Musik verbindet

„Rauskommen aus der Blase“

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Die Inklusionsband Alpina Miezis aus Ingelheim
Nachweis

Bild: Karin Weber

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Die „Alpina Miezis“ beim Proben: Der Name bezieht sich auf die Band „Original Alpinkatzen“ des österreichischen Musikers Hubert von Goisern.

Sich treffen, gemeinsam Musik machen und riesigen Spaß haben: In der Musikschule Ingelheim probt regelmäßig die Inklusionsband „Alpina Miezis“, darunter Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Caritas-Haus St. Martin. Am Samstag, 30. August haben sie einen großen Auftritt.

„Es könnte laut werden“, kündigt Steffen Kirchpfening an. Im Bandraum der Musikschule Ingelheim im Weiterbildungszentrum (WBZ) bereitet der Schlagzeuglehrer die Instrumente vor, während erste Musiker eintreffen. Einige Bewohner des Hauses St. Martin schaffen den Weg in den 700 Meter entfernten Probenraum selbstständig, andere werden begleitet. An diesem heißen Sommertag probt die Inklusionsband für das 50-jährige Jubiläum ihrer Einrichtung.

„Seit drei Jahren musizieren junge Menschen mit und ohne Behinderung jeden Freitag zusammen – ein echtes Teilhabeprojekt“, sagt Magdalena Copeland. Im Caritasverband Mainz begleitet sie den Freundeskreis Haus St. Martin. Dieser unterstützte die Idee der Musikschule, eine inklusive Band zu gründen, um das kreative Miteinander zu fördern. Ein erster Auftritt folgte im November 2022. „Steffen Kirchpfening und seine Frau Anna stecken viel Herzblut und Freizeit in die Bandarbeit, sie organisieren, begleiten und motivieren“, lobt Copeland.

Für den Musikpädagogen, der die jungen Menschen mit Schwerst-Mehrfachbehinderung wöchentlich begleitet, ist Musik etwas Verbindendes. „Mein großes Anliegen ist, unsere häufig wenig sichtbaren Mitmenschen mit Behinderungen gleichberechtigt in unseren Musikschulalltag einzubeziehen und damit hoffentlich zu einem fruchtbaren Austausch unterschiedlichster Menschen beizutragen“, sagt Kirchpfening. Natürlich wäre es einfacher, die Proben im Haus St. Martin abzuhalten. „Aber uns ist wichtig, dass die Menschen mit Behinderung rauskommen aus der Blase, in der sie oft stecken“, sagt der Musiklehrer, während er das E-Piano anschließt. Zudem sei die Band im Probenraum spontaner. Unter fachlicher Anleitung können hier alle Bandmitglieder Neues ausprobieren. So wie Sarah. „Vor Kurzem hat sie umgeschult von Percussion auf Klavier und ist sehr stolz darauf“, sagt der Pädagoge und deutet auf eine junge Frau, die begeistert einige bunt markierte Tasten anschlägt.

Von Zeit zu Zeit besuchen neue Leute die Probe. Manche bleiben, wie Elias, der nicht im Haus St. Martin wohnt. „Wir sind gut aufgenommen worden“, sagt Petra Pfeifer, die ihren Sohn begleitet. „Elias liebt Musik. Und er findet es toll, in einer Gruppe Gleichgesinnter zu spielen. Musik verbindet ja“, sagt auch sie. Elias wird heute singen. „Ein Multitalent“, lobt Kirchpfening den jungen Mann, der bei Konzerten schon Schlagzeug gespielt habe und mittlerweile sogar englische Songs beherrsche.

Luca nutzt die Zeit, eine Bass-Gitarre auszuprobieren. Dann greift er sich das Akkordeon. Sein großes Vorbild sei die Band „Original Alpinkatzen“ von Hubert von Goisern, sagt Luca. Daraus leitete die Gruppe den eigenen Bandnamen ab: „Alpina Miezis“ – so steht es auf den blauen T-Shirts. Manche tragen ihr Shirt schon bei der Begrüßung, andere schlüpfen zu Beginn der Stunde hinein. Das gemeinsame Outfit zeigt Zusammengehörigkeit: vom Schulkind bis zum Hochschulprofessor, der die Band mit dem E-Bass begleitet. Die Shirts sind ein Geschenk des Mainzer Sängers Thomas Neger, der die „Alpina Miezis“ bei einigen Auftritten mit seiner Band „Humbas“ begleitet.

Musik sei eine einfache Sprache, die jeder versteht, sagt Neger am Telefon. Er musiziere gerne mit den „Alpina Miezis“. Hier erhalte man alle Rückmeldungen sofort – ehrlich und ungefiltert. Dies empfinde er als große Bereicherung. Und die Herausforderungen? Die größte sei eine Bühne, die barrierefrei zugänglich ist, überlegt er: „Sonst gibt’s nur pure Freude. Schließlich geht’s nicht um Perfektion. Oder darum, genau den richtigen Ton oder Takt zu treffen, sondern um die Kunst, die gemeinsam entsteht.“ Die „Humbas“ seien Jazzprofis, die sich gerne in den Flow der „Alpina Miezis“ einbinden – auch wenn plötzlich ein Refrain mehrfach gesungen werde oder das Publikum die Band mitreiße. „Wir Profis sind konzentriert und reagieren darauf. Eigentlich ist es wie Jammen: Man trifft sich, spielt gemeinsam und hat riesigen Spaß!“

Im Bandraum wird inzwischen der Haus-St.-Martin-Song angestimmt. „Bumm tschak, nix bumm tschak“, zählt Kirchpfening an. „Meist üben wir für den nächsten Auftritt, denn wir haben relativ viele im Vergleich zu anderen Bands der Musikschule“, bilanziert er nach dem Song. An musikschulinterne Gigs reihen sich Veranstaltungen im Haus St. Martin und Benefizkonzerte. Da komme der Wunsch auf, mehr Zeit für Grundlagen zu haben, auch um rhythmische Figuren zu erarbeiten.

Weiter geht es mit einem Song der Rockgruppe Sportfreunde Stiller: Lara startet den Beat auf dem Elektronikschlagwerk. Anna Kirchpfening streicht auf ihrer Geige die Melodie. Andere folgen, bevor Elias einsetzt: „Applaus, Applaus.“ Momo, der Jüngste heute, ist zuständig für die Discokugel und betätigt den Taster. „Jeder, der möchte, kann bei uns mitmachen. Wir versuchen, jeden einzubinden. Steffen und Anna finden immer eine Lösung“, lobt Juliane Werner, die den Jugendlichen begleitet. Was sind die Voraussetzungen? „In erster Linie geht’s um Spaß. Und man muss sich ein Stück weit auf die Gruppe einlassen. Aber jeder wird einbezogen. Bei jedem wird mitgefiebert. Jeder wird ermutigt: Das schaffst du!“, sagt die Mitarbeiterin im Haus St. Martin, die selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist. Vor Auftritten seien viele aufgeregt. „Wir geben uns aber gegenseitig Sicherheit.“ Sie sehe ihren Part darin, „Bewohner zu unterstützen und zu motivieren, neue Wege zu finden. So wachsen sie oft über sich hinaus und können ihr Können auch draußen zeigen.“ Wie beim Sommerfest: „Applaus, Applaus!“

 

„50 Jahre Haus St. Martin“ am Samstag, 30. August, 14 bis 19 Uhr im Garten der Einrichtung, Belzerstraße 7, in Ingelheim, mit Führungen, Mitmachständen und Benefizkonzert der Inklusionsband „Alpina Miezis“ mit den „Humbas“. Eintritt frei, Spenden willkommen.

 

Haus St. Martin: Seit 1975 finden Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen, vorrangig aus Rheinland-Pfalz und Hessen, in der Ingelheimer Caritas-Einrichtung ein neues Zuhause. Aktuell leben dort 40 Kinder und Jugendliche sowie zehn junge Erwachsene mit Schwerst-Mehrfachbehinderung.

Karin Weber