Interview zu Allerheiligen und zur Heiligenverehrung
Von Vorbildern und Fürbittern
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Fra Angelico: Die Krönung Mariens inmitten der Heiligen (1434)
Herr Professor Becker-Huberti, was ist ein Heiliger?
Ein Christ ist dann heilig, wenn es ihm zu Lebzeiten gelungen ist, Christus nachzufolgen. Und wenn das von anderen Christen anerkannt wird, kann der Papst formell eine Person heiligsprechen. Es gibt das schöne Bild: Ein Heiliger ist ein Mensch, durch den Gottes Licht in die Welt scheint – also jemand, der die göttlichen Gebote in dieser Welt lebt und dadurch überzeugt. Das heißt auch: Heilig wird man als Lebender; als solcher verehrt wird man dann vielleicht als Toter.
Was muss man zu Lebzeiten tun, um später als Heiliger anerkannt zu werden?
Ich muss für mich prüfen, in welchen meiner Lebensbereiche ich wie Gott handeln könnte: barmherzig, liebevoll, dem Nächsten zugewandt, geschwisterlich. Ich kann mich bemühen, aber mich selbst heilig machen kann ich nicht.
Und wenn ich nicht heiliggesprochen werde, war ich nicht gut genug?
Das Urteil können wir getrost der Barmherzigkeit Gottes überlassen.
Heilige sollen Vorbilder im Glauben sein. Was kann ich denn von ihnen lernen?
Das muss jeder und jede für sich und seine Zeit und seinen konkreten Lebensbereich prüfen. Es hilft nicht, einfach nur etwas zu imitieren, was ein Heiliggesprochener vor Jahrhunderten vielleicht mal gemacht hat. Es muss zu mir und den Erfordernissen meiner Zeit passen.
Das heißt, dass nicht alle Heiligen gleich aktuell sind?
Heiligkeit wird immer zugesprochen in einer bestimmten Zeit. Da spielen auch Einflüsse und Interessen eine Rolle, die für diese Zeit typisch sind. Heute würde vermutlich niemand mehr eine Person, die sich lebenslänglich meditierend auf eine Säule setzt, zum Heiligen küren. Oder jemanden, der sich den Tod herbeisehnt, um möglichst schnell zu Gott zu kommen. Das heißt, die Heiligen, die wir haben, passen in verschiedene Zeiten.
Sollten Heilige dann so etwas wie ein Ablaufdatum haben?
Ich würde eher sagen: Es ist nicht klug, Heilige in eine Unerreichbarkeit hinauf zu katapultieren. Sie waren in der Konsequenz ihres Lebens vielleicht heilig, aber in vielen anderen Bereichen vermutlich gar nicht so anders als Sie und ich. Man sollte Heiligkeit vielleicht wieder mehr erden und zurückführen auf den eigentlichen Begriff, um ihn besser zu verstehen: heil sein – ganz sein; etwas leben, was in sich stimmig ist. Das ist dann der Fall, wenn der Mensch so lebt, wie Gott, der ihn erschaffen hat, es wollte. Und das kann zu verschiedenen Zeiten sehr verschieden sein.
Gibt es auch zeitlose Heilige?
Es gibt Heilige wie Martin oder Nikolaus oder Katharina, die uns bis heute sehr lieb sind. Es gibt andere, wie Thomas von Aquin oder Augustinus, die vor allem für Intellektuelle ansprechend sind. Und es gibt welche, die wir vielleicht gar nicht namentlich kennen, weil sie sehr weit weg für uns und unser Leben sind, die aber vielleicht für andere eine große Bedeutung haben.
Sie sagten, bei Heiligsprechungen wirkten auch Interessen und der Zeitgeist mit. Ist das heute noch so?
Ja, ich denke etwa an den kürzlich heiliggesprochenen Carlo Acutis. Da haben auch große Interessen der Familie eine Rolle gespielt oder einflussreiche Gruppen mit einem bestimmten Frömmigkeitsideal. Oder wenn Ordensgemeinschaften sich sehr für ihre Gründerinnen und Gründer einsetzen, etwa das Opus Dei für Josefmaria Escriva: Das kann problematisch werden, weil die Eigeninteressen erkennbar sehr groß sind.
Was heißt das dann für mich? Kann ich solche Heiligen ignorieren?
Niemand wird gezwungen, einen Heiliggesprochenen zu verehren, selbst wenn er das vatikanische Siegel trägt.
Heilige gelten auch als Fürsprecher bei Gott. Braucht es so eine Zwischeninstanz?
Jeder und jede kann selbstverständlich auch direkt mit Gott sprechen. Das hat die katholische Kirche auch nie bestritten. Aber wenn Sie einen Fürsprecher haben wollen, der für Sie eintritt, weil Sie selbst es vielleicht nicht so ausdrücken können, dürfen Sie ihn nehmen.
Wie ist man auf die Idee dieser fürbittenden Heiligen eigentlich gekommen?
Gläubige haben immer schon die besondere Nähe zu Verstorbenen gesucht, die sie als Heilige verehrten. Sie sahen in ihnen eine Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen dem irdischen Leben und der Ewigkeit. Die ersten Christen haben die Eucharistie immer an den Gräbern der Märtyrer gefeiert. Und bis heute ist das ja so, denn jeder Altar trägt zumindest eine Heiligenreliquie in sich, um diese Verbindung zu verdeutlichen. Aber Heiligenverehrung bedeutet noch mehr.
Nämlich?
Wenn ich an den heiligen Martin denke, dann ist da ja das Bild des Mantels. Oder es gibt das Bild der Schutzmantelmadonna: Wenn ich mich sozusagen unter deren Mantel begebe, um mich ihnen anzuvertrauen, auf ihre Fürsprache hoffe, weil sie mir ein Vorbild sind, dann hat das ja auch Auswirkungen auf mich. Wenn ich mich unter den Schutzmantel im übertragenen Sinn begebe, dann gilt auch der Anspruch an mich, dass ich dem Vorbild der Heiligen folge und nach meinen Möglichkeiten anderen Schutz biete, wenn das von mir gebraucht wird. Oder dass ich mit denen teile, die nicht viel haben.l
Zur Person
Manfred Becker-Huberti (81) forscht seit vielen Jahren zur Heiligenverehrung. Er ist Honorarprofessor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar.