Sternsinger sind ein Segen für Europa
Foto: Marco Heinen
Annelena spielt die Geige, Emily, Jakob und Sam (v.li.) singen beim Auftritt im EU-Parlament.
Das geht ja gut los: Die Österreicher fehlen! Die Kinder aus Deutschland, Belgien, Südtirol und die Rumänien und Ungarn vertretende Gruppe haben es am späten Nachmittag rechtzeitig zur ersten gemeinsamen Probe in die Jugendherberge am Innenstadtring in Brüssel geschafft. Aber Eisregen, Zugausfälle und Flugverspätungen haben den Österreichern einen Strich durch die Reisepläne gemacht. Wann sie ankommen, bleibt vorerst ungewiss. Andererseits: „Wir gehen auf ganz neuen Wegen. Wir folgen dem Stern, wir folgen dem Stern“, heißt es in einem der Lieder.
20 Kinder und ihre erwachsenen Begleiter machen sich Mitte Januar auf den Weg in die belgische Hauptstadt, um den Segen „Christus mansionem benedicat“ zum Sekretariat der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE), zum Europaparlament und – in diesem Jahr erstmals – zum Berlaymont-Gebäude der Europäischen Kommission zu bringen. Der Segen ist das eine, die Botschaft das andere: „Schule statt Fabrik – Sternsingen gegen Kinderarbeit“, so lautet das Thema der Aktion Dreikönigssingen 2026. Den Jungen und Mädchen im Alter zwischen 9 und 15 Jahren ist es ebenso wichtig wie der Segen, das wird nicht zuletzt in den Texten deutlich, die sie vortragen. Ob die besuchten Politiker es auch ernst nehmen, können sie nun unter Beweis stellen.
Zurück zur Probe. Alle Kinder sind vorbereitet, aber jetzt müssen die Lieder und Texte zusammengefügt werden. Frank Sibum, Kantor der Aachener Pfarrei St. Katharina, leitet dort den Kinder- und Jugendchor und kennt sich aus. Am E-Piano übernimmt er die musikalische Leitung. Um alles andere kümmern sich Hedi Becker und ihr „Team Sternsingen“ vom Päpstlichen Kindermissionswerk. Hedi Becker hat die Mütze auf, regelt hier, telefoniert da, organisiert alles. Wo die Österreicher stecken, ist beim Abendessen in der Kantine weiter ungewiss. Der letzte Anruf kam am frühen Nachmittag. Einen späteren Flug wollten sie nehmen.
Die Probe verläuft konzentriert, trotz der langen Anreise. Den weitesten Weg hatten die deutschsprachigen Südtiroler und die Vertreter Rumäniens und Ungarns. Letztere kommen aus dem rumänischen Örtchen Borş an der ungarischen Grenze und haben beide Staatsbürgerschaften. Sie sprechen Ungarisch und sehr gutes Englisch. 13 Stunden waren sie unterwegs. Deutschland wird durch Sam und Emily (beide 13) aus St. Gertrud Niebüll sowie durch Jakob (13) und Annalena (15) aus St. Knud in Husum vertreten. Gemeindereferent Christoph Mainka und Marion Krebs, die seit rund 25 Jahren das Sternsingen in Niebüll organisiert, begleiten die vier – und waren am 13. Januar, dem Anreisetag, ebenfalls kleine Ewigkeiten unterwegs. Nur die deutschsprachigen Belgier aus Eupen hatten eine kurze Anreise. Einsätze und Abfolgen proben, textsicher werden: Wer muss lauter sprechen, wo wird gesummt, wann wird geklatscht? Es gelingt nicht alles auf Anhieb – aber immer besser. Einmal fließen Tränen, als ein Junge mit seinem Text ins Schleudern kommt. Niemand nimmt Anstoß. Denn aufgeregt sind sie ja alle. Und müde. Vier Stunden Probe nach einer langen Reise, da sind alle froh, als es um 20.30 Uhr zu Ende ist.
Mittwoch, 14. Januar, 9 Uhr, es wird ernst. Als die Kinder bei der COMECE, deren Gebäude nur ein paar Straßen vom EU-Parlament entfernt liegt, eintreffen, sind die vier Mädchen aus Österreich schon da, proben fleißig mit Kantor Sibum. „Team Austria“ steht auf ihren T-Shirts. Erst um 17.30 Uhr hätten sie abends zuvor einen Flug nach Brüssel bekommen und seien um 19 Uhr gelandet, berichtet Betreuer David Hinterberger.
Die Kinder schlüpfen in ihre Kostüme, proben einen Durchlauf. Annalena spielt einen Part auf ihrer Geige, wird immer sicherer. Dann füllt sich der Saal mit COMECE-Mitarbeitern, darunter Generalsekretär Pfarrer Manuel Enrique Barrios Prieto und die Deutsche Friederike Ladenburger, Rechtsberaterin für Fragen der Ethik, Wissenschaft und Gesundheit. Es geht los, läuft gut. Okay, die Texte sind auf EU-Parlamentarier zugeschnitten, nicht auf die COMECE, aber dort kennt man das schon. Die Sternsinger kommen jedes Jahr, es ist stets „sozusagen die Generalprobe“ vor dem Besuch beim EU-Parlament, wie Ladenburger sagt. Dass die Norddeutschen dabei sind, ist übrigens eine Würdigung für das langjährige Wirken von Marion Krebs. Friederike Ladenburger ergreift nach dem Auftritt der Kinder das Wort. Sie lobt deren Engagement und „das besonders wichtige Anliegen“, das Recht aller Kinder auf Bildung. Der Segen für ein „friedliches und gerechtes Europa“ werde gerade von den Parlamentsabgeordneten gebraucht, sagt sie.
Ob das stimmt, können die Kinder nach einer Pause mit belgischen Waffeln selbst erkunden. Das Parlamentsgebäude ist riesig, breite Flure, alles ist imposant, fast einschüchternd. Die Kinder nehmen es leicht. Sie kommen durch den Protokolleingang rein, wo sie von einem Team des Parlaments begrüßt werden und sich Namenssticker anheften. In einem Raum legen sie ihre Sachen ab, bevor es zur Journalistentribüne geht. Eine Mitarbeiterin informiert über die Arbeit der Abgeordneten. Die Frage, warum die zwölf Sterne der EU-Flagge nur fünf Zacken haben, die der Sternsinger aber acht, kommt überraschend und bleibt offen. Die Mitarbeiterin will das recherchieren – für das nächste Mal.
Mittagessen, Umziehen, erneute Probe im Salon Présidentiel im zwölften Stock, dem Raum mit der markanten Kuppe des Parlaments. Die Zeit drängt. Runter zum Protokolleingang, wo Vizepräsidentin Sabine Verheyen die Kinder offiziell begrüßt und das Schild für den Segen hängt. Laura (10) aus Südtirol schreibt ihn drauf. Verheyen ist aus Aachen, das Sternsingen ist ihr wichtig, das merkt man. Im Gespräch berichtet sie, wie sie von Jahr zu Jahr mit Kindern um die Häuser zog, erst mit den eigenen, dann mit anderen. Mit Blick auf das EU-Parlament sagt sie: „Für uns ist das sehr wichtig, weil wir auch Gottes Segen und Gottes Führung für unsere Arbeit brauchen, die wir hier machen.“ Dann singen die Sternsinger, geben alles. Verheyen singt teils mit, ist sichtlich gerührt.
Dann hält sie eine achtminütige Rede. Es seien nur relativ wenige Abgeordnete gekommen, weil die Kommissionspräsidentin gerade im Parlament Rede und Antwort gestanden habe, erläutert sie. Und, an die Sternsinger gewandt: „In eurem Engagement zeigt ihr, wie wichtig es ist, sich füreinander einzusetzen, unabhängig von der Herkunft, von Sprache oder auch von der Religion. Ihr überbringt die Botschaft von Hoffnung, Solidarität und Mitmenschlichkeit und setzt euch besonders für die Interessen von Kindern in aller Welt ein.“ Und weiter: „Mit eurem Einsatz verkörpert ihr die Werte, die uns als Europäische Union verbinden.“ Der Segen, so Verheyen. „erinnert uns daran, dass es hier nicht nur um politische Entscheidungen geht, sondern auch um eine besondere Verantwortung für das Gemeinwohl, für die Zukunft der Menschen in Europa.“
Kurz darauf kommt Roberta Metsola, die Präsidentin des EU-Parlaments, Sicherheitsbeamte im Schlepptau. Lieder, Texte, die Kinder sind in Übung. Die Präsidentin hat weniger Zeit als ihre Stellvertreterin; nett ist es trotzdem. So, damit sind die beiden wichtigsten Auftritte geschafft. Im Fahrstuhl geht es wieder runter. Beim Aussteigen herrscht Gewusel. Journalisten interviewen Politiker, Parlamentsalltag. Zwischenstopp und Pause der Sternsinger im Aufenthaltsraum, dann ab zu den Abgeordnetenbüros. Alle Kinder schauen „bei ihren Abgeordneten“ vorbei. Die Husumer besuchen etwa Niclas Herbst. Der Christdemokrat aus Ratzeburg hat ihre Reise bezuschusst. Die Begegnung war besonders herzlich. Im täglichen Ringen um ein Ende der Krisen weltweit sei der Termin ein „Leuchtpunkt“, habe Herbst gesagt, berichtet Christoph Mainka später. Die Kinder sagen, sie hätten genau gemerkt, wem das mit dem Segen wirklich wichtig war und wem nicht so.
Der Tag klingt aus. Rasch wird noch ein Sternsingerlied für das Büro des österreichischen EU-Kommissars Magnus Brunner geprobt. „Es ziehen aus weiter Ferne drei Könige einher“, das hatte er sich aus seiner Heimat gewünscht. Brunner ist für Migration und Sicherheit zuständig, aber auch für den Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch sowie für die Sicherheit jüdischer und muslimischer Gemeinschaften. Leider hat er den Termin für den folgenden Tag in die Hände anderer legen müssen, weil sich die Kommission auf Zypern zur Übergabe der EU-Ratspräsidentschaft trifft. Hedi Becker gibt das Spendenergebnis des Tages bekannt, 1709 Euro: „Das ist absoluter Rekord. So viel haben wir noch nie gehabt.“ Ievgeniia Razumkova, Büroleiterin bei Sabine Verheyen, verabschiedet die Kinder. Die Ukrainerin hat mit ihrem Team parlamentsseitig alles organisiert, zugewandt, herzlich: „Wir freuen uns schon auf das Jahr 2027“, sagt sie. Um 18 Uhr ist Feierabend. Die Kinder haben richtig was geleistet – für Gleichaltrige, denen es schlechter geht.
Wiedersehen mit der Kommission ?
Tags drauf erstmals der Besuch bei der Kommission im Berlaymont-Gebäude. Die Sicherheitsvorkehrungen beim Eintreffen um 8 Uhr sind scharf wie am Flughafen. Auch dieser Besuch ist ein Erlebnis, nur ungleich kürzer. Gegen 10 Uhr kommen die Sternsinger wieder raus. Einige Teams machen sich gleich auf den Rückweg. Die Norddeutschen erkunden noch die Stadt, sie fahren erst tags drauf zurück: Manneken Pis, Rathausmarkt, Einkaufspassagen, die Kathedrale St. Michael und St. Gudula. Leckere Waffeln und Kakao sollen nicht fehlen.
Das Resümee der Kinder? Emily hofft, dass die Politiker nicht nur den Segen für das ganze Jahr mitgenommen haben. „Hoffentlich denken sie auch an die Kinder in der ganzen Welt und dass kein Kind arbeiten soll.“ Annalena glaubt, „die Botschaft ist bei denen angekommen und Kinderarbeit ist jetzt vielleicht mehr in deren Fokus gerückt.“ Jakob fand es spannend, mal an den Orten zu sein, „die man sonst nur im Fernsehen sieht.“ „Auch ein bisschen stressig“ sei es gewesen. Sam hält fest: „Ich finde, dass wir alle zusammen einen sehr guten Job gemacht haben.“ Auch Hedi Becker vom Kindermissionswerk zieht eine positive Bilanz: „Ich bin dankbar, weil so etwas nur gelingen kann, vor allen Dingen im Parlament, wenn alle Rädchen ineinander greifen.“ Sie freut sich über ein mögliches Wiedersehen mit der Kommission. Der Assistent von Magnus Brunner fragte gleich nach dem Auftritt: „Frau Becker, wo sind Sie eigentlich nächstes Jahr? Sind Sie wieder hier?
Infos zu den Sternsingern und Spendenmöglichkeiten: www.sternsinger.de