In Fulda werden Himmelsinstrumente gebaut
Symbol fürs (Über-)Sinnliche
Ist die Flöte ein Himmelsinstrument? Zumindest eins mit langer Geschichte. Und eins, das ideal für die Weihnachtszeit erscheint.

Die Blockflöte ist Anfängerinstrument. Gut zum Lernen des Notenlesens. Bereits erste Töne klingen gar nicht so schlecht. Die Blockflöte ist aber auch Instrument für Profis. Wer Stücke aus verschiedenen Epochen richtig spielen will, kann sich lange mit Arten, Spielstilen und Griffweisen beschäftigen.
„Das Image ist das eines Anfängerinstruments“, sagt Beate Temper, selbst studierte Blockflötistin und bei der vierteljährlich erscheinenden Fachzeitschrift „Windkanal“ tätig. Deren Herausgeber, die Conrad Mollenhauer GmbH in Fulda, unterstützt als namhafter Hersteller die Kultur der Blockflöte.
„Vor allem zur Weihnachtszeit wird sie in den Medien als fiependes Kinderinstrument gezeigt“, hält Temper fest. Was im Spielzeugladen oder im Discounter billig angeboten werde, sei Spielzeug. Geringes Gewicht und günstiger Anschaffungswert machten die Flöte aber tatsächlich zu einem beliebten Einsteigerinstrument. Beate Temper schränkt ein: „Blockflöte zu spielen, ist nicht so einfach wie viele glauben: Man muss Finger, Zunge und Atem koordinieren und dosieren. Der richtige Griff macht noch lange keinen richtigen und schon gar keinen schönen Ton. Schon von Anfang an stehen die Kinder vor dieser Herausforderung.“
Gerade die Weihnachtszeit gehört aber den Flötenkindern, die eifrig geübt haben. Kleine Auftritte in der Familie. Man macht gemeinsam Musik bei Kerzenschein. Katholische Tradition hat zum Beispiel rund um Weihnachten das Bild vom singenden und musizierenden Engel. Dabei nimmt die Flöte eine besondere Stellung ein. Und unter den Krippendarstellungen ist es der Hirte, der zur Geburt des Kindes die Flöte spielt.
„Tatsächlich taucht sie in der Geschichte auch in pastoralen Szenen in Opern oder Kantaten auf, nicht nur im geistlichen Zusammenhang“, sagt Beate Temper. Die Flöte besitze eine Tradition als „Schäferinstrument“, die sich möglicherweise auf den häuslichen Bereich übertragen habe. Für Temper könnte es sein, dass der „verhaltene, unendlich reine Klang unterbewusst ein Symbol fürs Besinnliche und Übersinnliche“ darstelle: „Daher wohl auch die vielen Blockflöte spielenden Engeldarstellungen aus alter Zeit.“

ist beim Blockflötenhersteller
Mollenhauer in Fulda tätig.
Als Hirteninstrument kam die Flöte aus der östlichen Welt in die Bereiche des heutigen Europas. Seit dem 14. Jahrhundert gehört sie zu den beliebtesten Holzblasinstrumenten. In der Barockzeit, von etwa 1600 bis 1750, war sie sehr gefragt an Königshöfen, in den Schlössern des Adels und auch in den Häusern wohlhabender Bürger. Allerdings geriet die Blockflöte im 18. und 19. Jahrhundert in den Schatten der Querflöte. Aus dem Dasein als weniger geachtetes Haus-instrument kam sie erst im 20. Jahrhundert heraus. Ab 1920 begann ihre Beliebtheit als Einstiegsinstrument, zeitgleich entwickelte sich die industrielle Produktion von Blockflöten. Und nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen Boom im Blockflöten-Unterricht.
Seit Mitte der 1990-er Jahre haben sich die Schülerzahlen für die Blockflöte in etwa auf 50 000 halbiert. Das meldete der Verband Deutscher Musikschulen bereits vor längerer Zeit. Die Flöte schafft es nur auf Rang vier der beliebtesten Instrumente – nach Klavier, Gitarre und Violine. „Auch heute noch werden Blockflöten in Grundschulen verwendet, jedoch meist nur als freiwilliges Angebot“, weiß Beate Temper. Viele Mollenhauer-Kunden heute gehörten zu den „Baby Boomern“: „Sie haben in ihrer Kindheit in der Schule Blockflöte gelernt und entdecken das Instrument nun wieder für sich.“ Oft wählten sie die Tenorblockflöte, die durch ihre tiefere Lage auch bei nicht perfekten Tönen angenehm klinge.
Durch zusätzliche Klappen oder eine geknickte Form werde das Spiel der großen Tenorblockflöte auch für ältere Menschen mit weniger flexiblen Fingern und nicht so beweglichen Armen bequem möglich.
Ist es denn wahr, dass die Flöte als ausgesprochen feminines Instrument gilt? „Bei den Anfängern sind heute die Mädchen deutlich in der Mehrheit“, bestätigt Beate Temper. „Im Laienbereich gibt es fast nur Frauen, in den größeren Blockflötenorchestern – eine Entwicklung der letzten 20 Jahre – sieht man gelegentlich auch Männer. Unter den bekannten Solisten machen meist die Männer von sich reden.“
„Wie wir aus literarischen und ikonografischen Quellen wissen, war es früher zumeist umgekehrt“, präzisiert Nik Tarasov. Der international bekannte Blockflötist ist bei Mollenhauer im Instrumentenbau tätig. Und er betreut das Magazin „Windkanal“ als Chefredakteur.
Mollenhauer baut Instrumente seit 1822. Nächstes Jahr steht das 200-Jahr-Jubiläum des Familienunternehmens an. „Johann Andreas Mollenhauer, Gründer der Mollenhauer-Dynastie, erlernte auf seiner vieljährigen Berufsausbildung auf Wanderschaft unter anderem auch die Herstellung damals moderner Blockflötentypen“, hält Nik Tarasov fest. „Auch wenn im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Herstellung von Blockflöten zugunsten anderer Instrumente in den Hintergrund trat, nahm der Bau des Instruments zu Zeiten des Wirtschaftswunders rasant an Fahrt auf und wurde bis heute zum Thema Nummer eins.“
Bei Mollenhauer erhalten alle Auszubildenden zum Holzblasintrumentenmacher – die meist schon Flöte spielen – zusätzlich Unterricht. „Für das Voicing – dabei erhält die Blockflöte ihre Stimme – sind grundlegende Spielfähigkeiten erforderlich, für Qualitätskontrolle und Entwicklung neuer Instrumente natürlich umso mehr“, sagt Beate Temper.
Beate Temper verrät: „Blockflöten verlieren mit den Jahren rapide an Wert – es sei denn, sie sind wirklich alt. Es ist wie mit einem alten Auto. Man kennt seine Macken und hat sich darauf eingestellt. Die Sitze sind bequem eingesessen und es hängen Erinnerungen und Erlebnisse dran. Im Fall der Blockflöte an besondere Proben und schöne Auftritte und Konzerte.“ Neue Modelle hätten andere Eigenschaften, denn die Technik habe sich weiterentwickelt und auch die Ansprüche der Spieler habe sich verändert.
Wer heute eine Blockflöte erwirbt, hat Auswahl in einer Preisspanne von 30 bis mehr als 3000 Euro. Natürlich lassen sich mit der Blockflöte nicht nur Weihnachtsstücke spielen. Aber die religiös-mystische Nutzung liegt in ihrer langen Geschichte. Bei diesem Instrument entsteht der Ton direkt aus dem Luftstrom des Atems: Klang und Seele könnten dabei in enge Verbindung geraten.
Von Evelyn Schwab