Erinnerung an eine Ordensfrau aus Haselünne

„Sie war ihrer Zeit weit voraus“

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eine Ordensschwester mit zwei jungen Frauen
Nachweis

Foto: privat

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Im Zeichensaal war die Haselünner Ursulinenschwester Maria Mathäa häufig zu finden. Ihre Nichte möchte die Erinnerung an ihr Leben und Werk bewahren.

In den wirren Jahren der Weimarer Republik studiert eine Ordensfrau aus Haselünne Kunst in Berlin. Für ihre Zeit malt Schwester Maria Mathäa modern und gibt das später als Lehrerin auch an ihre Schüler weiter. Ihre Nichte Maria Knelangen wünscht sich heute, dass die ungewöhnliche Geschichte ihrer Tante nicht vergessen wird.

Wer Maria Knelangen zu Hause im emsländischen Haselünne besucht, kommt sich fast vor wie in einer kleinen Galerie. Denn im Flur und im Wohnzimmer hängen mehrere Gemälde, Zeichnungen und Grafiken. Vor allem von ihrer verstorbenen Tante, der Haselünner Ordensfrau Maria Mathäa Ahaus. Gern zeigt die 88-Jährige die Werke der Ursulinenschwester – wie das große Bild vom Wacholderhain. Den hat sie nicht einfach naturgetreu lieblich abgemalt, sondern im Stil der Expressionisten farblich und etwas verfremdet: so wie sie die Landschaft empfunden hat, schon mit der Ahnung der blühenden Heide und mit der perspektivischen Anmutung einer Kathedrale. „Sie war eine sehr moderne, sehr unabhängige Ordensfrau und ihrer Zeit weit voraus“, sagt Maria Knelangen.

"Ungewöhnlich für ein Mädchen in der damaligen Zeit"

Die Gemälde hütet Knelangen wie einen Schatz, genau wie noch andere Arbeiten ihrer Tante: kleine Zeichnungen, Holz- und Linolschnitte, Illustrationen von Bibelstellen, persönliche Briefe und historische Fotos. „Schauen Sie mal her“, sagt sie, klappt eine Mappe auf und breitet die Dokumente auf dem Tisch aus. Mit sachtem Stolz erzählt sie dann von der Ordensfrau, deren Lebensweg und kreatives Schaffen damals in den 1920-er Jahren ungewöhnlich ist und von einer gehörigen Portion Willensstärke zeugt. Und ihre Nichte wünscht sich heute, dass dieses Vermächtnis nicht vergessen, sondern in Ehren gehalten wird.

eine Ordensfrau an der Staffelei
Schwester Maria Mattäa an der Staffelei. Fotos: privat

Agnes Ahaus, wie Schwester Maria Mathäa mit bürgerlichem Namen heißt, kommt im Mai 1890 in Nortrup als ältestes von acht Geschwistern zur Welt. „Mein Vater war ihr jüngster Bruder“, sagt Maria Knelangen. Ihre Eltern müssen früh ihre Talente erkannt haben und ermöglichen es, dass sie die Schule der Ursulinen in Haselünne besuchen, dort das Abitur und das Lehrerinnenexamen ablegen kann. „Das war ungewöhnlich für ein Mädchen in der damaligen Zeit“, sagt Knelangen.

„Sie wusste immer, was sie wollte“

Knelangen hat ihre Tante als sehr gläubig und fromm in Erinnerung. Und so verwundert es sie im Rückblick nicht, dass Agnes Ahaus im April 1914 in den Orden eintritt und 1919 ihr ewiges Gelübde ablegt. Und sich damit auch Chancen für einen beruflichen Weg eröffnet, der Frauen damals eher selten offen steht. Schon in diesen Jahren entstehen die ersten Bilder. 

Auch die Ursulinen erkennen ihre Begabung. Mater Maria Mathäa, wie ihr Ordensname nun ist, darf in den 1920-er Jahren in Berlin Kunst und Malerei studieren, um ihre Lehrerinnenausbildung zu erweitern. „Das war schon ein großer Vertrauensbeweis vom Orden.“ Maria Knelangen versucht sich heute vorzustellen, wie das damals gewesen sein mag. In einer politisch unruhigen und künstlerisch unglaublich spannenden Zeit, in einer brodelnden Stadt, in einer Männer-dominierten (Kunst)-Welt, in Ordenstracht mit Haube, mit Akt-Zeichnen und allem, was in dieser extrovertierten Szene dazu gehört. „Das war sicher hart für sie und hat ihr vermutlich manche Stichelei eingebracht“, sagt die Nichte. „Aber sie hat sich durchgebissen. Sie wusste immer, was sie wollte.“

eine Gemälde
Der Wacholderhain - so wie Schwester Maria Mathäa ihn gesehen hat.

Nach dem Studium kehrt die Ursulinenschwester nach Haselünne zurück und unterrichtet dort am Ordensgymnasium Religion und Zeichnen. Maria Knelangen beschreibt sie als sehr offen, zugewandt, interessiert und lebensfroh. Vielen Kindern hat sie Kunst und Farbenlehre nähergebracht, hat Talente entdeckt und gefördert – und manchen ihrer Schüler und Schülerinnen damit einen Pfad für die Zukunft gelegt. Auch ihren Nichten und Neffen hat sie viel beigebracht. „Sie war immer sehr familienverbunden und hat uns immer angeleitet zum Malen, Zeichnen oder Basteln. Ich hatte ja selbst noch Unterricht bei ihr“, sagt Maria Knelangen. Ob sie im Ordensleben mit all den Regeln immer ganz glücklich gewesen ist, weiß Maria Knelangen nicht. „In ihrer Freizeit war sie eigentlich immer im Zeichensaal zu finden und probierte vieles aus: Töpfern, Kalligrafie, Holz- und Linolschnitt, Ölbilder und Aquarelle.“ Schwester Maria Mathäa malt für sich selbst, für Familien und Auftraggeber aus der Umgebung und auch für den Orden. Wie die kleinen Stadtansichten, die dann im örtlichen Schreibwarengeschäft verkauft werden.  Auch als die Nazis die Ursulinen für einige Jahre aus dem Kloster vertreiben und in den Gebäuden eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) einrichten, arbeitet sie im sauerländischen Attendorn weiter an ihrer Kunst.

Nach ihrer Rückkehr 1945 nach Haselünne wird sie später krank und stirbt im Januar 1951 in Haselünne. Maria Knelangen zieht ein vergilbtes Totenbildchen aus ihrer Mappe, auf dem der Orden ihre Tante würdigt. „Der Konvent verliert mit ihr eine eifrige Mitschwester, eine feinsinnige und erfolgreiche Erzieherin und ein wertvolles Glied des Lehrkörpers.“

„Du hast den allerschönsten Namen“

Fast ein bisschen wehmütig legt die Nichte das Bild zurück. Glaubt sie, dass viele Haselünner die Geschichte ihrer Tante kennen? Sie schüttelt den Kopf, „ich fürchte nicht“. Froh ist sie darüber, dass es Ausstellungen schon gab in Sögel, Aschendorf und Meppen, in denen einige Werke von Schwester Maria Mathäa mit anderen Kunstschaffenden aus dem Emsland zu sehen waren. Auch für Haselünne könnte sie sich das einmal vorstellen.

Nicht alles würde sie vielleicht der Öffentlichkeit zeigen. Wie den Brief, den sie hütet wie einen Schatz. Schwester Maria Mathäa hat ihn ihr, wie so oft, zum Namenstag geschickt, auf Pergament geschrieben und mit einer kleinen Bleistiftzeichnung. „Du hast den allerschönsten Namen. Aber bete auch tüchtig, dass die liebe Mutter Gottes dich immer schön beschützt“, liest sie vor. „Ist das nicht schön?“ 

 

Petra Diek-Münchow

eine Frau

Maria Knielangen aus Haselünne möchte die Erinnerung an Leben und Werk ihrer Tante bewahren – sicher auch, weil sie ihr ein Vorbild war. „Man sagt über mich, dass ich so einige Züge von ihr habe.“