Was ist geistlicher Missbrauch?
Viele wollen Klarheit
Foto: Matthias Petersen
Immer wieder: Schon Anfang der 1990er Jahre ging es im Kirchenboten um die sogenannte „Christusgemeinschaft“.
Auf diesen Tag warten viele Menschen im Bistum Osnabrück schon lange. Wenn am 25. September die Universität Münster eine Studie zum geistlichen Missbrauch vorlegt, geht der Blick vor allem auf zwei Gruppen, in denen solcher Missbrauch vorgekommen ist. Über die sogenannte „Christusgemeinschaft“ und die undurchsichtigen Praktiken ihrer Führungspersonen berichtete der Kirchenbote erstmals bereits Anfang der 1990er Jahre. Nach einer ersten Aufregung wurde es dann wieder ruhig, bis das Thema periodisch immer wieder aufploppte. Nach vielem Hin und Her sprach Bischof Franz-Josef Bode der Gruppe schließlich 2011 ab, sich geistliche Gemeinschaft nennen zu dürfen. Das war zwar kein Verbot, kam dem aber schon sehr nahe. Viele Gläubige erwarten, dass die Studie Aufschluss darüber gibt, was sich im Laufe der Jahrzehnte tatsächlich abgespielt hat. Und viele möchten wissen, was geistlicher Missbrauch eigentlich ist.
Solche Gruppierungen, die die Freiheit ihrer Mitglieder beschneiden, gibt es nicht nur in Osnabrück. Mit der inzwischen aufgelösten Gemeinschaft „Totus tuus“ hatten Verantwortliche im Bistum Münster ihre Not. Deshalb beauftragten beide Bistümer die unabhängige Studie. Die Kongregation der Franziskanerinnen vom hl. Martyrer Georg zu Thuine schloss sich an, weil dort über die „Christusgemeinschaft“ viele junge Frauen eine spirituelle Heimat suchten und die Mehrzahl von ihnen den Orden 2004 unter großer medialer Begleitung verließ. Vierter Auftraggeber ist schließlich die Deutsche Bischofskonferenz, die sich wegen des Modellcharakters der Studie einbringt.
Beauftragt mit der Studie ist die Katholisch-theologische Fakultät der Universität Münster. Mit der Projektleitung ist die Theologieprofessorin Judith Könemann betraut. In einem Interview des Kirchenboten sagte sie zum Start der Studie im Mai 2023: „Wir wollen Aufklärung in einem zeitgeschichtlichen und pastoralgeschichtlichen Kontext erreichen.“ Generelles Ziel sei die Erforschung von Mechanismen, die geistlichen Missbrauch ermöglichten und die dazu führten, dass er aufrechterhalten werde. Um zu Ergebnissen zu kommen, sollten Akten gesichtet, Artikel des Kirchenboten gelesen und vor allem Gespräche mit Zeitzeugen und Betroffenen geführt werden.
Präsentation ist öffentlich
In einem Saal im münsterschen Schloss sollen nun am Freitag, 25. September, um 16.30 Uhr die Ergebnisse ausführlich präsentiert werden. Jeder Interessierte kann daran teilnehmen, auch per Internetstream wird die Präsentation übertragen. Das Bistum Osnabrück bereitet sich und seine Gläubigen bereits darauf vor. Die Veröffentlichung könne für Menschen, die selbst geistlichen Missbrauch erlebt haben oder sich durch die Berichterstattung an eigene Erfahrungen erinnert fühlen, belastend sein, hieß es unlängst in Pfarrbriefen. Da auch in Kirchengemeinden Fragen oder Gesprächsbedarf entstehen könnten, ist in Planung, eine telefonische Hotline einzurichten. Außerdem wird auf die Möglichkeit hingewiesen, Kontakt zu den unabhängigen Ansprechpersonen aufzunehmen.
Die vier Auftraggeber der Studie werden wahrscheinlich erst mit deren Veröffentlichung den Inhalt kennenlernen – so ist es ausgemacht. Sie werden die Studie zunächst lesen müssen und sich erst einige Tage später ausführlich zu den Ergebnissen äußern können – wahrscheinlich am Standort Münster.
Maria Feimann und Michael Oesterheld sind unabhängige Ansprechpersonen.