Gedanken zur Lage der Kirche von Stadtdekan Johannes zu Eltz
„Wir sind noch lange nicht im Canyon unten“
„Ich erlebe es, dass ganz viele Menschen abgestoßen sind – bis hin zum Kirchenaustritt – nicht aus tiefen theologischen Gründen, sondern weil menschlicher Grundanstand fehlt. Dafür hätte Gott nicht Mensch werden müssen. Dieses Minimum müssen wir einfach bringen.“ Frankfurts Stadtdekan Johannes zu Eltz schaut genau hin und ist ein gefragter Zeitgenosse auf dem Synodalen Weg der Kirche. Dort wird er zu den „Reformern“ gezählt. Im Gespräch mit Johannes Becher erzählt er von seiner Idee einer Volkskirche in moderner Zeitgenossenschaft.

Der „reformorientierte“ Stadtdekan. So heißt die Schublade, in die Sie von Medien und Engagierten gesteckt werden. Herr Stadtdekan, fühlen Sie sich in die richtige Schublade gepackt?
Ja, weil die Schublade groß ist. Und weil „Orientierung“ noch verschiedene Beziehungen möglich macht. Eine Reformorientierung würde ich mir auf jeden Fall zuschreiben. Einmal wollte mir jemand einen Gefallen tun, indem er mich einen „Reformator“ genannt hat. Das habe ich zurückgewiesen, weil Reformator nicht jemand ist, der eine Ausrichtung hat, sondern der etwas ins Werk setzt. Und das nehme ich für mich nicht in Anspruch.
Und diese „Orientierung“ ist an ein „semper reformanda“ – eine stetiges sich Erneuern – der Kirche angelehnt?
Ja. In diesem Sinne muss jeder, der es mit der katholischen Kirche gut meint, für ihre dauernde Reform sein. Das hat bei mir eine konkrete Ausprägung bekommen in den letzten Jahren: dass ich an ihrer Verfassung und an ihrer Organisation – nicht an den heilserheblichen Inhalten und Glaubenssätzen – schnell tiefgreifende Veränderungen sehen möchte.
Was hat Sie verändert in Ihrem Katholisch-Sein? Wo ist das "Damaskus-Erlebnis" des Johannes zu Eltz? Wer Sie als Stadtdekan in Wiesbaden erlebt hat und erlebt Sie nun im selben Amt in Frankfurt, der denkt: Der ist ein anderer (geworden).
Ich hoffe, dass ich derselbe geblieben bin. Bei aller Wandlung und Veränderung kann ich doch auch Elemente entdecken, die sich durch meine ganze Geschichte ziehen. Wenn das Kontinuierliche ganz verloren ginge, dann wäre ja die Identität der Person zersplittert, und das hat etwas Verrücktes. Ich möchte schon gerne derselbe bleiben, aber ich muss nicht der Gleiche bleiben. Ich erlebe mit Spannung und meist mit Freude und Staunen, wie viel Veränderung in Jahren möglich ist, von denen man ja sagt, dass es da gar keine grundlegende Veränderung mehr geben kann.
2006 hat mich Franz Kamphaus gebeten, als Stadtdekan nach Wiesbaden zu gehen. Ich war damals Offizial und Bischofsvikar in Limburg. Und da haben manche Wiesbadener gesagt: „Um Gottes Willen. Jetzt kommt der Terminator aus Limburg und macht uns hier die schöne Stadtkirche kaputt.“ Diese Befürchtung war nicht unbegründet, denn ich hatte damals viele starke Überzeugungen, aber die Fähigkeit, mich auf andere Gegebenheiten einzulassen, war schwach entwickelt. Ich hatte in der Kurie noch nicht gelernt, was ich später „Zeitgenossenschaft“ genannt habe. Das kam tatsächlich erst unter urbanen Lebensbedingungen. Für mich ist die Großstadt das Biotop, in dem ich mich entfalten kann. Wo ich Anschluss bekomme an das, was mich lebendig macht und alle meine Kräfte fordert. Ich war ja vorher Pfarrer im Oberwesterwald und war total gerne auf dem Dorf und habe dort alles reingegeben und viel mitbekommen. Trotzdem würde ich sagen: Die Großstadt ist meins. Und ich glaube, was die Kirche in Zukunft sein kann, auch auf dem Land, das wird sich in den Städten entscheiden.
Ging es also bei Ihren Veränderungen auch um die Frage der Anschlussfähigkeit? Außerhalb der Kirche. Aber auch innerhalb. Also die Frage: Wie bleibe ich im Gespräch?
Ich denke, das muss sich ergeben. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich je aktiv darum bemüht hätte.
Das wäre ja fast schon populistisch …
Das wäre strategisch. Da halte ich es aber mit dem, was Pater Klaus Mertes einmal gesagt hat: „Wenn man Vertrauen gewinnen will, dann darf man nicht Vertrauen gewinnen wollen.“ Das stimmt in vielen Bereichen! Wenn man anschlussfähig sein will, dann darf man nicht so viel nachdenken über die Bedingungen, unter denen das möglich ist, sondern man muss einfach seine Sachen machen.
Sie sprechen von einer „Seelsorge als Zeitgenossenschaft“, die Sie praktizieren. Und zwar in einer „Volkskirche in der modernen Gesellschaft“. Andere sehen die Volkskirche dagegen am Ende. Was meinen Sie? Geht es um ein Volk, das sich seiner neu und anders bewusst wird, um Kirche zu sein?
Es muss schon eine erneuerte Volkskirche sein, weil sich die gesellschaftlichen Umstände ja dauernd ändern und sich in den letzten 150 Jahren dramatisch geändert haben. Die Volkskirche, die heute nicht mehr weiterkommt, ist die Volkskirche der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das ist trivial, aber man muss es trotzdem sagen: Im 21. Jahrhundert kann eine Volkskirche unter Bedingungen des 19. Jahrhunderts nicht funktionieren. Die Gesellschaft hat nach dem Zweiten Weltkrieg und noch einmal nach 1968 gewaltige Entwicklungsschübe erlebt. Die Volkskirche, wenn sie eine sein möchte, muss sich diesen Kräften aussetzen.
Tempora mutantur et nos mutamur in illis (Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns in ihnen). Das gilt auch für die Kirche. Die Vorstellung, sie sei ein Fels in der Brandung, ist irrig. Das ist eine häretische Vorstellung für mich. Ich kann nichts Biblisches entdecken, das dafür spräche. Es gibt im ersten Korintherbrief ein Bild für Christus, das ich unglaublich gut finde: Christus ist der Fels, der mitgeht. Eine Beständigkeit in Bewegung. Das meint die Zeitgenossenschaft, die ich mir vorstelle.
Da klingen ja zwei extreme Pole an: die „Entweltlichung“, von der Papst Benedikt gesprochen hat, und als anderes Extrem die „katholische Hüpfburg“, die Eventisierung des Katholischen, ein Anbiedern an den Zeitgeist? Wo ist dazwischen der Platz für Ihre zeitgenossenschaftliche Volkskirche?
Nicht zwischen diesen beiden Polen. Der eine ist so falsch wie der andere. Der Platz muss in einer Tiefe sein, die durch das Evangelium aufgeschlossen wird. Das Evangelium mit seinen Zumutungen, die man nicht entschärfen kann. Ihre Spitze zielt darauf, die eigene Bedürftigkeit zu entblößen und sich von einer heillosen Verfangenheit erlösen zu lassen. Das widerstrebt so ziemlich allem, was die Modernitätsgeschichte im Westen mit sich gebracht hat. Das ist die Zumutung Jesu, die in keine Zeit passt, und die ist groß genug; die dürfen wir dann nicht auch noch durch eine unzeitgemäße Glaubensgestalt untragbar machen, auch noch so, dass wir unsere Verantwortung für die aktuelle Verfassung der Kirche Jesus in die Schuhe schieben wollen. Sonst kommen wir überhaupt nicht mehr dazu, unsere Inhalte zu präsentieren. Weil die Leute es sich von unserem schrottigen Auftritt schon genug sein lassen.
Im Bild eines Hausierers: Wenn ich an die Tür klopfe und sage: „Tag, ich bin Johannes zu Eltz von der Stadtkirche Frankfurt, darf ich Ihnen meine Glaubens-Inhalte präsentieren?“ Und die mir aufgemacht hat, guckt mich an und sagt: „Katholische Stadtkirche? Sind Sie der Verein, wo schwule Paare nicht gesegnet werden können und Frauen keine Ämter bekommen? Vielen Dank! Hab genug gehört …“ Da greife ich jetzt zwei auch außerhalb der Kirche populäre, aus allgemeinen gesellschaftlichen Gerechtigkeitsvorstellungen abgeleitete Grundforderungen an katholische Kirche heraus. So landläufige Urteile, die kann man oberflächlich nennen, theologisch unbeleckt und was weiß ich – und schimpfen, es wäre opportunistisch, ein Heulen mit den Wölfen, wenn man darauf eingeht, was die Leute da sagen. Aber wenn das für sie ein Grund ist, überhaupt nichts mehr hören zu wollen von dem, wofür die Kirche angetreten ist, was ihr Jesus aufgetragen hat, dann ist es Zeit, die hochschwelligen Hindernisse zum Glauben abzubauen. Damit wir besser mit dem rüberkommen, was wir wirklich zu sagen haben.
Ist es deshalb nötig, so viel Kraft und Zeit für die innerkirchliche Nabelschau zu verwenden? Für „Probleme“, die Menschen draußen nichts mehr sagen?
Inhalte brauchen eine funktionierende Vermittlung, sonst kommen sie nicht an den Mann und an die Frau. Deswegen ist die Sorge um eine geeignete Organisationsform nicht müßig. Und die ist auch keine Nabelschau. Denn das dient ja gerade nicht der Beschäftigung mit sich selber, sondern es ist die Frage: Wie können wir uns so aufstellen, dass wir mit dem, wofür wir da sind, Interesse erregen und ankommen? Das betrifft nicht nur Gottesdienste und Verkündigung, sondern auch den großen Sektor der sozialen Dienste. Auch dort müssen wir etwas dafür tun, dass die Kirche grundsätzlich als vertrauenswürdig erscheint. Und dafür ist es nötig, dass sie nicht völlig exkulturiert wird und aus dem Erwartungshorizont von normalen Leuten verschwindet. Das ist mein Hauptpunkt, warum ich dafür bin, dass wir die Organisationsform der Kirche rasch verändern.
Der Vorwurf, das habe mit Evangelisierung nichts zu tun und sei nicht fromm genug, der ist oberflächlich. Eine zeitgemäße Verfassung ist Prä-Evangelisierung; sie bereitet den Boden, auf dem Evangelisierung breitenwirksam überhaupt möglich ist. Unterstrichen: breitenwirksam. Klar, da lauert die Gefahr der Beliebigkeit, und dass das Salz der Erde schal wird, usw. Deshalb muss die Kirche Platz haben für ästhetische Kritik am Zeitgeist und die romantische Sehnsucht nach dem Besonderen. Aber das kann nicht bedeuten, dass man für Hans und Franz nichts mehr übrig hat und die große Mehrheit der Leute verachtet mit einem Durchschnittsempfinden und einem normalen Bild von dem, was in einer Gesellschaft sein soll. Für die braucht man einen anschlussfähigen Auftritt, und das meine ich mit Volkskirche.
Im Hausiererbild gesprochen: Man muss zuerst die Tür geöffnet bekommen, um zu Wort zu kommen. Man muss zeigen, dass man glaubwürdig ist …
Vertrauenswürdig! Das sind oft eher Instinkte oder Intuitionen, die da wirksam werden. Und es war unvordenklich lange so, dass wir auf der begünstigten Seite standen. Die Leute haben einzelne Amtsträger kritisiert und zum Amt an sich ein großes Grundvertrauen gehabt. Das ist in beängstigend kurzer Zeit eingestürzt. Jetzt gibt es noch einzelne Personen, die die Leute gut finden. Aber der Kredit aus dem Amt, der ist ziemlich aufgebraucht. Das scheint in Richtung Entscheidungskirche und Personalgemeinde zu weisen. Ich bin dennoch dafür, dass wir mit der Volkskirche in die Fläche streben. Meine Idee davon ist nicht superradikal oder steil. Mainstream ist in meinen Ohren kein Schimpfwort für eine solche Kirche, weil dort schwimmen halt die meisten Leute. Und wir wollen ja die meisten Leute erreichen und nicht die wenigsten.
Das nennt die Politik „die Mitte“ …
Ja. Und die Vorstellung, die Kirche hätte da nichts verloren, weil sie damit den Auftrag Christi verraten würde, die kann ich nicht nachvollziehen. Im Evangelium gibts null Scheu vor den Scharen.
Sie sprechen bei den verhärten Fronten, die es in der Kirche gibt, von einem „doktrinären Starrkrampf“. Wie gelingt es, Beharrer und Reformer miteinander ins Gespräch zu bringen? Wie bricht man die Verhärtungen auf, die es ja auf jeder Seite gibt?
Ja, die gibt es. Und die liberalere Position garantiert nicht dafür, dass es dort nicht auch knallharte Abgrenzungen gibt mit Verachtung für andere. Das ist kein Deut besser als die Abschottung von rechts.
Wenn ich nur wüsste, wie man das machen kann, den Starrkrampf aufzulösen ... Ein Hausmittel vielleicht: Die eigene Zunge hüten. Und nicht in der öffentlichen Rede Öl ins Feuer schütten. Die Unterschiede nicht leugnen, aber sie auch nicht zu unauflöslichen Widersprüchen hochstilisieren. Positionen, die man kritisiert, nicht verdammen, und Menschen, die man kritisiert, nicht verächtlich machen – auch nicht im Gegenzug. Denn das macht alles nur noch schlimmer. Aber am wichtigsten, noch wichtiger als zivilisierte Streitformen: sich nicht verstellen. Ich habe ganz hohe Tiere erlebt, die einem durch massive kognitive und affektive Dissonanzen angst und bange machen. Sie sprechen milde wie Mathilde. Aber man merkt ihnen an, dass sie einem am liebsten ein Messer in den Bauch rammen möchten. Das darf nicht sein. Was drauf steht, muss auch drin sein.
In der Kirche ist es wie in der Gesellschaft: Es gibt die „Blasen“, Gruppen, in denen nur die eigene Meinung bestätigt wird. Wie macht man das durchlässiger?
Vielleicht muss man sich vor allem vor der identitären Versuchung hüten: Dass man die eigene Person und die eigene Zuständigkeit in so einer Organisation – kirchlich gesprochen: das eigene Amt – so mit der Sache Christi identifiziert, dass man das eine vom anderen gar nicht mehr unterscheiden kann. Dann wäre jede Kritik an meiner Person eine Kritik am Heiligtum, also eine Majestätsbeleidigung oder ein Frevel. Das ist eine Verformung unserer hierarchischen Organisation, die uns jetzt sehr belastet. Dass Kritik eine unangenehme Art des Wohlwollens ist, viel hilfreicher als die Huldigungen, nach denen uns verlangt, da können wir im Klerus noch was lernen.
Ich bringe das auch in Verbindung mit unserer ehelosen Lebensform. Partnerschaft, wenn sie gut funktioniert, serviert ja Zuneigung zum Partner und Kritik an ihm auf dem selben Tablett. Bei uns ist es ganz oft so, dass es nur das eine oder das andere gibt. Die gesunde Mischung von Kritik und Liebe, die tägliche Ration von Zorn und Zärtlichkeit, die ist in der alleingestellten Lebensform schwer zu bekommen.
Das wäre für mich ein guter Grund, den Zölibat fakultativ zu stellen. Nicht, ihn abzuschaffen. Das hieße, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Sondern ihm seine Schönheit wiederzugeben, damit er von denen ergriffen werden kann, die dazu wirklich berufen sind. Ich habe gesehen, dass es Menschen gibt, die auch im Alleinleben sich als Persönlichkeit runden können und wirklich zur Reife gelangen. Aber ich glaube nicht, dass es allzu viele sind. Die meisten Seelsorger sind auf Beziehung angelegt. Und die sollte man uns auch leben lassen. Das Miteinander von Kritik und Liebe. Das ist wesentlich.
Das ist übrigens auch ein starker Grund für die Förderung der ökumenischen Kontakte. Denn die christliche Ökumene ist die dauernde Beschäftigung mit Leuten, die dasselbe wollen und dasselbe sind als Christen in einer ungleichen Gestalt, in einer irritierend anderen Form. Diese Andersheit ist eine dauernde Herausforderung an meine Selbigkeit. Ich muss mir immer überlegen: Wenn der ebenso ein Kind Gottes ist wie ich, Bruder oder Schwester Christi, Pfarrer oder Pfarrerin in der Gemeinde, und fast alles anders sieht und macht als ich, was ist denn dann? Diese Konfrontation hält jung. Demgegenüber finde ich die kirchliche Homophilie, die Neigung zum Immer-Gleichen, das vor Überraschungen feit und vor Infragestellung schützt, langweilig und unfruchtbar.
Ist die ökumenische Sichtweise nicht sogar eine Überlebensfrage für Christentum in unserer Gesellschaft?
Ja, das glaube ich. Und zwar in der Weise, dass wir es zuwege bringen, unsere Unterschiede nicht zu applanieren. Weil: Diversität macht lebendig und reizvoll. Wir könnten der Gesellschaft ein Beispiel dafür geben, dass das Miteinander von Unterschieden bei selber Grundausrichtung die Sache schöner macht - und anstrengender! Das könnte auch ein Dienst an der Gesellschaft sein, wo die Gräben sich vertiefen und die Brückenschläge große Mühe machen.
Mit den Brückenschlägen ist es in der Kirche auch nicht immer zum Besten bestellt. Zuweilen hat man den Eindruck, dass im Vatikan nicht gesehen wird, wie von vielen hierzulande mit Herzblut und Liebe zur Kirche um den künftigen Weg gerungen wird.
Ich habe zwei Jahre lang in Rom gelebt, und die meiste Zeit gerne. Aber dann hat mir immer mehr das Andere gefehlt, das Deutsche, das Evangelische, das Weibliche, das Weltliche. Man ist in Rom imstande, theologische Entscheidungen zu treffen, die Mitchristen ins Mark treffen, die sie zutiefst berühren, auch verletzen, und muss ihnen dabei nicht in die Augen schauen. Sie hauen rein und sehen den Kummer nicht. Das verabscheue ich an meiner Kirche, dass man diesen Zustand der Unempfindlichkeit und der Unempfänglichkeit für Schmerzen auch noch glorifiziert. Indolenz ist aber zutiefst evangeliumswidrig.
Man kann das Institutionelle nicht trennen von der Kirche. Sonst gäbe es im 21. Jahrhundert nach Christus längst keine Christen mehr. Aber wenn wir uns kein hörendes Herz erhalten, sondern von dieser unbrechbaren Härte und Selbstgerechtigkeit, vom institutionellen Narzissmus und dem Instinkt zum Selbstschutz aufgefressen werden, bevor irgendwelche anderen Interessen auch nur in Betracht kommen, dann sind wir verratzt!
Das würde ja für eine zeitliche Beschränkung von allen Ämtern im kurialen Umfeld sprechen …
Ja, zeitliche Begrenzung ist das eine. Das Brechen von absoluter Macht ist das andere. Alle diese Vollmächtigkeiten zu begrenzen – sei es zeitlich, sei es durch Rechte anderer –, macht es zwar komplizierter in den Verfahren, aber es ist besser.
Die strukturkonservativen Kräfte in unserer Kirche erklären das für unkatholisch. Weil wir im 19. Jahrhundert aus der Geschichte ausgestiegen sind. Und jetzt ist der Graben garstig tief und weit. Zwischen 1870 und 2020 liegen 150 Jahre Entwicklung, und wir haben uns ihr entziehen wollen in der „societas perfecta“, die alles Katholische in einer Parallelgesellschaft abbildet. Damit sind wir aus der Zeit gefallen.
Wenn es nicht gelingt, die Brücke über den Graben zu bauen, muss man dann durchs Tal der Tränen?
Das ist ein gutes Bild. Wir sind noch lange nicht im Canyon unten. Und wie es auf der anderen Seite wieder raufgehen soll, das weiß Gott. Die Vorstellung, wir könnten mit etwas Anstrengung die Höhe halten und einfach weitermachen, die ist falsch.
Wie bringt man die Pole zusammen?
Ich glaube nicht, dass die Menschen, die uns erleben und beurteilen, davon abgeschreckt sind, dass wir in den massiven Zwängen einer 2000 Jahre alten Großorganisation stecken, auch noch mit globaler Aufstellung. Das wird ein gerecht urteilender Mensch verstehen. Was die nicht aushalten können, ist Herzlosigkeit und Falschheit – wenn man das Gefühl hat: Ich werde zwar angesprochen und eingeladen, in Wirklichkeit bin ich denen aber völlig wurscht, die erkennen mich nicht und interessieren sich für mich nur so weit, als mein Nutzen für ihre Organisation reicht. Wenn das auf dem Hintergrund des Evangeliums geschieht, dann hauen die Leute ab, und sie haben recht.
Wo ist der richtige Weg in der pastoralen Planung; in einer Kirche mit geringer werdenden Ressourcen und dem Wunsch vieler Katholiken, nach einem offen gestalteten Prozess im Vertrauen auf den Heiligen Geist?
Das kostbare Gut, das hier einzusetzen ist, das nenne ich Organisationsvertrauen. Das ist das Vertrauen, das von oben nach unten in die Organisation eingespeist wird. Da muss man das Subsidiaritätsprinzip verstanden haben und es richtig gut finden. Dann kann man sagen: „Ich traue es den Leuten zu, dass sie die Sache gut machen können. Auch wenn ich nicht alle Fäden in der Hand habe.“ Ich glaube, dass die Leute für das Vertrauen, das in einer Organisation leitend und prägend ist, ein Gespür haben. Wenn es aber eine von kaltem Misstrauen geprägte Organisation ist, dann können Sie persönlich so geschickt und so nett sein, wie Sie wollen, es hilft Ihnen nicht. Und deshalb ist es so wichtig, das Leitungsfiguren – von denen ich in meinem Beritt ja auch eine bin – dass die zu solchem Vertrauen imstande sind.
Blicken wir in die Gemeinden. Dort gibt es viele Unsicherheiten. Da wirkt neben den klerikalen Fundamenten auch ein bittender Laienklerikalismus. Die einen sagen: Ich bin gefirmt und kann vieles selbst verantworten und die anderen sind froh, dass da mit dem Pfarrer einer ist, der sagt, wo es langgeht ...
In der Tat. Es gibt im synodalen Bereich auch den Pseudo-Klerikalismus von laikalen Führungspersonen. Und es gibt die indirekte Förderung von Klerikalismus aus der Gemeinde, weil man sich davon immer auch einen Gewinn für sich selbst verspricht. Das ist ein gegenseitiges Sich-Ernähren.
Vielleicht hat meine Verwandlung, über die ich ja selber am meisten staune, auch zu tun mit der dauernden Nähe zum Evangelium, die die vielen Werk- und Sonntagsmessen mit sich bringen. So wie ich vor 60 Jahren großgeworden bin als Katholik, war ich mit den Traditionen und Gepflogenheiten der Kirche besser vertraut als mit dem Evangelium. Da bin ich evangelischer geworden. Die Schrift ist einfach unwiderstehlich. Und subversiv. Mag sie noch so harmlos und weltfern daherkommen. Wenn man immer wieder dieses Wort in sich widerhallen lässt, dann entfaltet es ein Eigenleben und macht einen kritisch auch dort, wo man es nicht für möglich gehalten hätte.
Bei meinen Reformanliegen lässt sich die Welteinheitlichkeit der katholischen Kirche – auch eine Frucht des 19. Jahrhunderts – nicht durchhalten. Mir käme nicht in den Sinn, das, was ich in den deutschsprachigen Ländern, in Benelux, in Frankreich und Spanien, in den USA für richtig hielte, anderen Kulturkreisen aufzunötigen, die so eine Reform von Kirche nicht erstreben und durch sie die Einheit im Glauben vielleicht verlören. Deswegen erwarte ich mir vom Papst vor allen Dingen, dass er klug und selbstlos Bedingungen schafft, die zu kulturaffinen und kulturrelativen Organisationsformen der Kirche in verschiedenen Teilen der Welt führt. Das ist zwar eine große Aufgabe, aber auch nicht gerade rocket science. Jede Klickerfirma, die international tätig ist, muss so etwas hinkriegen.
Davon muss nicht zuerst der Papst überzeugt werden, sondern vorher auf dem Synodalen Weg …
Der Papst müsste sich inhaltlich gar nicht positionieren. Das kann er vielleicht auch gar nicht. Weil er „der Hüter der Tradition“ ist und nicht ihr Herr und Gebieter. Er soll die Glut wahren und den Herd warmhalten, aber er könnte es erlauben, dass das Herdfeuer an unterschiedlichen Feuerstellen in der Welt angemacht wird und dann je nachdem, wie es am besten wärmt und kocht, auch unterschiedlich eingefasst wird. Diese Ermöglichung von Dezentralisierung und von Kulturentsprechungen in verschiedenen Weltgegenden müsste ein Diener der Diener Gottes eigentlich hinkriegen.
Sie, Johannes zu Eltz, wären doch als Idealfigur prädestiniert dafür, eine Brücke zu bauen über den Graben in der Kirche. Weil es ja gar keine Gefahr gibt, Ihnen die Rechtgläubigkeit abzusprechen.
Vor vielen Jahren, als ich noch frommer war als heute, da hat mir einmal ein Traditionalist gesagt, mit widerwilliger Anerkennung: „Wenn man bei Ihnen die neue Messe mitfeiert, ist man in Versuchung, der alten Messe untreu zu werden, weil das, was die bewahrt, auch bei Ihnen vorkommt.“ Das hat mich sehr gefreut. Das ist meine Antwort zum Thema Brückenbauen: Ich glaube, dass die Liturgie aus dem Streit rausgehalten werden muss. Sie darf nicht verzweckt werden für kirchenpolitische Auseinandersetzungen.
In meiner Zeit in Sankt Georgen, da wurden in der Kommunitätsmesse schon mal „Kampf-Fürbitten“ formuliert. Also seminarpolitische Auseinandersetzungen ins Gebet der Gläubigen verlagert. Ein fiktives Beispiel: „O, Herr, lass doch Johannes, diesen unerleuchteten Reaktionär, zu besseren Gedanken kommen. Christus, höre uns…!“ – Das kann man jungen Leuten durchgehen lassen. Aber in der Erwachsenenwelt der Kirche darf so was nicht vorkommen. Liturgie darf nicht verzweckt werden für Kämpfe.
Gibt es über diesen liturgischen Raum hinaus Anknüpfungspunkte?
Ja, man muss ja noch ein bisschen Lust am Leben, Freude an gutem Kaffee, an der Musik haben. An irgendetwas, wo man sich nicht sofort kirchenpolitisch in die Haare bekommt.
Das spräche dafür, vertrauens- und liebesfähige Persönlichkeiten in Leitungsaufgaben zu bringen. Ich erlebe es, dass ganz viele Menschen abgestoßen sind – bis hin zum Kirchenaustritt – nicht aus tiefen theologischen Gründen, sondern weil ihnen in der Begegnung mit der Kirche menschlicher Anstand fehlt, gute Manieren, Aufmerksamkeit und Entgegenkommen. Dass uns die Bedeutung dieser Tugenden klar wird: Dafür hätte Gott nicht Mensch werden müssen. Das müssten wir auch so hinkriegen.
Im Titusbrief lässt Paulus die Menschenfreundlichkeit Gottes erscheinen. „Humanitas“ in der Vulgata. Und wenn Gott sich nicht zu schade dafür ist, human zu sein, dann sollten wir es daran nicht fehlen lassen.
Haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch!