Impuls zur Sonntagslesung am 7. Juni 2026

Ohne Berührungsangst

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Papst Franziskus, Gefängnis
Nachweis

Foto: Vatican Media/Romano Siciliani/kna 

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Papst Franziskus besuchte regelmäßig Gefängnisse, um Frauen und Männer zu segnen, ihnen die Füße zu waschen – und mit ihnen zu lachen.

Jesus tut, was die Frommen seiner Zeit empört: Er geht zu Menschen, die einen schlechten Ruf haben, spricht und isst mit ihnen. Sie brauchen ihn besonders, sagt er, und jeder hat eine Chance verdient. So sieht das auch Marion Königbauer, die Strafgefangene begleitet.

Wie sie das nur tun könne, mit Tätern unterwegs sein? Diese Frage stellen Marion Königbauer viele Menschen in ihrer Umgebung. Hat sie keine Angst vor Straftätern, die einen Mord begangen haben oder wegen anderer übler Taten im Gefängnis sitzen?

Königbauer ist Sozialarbeiterin beim „SKM Donau-Ries – Katholischer Verband für soziale Dienste e.V.“ und dort für die Straffälligenhilfe zuständig. Sie sagt: „Die Tat macht nicht den Menschen aus.“ Für sie ist es wichtig, in ihrem Gegenüber zuerst den Menschen zu sehen. Dass er straffällig geworden ist, sei nur ein Aspekt seines Lebens.

So könnte es auch Jesus gesehen haben, als er beim Zöllner Matthäus zu Gast war inmitten von anderen Gästen, die auch als Sünder galten. Zur Zeit Jesu war Zöllner ein einträglicher Beruf, aber er machte die Menschen zu Außenseitern – möglicherweise,, weil sie mit den römischen Besatzern kollaborierten. Der Evangelist Lukas sagt über den Zöllner Zachäus zudem, dass er unrechtmäßig reich geworden ist. Er soll die Menschen betrogen und ihnen zu viel Geld abgenommen haben. 

„Jeder bekommt einen Vertrauensvorschuss von mir“

Jesus weiß das. Aber er will den Zöllnern offenbar nicht ihr Menschsein absprechen. „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“, sagt er und bleibt im Haus des Matthäus, während die religiösen Eliten es nicht fassen können. „Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?“, fragen die Pharisäer.

Marion Königbauer
Marion Königbauer. Foto: privat

Mit Leuten zu essen, die andere ablehnen, das kennt auch Königbauer. Zu ihrer Arbeit gehört die Ausgangsbegleitung. Regelmäßig ist sie an der Seite eines Inhaftierten in Donauwörth und Umgebung unterwegs. Sie holt ihn vormittags am Gefängnistor ab und bringt ihn nachmittags wieder zurück. Dazwischen tun sie, worauf der Mensch Lust hat: in ein Café gehen, über Alltägliches plaudern, einkaufen, Behördengänge erledigen oder das Grab verstorbener Angehöriger auf dem Friedhof besuchen.

Die begleiteten Ausgänge sind eine der Lockerungsstufen, die ein Strafgefangener durchlaufen muss, bevor er aus der Haft entlassen wird. Wenn ein Gefängnisinsasse keine Angehörigen hat, die ihn begleiten können, tun das Königbauer und ihre Kolleginnen. Angst hat sie nicht. „Jeder bekommt einen Vertrauensvorschuss von mir. Den muss man sich nicht erarbeiten“, sagt sie. Meist hat sie den Menschen schon zuvor bei Gesprächen kennengelernt.

Naiv ist sie auch nicht. Sie weiß, dass der Mensch wegen Mord, Raub, Betrug oder schwerer Körperverletzung verurteilt worden ist. Doch sie möchte ihm helfen, zurück in die Gesellschaft zu finden, und sieht, dass er das auch möchte. „Die Menschen, die ich begleite, übernehmen Verantwortung für das, was sie getan haben. Sie haben ihre Strafe verbüßt und möchten nun die Chance auf ein normales Leben haben.“

Für Menschen, die einmal im Gefängnis saßen, ist der Zutritt zum gesellschaftlichen Leben sehr schwer. „Vorurteile begegnen ehemaligen Strafgefangenen auf Schritt und Tritt“, sagt Königbauer. Sie erzählt von einem Gefängnisinsassen, dem Bankangestellte verweigern wollten, ein Konto zu eröffnen – angeblich, weil er einmal Schulden gehabt hatte. Königbauer hat ihn dann zur Bank begleitet und dort erklärt, dass jeder Mensch das Recht auf ein Basiskonto hat. „Es war für ihn demütigend, dass er das nicht allein geschafft hat.“ Später erlebte er eine ähnliche Zurückweisung bei einer Krankenversicherung – und traute sich nicht mehr, allein dorthin zu gehen.

„Die Mitarbeiter im Tierheim haben ihn genommen, wie er ist“

Um eine Arbeit oder eine Wohnung zu finden, spielten manche ein Doppelleben, erzählt Königbauer. „Sie fürchten sich davor, preiszugeben, warum sie in Haft waren, oder dass sie überhaupt in Haft waren.“ Stattdessen wollten manche in ihren Lebenslauf schreiben, dass sie im Ausland waren. Das gehe aber nicht lange gut, sagt Königbauer. Sie ermutige die ehemaligen Häftlinge stattdessen, „mit offenen Karten zu spielen“. Das sei auf Dauer der bessere Weg, auch wenn man zunächst viele Absagen bekommt, „die einen wieder zurückwerfen“. 

Es gibt aber auch solche, die sich von der kriminellen Vergangenheit eines Menschen nicht schrecken lassen. Königbauer erzählt von einem ehemaligen Gefängnisinsassen, der später, als er schon unbegleitete Ausgänge machen durfte, ganz oft ins Tierheim gefahren sei und dort ehrenamtlich mitgearbeitet hat. Auch während mehrtägiger Hafturlaube hat er sich dort engagiert, ist mit Hunden Gassi gegangen, hat geputzt oder repariert, was kaputt war.

„Die Mitarbeiter im Tierheim haben ihn genommen, wie er ist“, sagt Königbauer. Sie hätten genau gewusst, dass er wegen Mordes im Gefängnis war. „Doch sie konnten das ausblenden und haben gesehen, wie er mit den Tieren umgeht.“ Dass sie ihm fast ohne Vorurteile begegneten und ihm Vertrauen schenkten, habe dem Inhaftierten geholfen, sagt Königbauer.

Auf den Vorwurf der Pharisäer, wie Jesus nur mit Zöllner und Sündern essen kann, antwortet Königbauer: „Hätte Jesus den Zöllnern und Sündern nicht die Hand gereicht, hätten sie den Weg zurück in die Gesellschaft nicht gefunden.“ Die Frage sei auch, fügt sie hinzu, „ob man nicht selber schon Sünden begangen hat und eher auf der anderen Seite sitzen sollte. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“

Barbara Dreiling

Zur Person

Marion Königbauer ist Sozialarbeiterin beim „SKM Donau-Ries – Katholischer Verband für soziale Dienste e.V.“ und dort zuständig für die Straffälligenhilfe.