Erprobungsräume der Evangelischen Kirche
Was neue Ideen taugen
Wer etwas anders machen will, muss erst einmal einiges ausprobieren. Auch auf die Gefahr hin, dass manches nicht klappt. Die Evangelische Kirche im Rheinland stellt dafür „Erprobungsräume“ zur Verfügung.
Pfarrer, Küsterin, Organist, Jugendleiterin: Lange wurde das kirchliche Leben wesentlich durch haupt- und nebenberufliche Mitarbeiter geprägt. Die evangelische Gemeinde Widdert in Solingen beschreitet inzwischen andere Wege: Teams von engagierten Ehrenamtlichen ersetzen den Küsterdienst, sorgen für die Technik bei Gottesdiensten und Kulturveranstaltungen, lenken die Jugendarbeit und kümmern sich um Seniorenkreise. In Zeiten von Mitgliederrückgang und sinkenden Einnahmen wird kirchliches Leben auf diese Weise nicht nur aufrechterhalten, sondern trotz geringerer pastoraler Versorgung auch innovativ verändert und von innen neu belebt.
Statt geschlossener Kreise und Gruppen setze die Gemeinde mit der Initiative „Aufgeschlossen“ auf neue Dynamik, sagt Pfarrerin Kristina Ziegenbalk: Leute, die sich immer wieder neu für punktuelles Engagement zusammenfinden, statt sich jahrelang an eine feste Verpflichtung zu binden. Sie träumt davon, dass sich viele Menschen gerne aktiv einbringen und das kirchliche Leben mitgestalten, statt nur Angebote zu konsumieren: „Wir haben uns auf den Weg gemacht, Gemeinde zu verändern.“
„Jesus ist auch zu den Menschen gegangen“
Grundlegende Reformen sind auch für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und ihre Gliedkirchen ein wichtiges Thema. Die Evangelische Kirche im Rheinland fördert unkonventionelle Formen kirchlichen Lebens, mutige Modellprojekte und kreatige Initiativen in den kommenden Jahren mit einem Gesamtvolumen von bis zu 13 Millionen Euro. Das Widderter Projekt „Aufgeschlossen“ ist einer von zunächst zehn „Erprobungsräumen“, die von der Landeskirche dabei unterstützt werden, Neues auszuprobieren und dabei Erfahrungen für die gesamte Kirche zu sammeln.
Ziegenbalg und ihre Gemeinde haben schon vieles getestet und manches auch wieder bleiben gelassen, weil es nicht so funktionierte wie gedacht. Zu den aktuellen Ideen gehören die vorübergehende Umwandlung des Kirchenraums in eine Herberge zum Übernachten und ein Gottesdienst to go, der mit einem Spezial-Bike Segen und Zuspruch zu den Menschen bringt, statt in die Kirche einzuladen.
„Jesus ist auch zu den Menschen gegangen und hat sie dort abgeholt, wo sie gerade waren in ihrem Leben – mit all den Facetten, die dazugehören“, sagt die Pfarrerin. Bei allen bunten Angeboten ist ihr wichtig, dass das kirchliche Profil sichtbar wird: „Wir sind eine Gemeinde in der Nachfolge Jesu, kein Verein und keine Volkshochschule.“
Auch in der Solinger Kirchengemeinde St. Reinoldi Rupelrath haben sich Ehrenamtliche auf den Weg gemacht und Neues begonnen, das nun als rheinischer „Erprobungsraum“ gefördert wird: Junge Familien sahen in den klassischen Gottesdienstangeboten für sich keine geistliche Heimat mehr, wollten aber Teil ihrer Kirchengemeinde bleiben. Sie gründeten die Initiative „freiraum+“ und entwickelten zusammen mit Unterstützern aus der Gemeinde eine eigene Gottesdienstform, die noch immer im Werden ist – „eine Alternative zum Traditionellen, die sich immer weiterentwickelt“, sagt Mitarbeiter Niklas Ermen.
Freiheit und Vielfalt werden bei „freiraum+“ großgeschrieben: Coffee to come, moderne Musik, ein lockeres Interview, eine „Message“, die nicht unbedingt von einem Theologen kommen muss, auch mal eine Predigt, die jemand auf Youtube gefunden hat und ansprechend fand. Jede Woche übernehme jemand anders die Verantwortung und könne sich „in dem Rahmen einbringen, den er selbst bestimmt“, erläutert Ermen.
„In allem muss Kirche erkennbar bleiben“
Auch der Ablauf ergebe sich aus dem jeweiligen Ideenreichtum: „Das kann ein Interview, besonders viel Musik, ein Anspiel oder was auch immer sein.“ Kern bleibe die Verkündigung des christlichen Glaubens: „Menschen, die sonntags in einen Gottesdienst gehen, wollen Gottes Wort erfahren und Impulse mitnehmen, die ihnen im echten Leben helfen“, betont Ermen.
Dieser Aspekt ist auch der Leiterin des rheinischen Projekts „Erprobungsräume“, Landespfarrerin Rebecca John Klug, wichtig. Sie ermuntert zu Experimenten, die auch scheitern dürfen, und begleitet, vernetzt und berät die geförderten Initiativen und Teams. Was ausprobiert werde, bleibe der Fantasie und Kreativität überlassen, sagt die Theologin. „Allerdings muss klar sein, dass in allem noch Kirche erkennbar bleibt.“
epd/ Jutta Schreiber-Lenz