wie auf die Versorgung Kranker im privaten Umfeld. Und auf die Betreuung des Nachwuchses in Kitas. Dreh- und Angelpunkt ist dabei die Wertschätzung solchen Engagements. Ein Thema, das während der Coronapandemie in den Vordergrund rückte, nun aber weniger diskutiert wird – trotz des demografischen Wandels, der die Gesellschaft in dieser Hinsicht vor immer größere Probleme stellt.
„Wir machen die ganze Drecksarbeit“
Dokumentarisch stellt die Schau einzelne Aspekte dar, oft mit Texten, die in Deutsch und Englisch auf großen, von der Decke hängenden Bannern gedruckt sind. So etwa, dass Care-Arbeit überwiegend von Frauen geleistet wird. Dabei wird auf das traditionelle Rollenverständnis der Geschlechter verwiesen, auch wenn sich dies im Laufe der vergangenen Jahrzehnte gewandelt hat. Oft sind auch Migranten in der Care-Arbeit tätig. Auch das ist übrigens nicht neu. Schon in den 1970er Jahren wurden südkoreanische Krankenschwestern von westdeutschen Kliniken angeworben. Heute sind Migranten häufig auch als Reinigungskräfte in Krankenhäusern oder in der häuslichen Pflege tätig. Nicht selten entspricht die Beschäftigung nicht dem Arbeitsrecht.
Solche sozialen Ungerechtigkeiten schüren Wut. „Wir machen die ganze Drecksarbeit und besser als die anderen. Und wir haben absolut keine Rechte“, wird eine 24-Stunden-Betreuerin aus der Ukraine auf einem Banner zitiert. Es gibt aber auch Stimmen wie die einer Altenpflegerin: „Ich mache das, weil es notwendig ist. Es gehört Menschenliebe dazu und fachliches Wissen.“
Den didaktischen Charakter der Schau brechen wohltuend einige Bilder auf. Dazu zählt ein inzwischen berühmtes Grafitto des britischen Künstlers Banksy. Es zeigt einen kleinen knienden Jungen, der seine Figuren von Supermännern weggeworfen hat und stattdessen mit einer Krankenschwester-Puppe in Helden-Pose spielt. Und dazu zählt auch die Reproduktion aus dem Kodex. Immerhin.
Öffnungszeiten
Bis 3. Mai, Eintritt 8,50 Euro, ermäßigt 5 Euro
Öffnungszeiten:
Montag 10 – 21 Uhr
Dienstags geschlossen
Mittwoch bis Freitag 10 – 17 Uhr
Samstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr
Weitere Informationen: www.shmh.de