Fotoausstellung in Nordhorner Kirche
Was steht für mein Leben?
Direkt neben dem Altar stehen die Fotos von Klaus Kohn in der lutherischen Kreuzkirche in Nordhorn.
Foto: Petra Diek-Münchow
Ein grauer Tag im Herbst. Ein kahler Acker, von dem die Maisernte längst eingefahren ist. Ein weiter Blick in einen fast leeren Horizont. So lenkt nichts ab von dem älteren Mann, der in schlichten Jeans und blauem Anorak auf dem Feld steht – und hoch erhobenen Hauptes in die Kamera schaut. In beiden Händen hält er eine halb gefüllte Eierpalette. Und sofort drängt sich die Frage auf: Was hat das zu bedeuten?
Dass die Gäste seiner Ausstellung „Passage. Die Dinge. Das Leben“ darüber nachdenken und sich damit auch einen dritten Blick Zeit nehmen für die Fotos, genau das wünscht sich Klaus Kohn. Seit 1988 arbeitet der 69-jährige Braunschweiger als freischaffender Fotokünstler und dieses Projekt ist vielleicht eines seiner persönlichsten. Über einen Zeitraum von zwölf Jahren hat er mit älteren Menschen gesprochen, mehrmals und in einer großen Tiefe. Was sie erlebt und oft auch erlitten haben. Was sie geprägt hat. Was heute davon bleibt. „Das waren intensive, vertrauensvolle Momente“, sagt er. Denn diese Generation ist die letzte, die noch Erinnerungen an die NS-Zeit und die Jahre danach hat. Und später oft darüber nicht wirklich reden konnte.
In aller Würde
Nach den Gesprächen hat Kohn sie fotografiert. Bewusst auf abgeernteten Feldern an eher trüben herbstlich-winterlichen Tagen, ohne blauen Himmel oder blühende Blumen. Einerseits gilt ihm das als Sinnbild für den Rückblick auf das Leben, andererseits hat es ganz formale Gründe. Damit sich der Blick der Betrachter ganz und gar auf die Menschen fokussiert, die in dieser sorgsamen Inszenierung in aller Würde dastehen. Nicht zur Schau gestellt, sondern in einer selbstgewählten Vergewisserung mit einem selbstgewählten Objekt als Symbol für ihren Lebensweg. Das ist mal ein Koffer, mal ein Rucksack, mal ein Buch, mal ein Fotoalbum.
Auch sein Vater ist in der Ausstellung zu sehen und mit ihm nimmt das Projekt vor vielen Jahren, vor dessen Tod im Jahr 2021, seinen Anfang. Er hält ein blau-kariertes Küchentuch in der linken Hand – „das einzige, was ihm noch geblieben war“, sagt Kohn. 1927 geboren, muss der Vater gegen Ende des Krieges als Jugendlicher zum Reichsarbeitsdienst und strandet danach in Schleswig-Holstein. „Zurück nach Stettin konnte er nicht und wusste auch nichts von seiner Familie. Er war quasi heimatlos.“ Aus diesem ersten Foto entsteht später die Idee zu dem Projekt.
Die Geschichte(n) dieser Generation
Die Geschichte zu seinem Vater erzählt der Künstler, die meisten anderen mit Rücksicht auf die Personen nicht. Kohn nennt weder Namen noch Orte noch Details, zeigt allein die Fotos. Warum also birgt die eine Frau einen schweren Brotlaib in der Hand und die andere wirft sich eine warme Bettdecke über die Schulter? Und warum zeigt einer der Senioren eine Panzerfaust und der nächste holt Kohlebriketts aus einem Jutesack? Viele der „Dinge“ stehen exemplarisch für die Geschichte(n) eben dieser Generation. Von Flucht und Vertreibung, von Hunger und Entbehrung, von sinnlosen Kämpfen und Wendepunkten, auch von Neuanfängen und viel Mut.
Dass Gäste der Ausstellung fast immer fragen, was die Objekte zu bedeuten haben, hat Kohn bei Führungen oft erlebt. Aber ebenso oft, dass sich aus der fehlenden Auflösung spannende Gespräche und spontane Reflexionen zum eigenen Leben ergeben. Was waren meine wichtigsten Stationen im Leben? Und was würde ich in der Hand halten? Diese Freiheit, sich im Blick auf den Mann mit dem Eierkarton, selbst zu sehen und zu begegnen – auch das zeichnet diese Fotoreihe aus.
Die Ausstellung "PASSAGE – Die Dinge | Das Leben“ ist bis zum 18. Oktober in der lutherischen Kreuzkirche in Nordhorn (Grafschaft Bentheim), Van-Delden-Straße, zu sehen. Danach steht sie vom 31. Oktober bis 30. November in der Christopheruskirche, Altwarmbüchen bei Isernhagen in der Region Hannover. Weitere Stationen im nächsten Jahr: 7.2. – 29.3.2027 in St. Johannis, Buchholz i.d. Nordheide südlich von Hamburg, und vom 1.11. – 21.11.2027 in St. Johannis, Göttingen. Informationen: www. klaus-g-kohn.com