Die „Praxis ohne Grenzen“ behandelt Kranke ohne Krankenversicherung

Wo Ärzte kein Geld nehmen

Image
Eine Ärztin untersucht einen Patienten in ihrem Behandlungszimmer
Nachweis

Foto: Matthias Schatz

Caption

Die Internistin und Nephrologin Alexandra Kettner-Melsheimer untersucht einen Patienten in ihrem Behandlungszimmer.

Die „Praxis ohne Grenzen“ feiert ihr zehnjähriges Bestehen. Gegründet wurde die medizinische Einrichtung, in der Menschen ohne Krankenversicherung behandelt werden, von dem ehemaligen Chefarzt am katholischen Marienkrankenhaus in Hamburg, Peter Ostendorf.

Alle Sitzplätze sind belegt. Auf dem einfachen Gestühl im Erdgeschoss des sechsstöckigen Gelbklinkerbaus an der Fangdieckstraße 53 im Hamburger Stadtteil Stellingen drängen sich vor allem Schwarzafrikaner: einzelne Männer, aber auch Frauen mit Kindern. Ein paar asiatische und arabische Menschen sind ebenfalls darunter und natürlich weiße europäische. Eines eint sie alle: Sie sind krank, aber nicht krankenversichert und hoffen darauf, in der „Praxis ohne Grenzen“ von ihren Leiden erlöst zu werden. Die hat ihre Behandlungszimmer im dritten, vierten und fünften Stockwerk des Gebäudes und öffnet jeden Mittwoch um die Mittagszeit. Im Schnitt kommen jeweils 130 bis 150 Patienten in die lichtdurchfluteten Räume, die denen einer kleinen Polyklinik gleichen.

Gegründet hat die Einrichtung vor nunmehr zehn Jahren Professor Peter Ostendorf, der trotz seiner nunmehr 86 Jahre immer noch sportlich und agil wirkt. Zum Jubiläum der Einrichtung gratulierten unter anderem Bundespräsident a. D. Joachim Gauck und die Hamburger Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer. Bis 2004 war Ostendorf Chefarzt der Inneren Medizin und anschließend bis 2013 Leiter des Präventivzentrums am katholischen Marienkrankenhaus in Hamburg. Überhaupt finden sich viele Menschen aus der katholischen Szene in dem gemeinnützigen Verein, der die Praxis trägt. So ist etwa der Jurist Christian Bernzen, der unter anderem einmal Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken war, im Vereinsvorstand. 

Ostendorf: „Mir fiel eine große Lücke bei der Versorgung von Menschen auf, die nicht krankenversichert sind.“ Das seien häufig Geflüchtete ohne Papiere und Aufenthaltsstatus, ja nicht einmal geduldete Flüchtlinge. Aber es seien auch Deutsche, die als Selbstständige privat versichert gewesen seien, in Insolvenz gingen und dann die Beiträge nicht mehr hätten bezahlen können. Und es seien EU-Bürger, die aufgrund der Arbeitnehmerfreizügigkeit in vielen Fällen aus Osteuropa nach Deutschland gekommen seien, um ihr wirtschaftliches Glück zu suchen, es aber nicht gefunden hätten.

Geistige Fitness ist gefragt

„In meiner Privatpraxis am Marienkrankenhaus waren auch schon etwa zehn Prozent der Patienten nicht krankenversichert“, berichtet Ostendorf. Das rühre noch von seinem Vorgänger als Chefarzt, Hans-Peter Missmahl, her. „Der sagte: ‚Machen Sie das, das ist auch gut für die Seele und den Umgang mit Patienten.‘“ Es war aber auch die Armut, die er bei diesen Menschen gesehen hat, die Ostendorf die „Praxis ohne Grenzen“ aufbauen ließ. Zudem: „Ich hatte durch das Studium und die weitere Ausbildung so viele Vorteile, da wollte ich etwas zurückgeben.“

Überdies hält ihn die ehrenamtliche Tätigkeit geistig wie körperlich in Bewegung. „Man soll ja immer etwas für seinen Kopf machen und nichts ist da besser, als wenn man plötzlich mit neuen Situationen konfrontiert ist und man sich etwas dafür überlegen muss“, sagt Alexandra Kettner-Melsheimer. Die ebenfalls katholische Internistin und Nephrologin, also Nierenärztin, hatte zuvor Praxen in Pinneberg und Wedel, zwei Städten im Speckgürtel Hamburgs. Wie alle rund 55 Mediziner und 25 Krankenpfleger der Einrichtung ist sie bereits im Ruhestand. 

Geistige Flexibiliät ist schon bei der Diagnose gefragt. Gerade Schwarzafrikaner, die rund die Hälfte der Patienten ausmachten, klagten oft über Herzschmerzen, sagt die Medizinerin. „Dabei haben die gar nichts am Herzen, diese Schmerzen sind vielmehr psychosomatisch. Und dann muss man rauskriegen, woran sie nun tatsächlich leiden.“ 

Oft diagnostiziert sie hohen Blutdruck, Diabetes und Schilddrüsenfunktionsstörungen. Solche Beschwerden träten auch häufig bei deutschen Kassenpatienten auf. „Aber die hiesigen Patienten gehen erst auf die letzte Minute zum Arzt. Daher sind ihre Krankheiten viel ausgeprägter. Da sehen wir manchmal Sachen, die sind unglaublich und fragen uns: Wie halten die Menschen das aus?“ Ein weiteres Problem könnte die Sprachbarriere sein. Ist sie aber nicht, dank Übersetzungsprogramm im Smartphone, über das auch viele Patienten verfügen, wie Alexandra Kettner-Melsheimer weiter berichtet.

Die finanziellen Mittel von jährlich bis zu 350.000 Euro werden für die „Praxis ohne Grenzen“ ausschließlich aus Spenden aufgebracht. Geboten werden alle Abteilungen eines Krankenhauses, also neben der Inneren Medizin die Gynäkologie, die Kinderheilkunde, Chirurgie und Orthopädie, Neurologie, Dermatologie, Augen- und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, sowie Zahnmedizin. Zudem gibt es einen Sozialdienst. Ostendorfs Devise dabei ist: „Keine armen Geräte für arme Leute.“ Es stehen also modernste Apparate zur Verfügung. Trotzdem kann auch die „Praxis ohne Grenzen“ an Grenzen stoßen. Doch auch dann hilft beispielsweise Alexandra Kettner-Melsheimer noch weiter. Sie stehe mit Krankenhäusern und der Clearingstelle in Kontakt. Sie berichtet von einem Ghanaer, der akut eine Dialysebehandlung benötigte. „Der lebte bereits seit acht Jahren in Deutschland. Die Clearingstelle übernahm dann die Kosten für die Erstbehandlung. Andernfalls wäre er gestorben.“ Später sei er dann als Flüchtling geduldet worden und habe eine Krankenversicherung bekommen. 

„Bei den Krankenhäusern fragen wir, was eine weitere Behandlung kosten würde. Oft zahlen wir dann weniger, auch, weil die Ärzte auf ihr Honorar verzichten“, erzählt Kettner-Melsheimer weiter. „Aber wir achten sehr darauf, dass das, was gemacht wird, auch sinnvoll ist, um kein Geld zu verschwenden.“ Das ist auch eine Motivation für die ehrenamtlichen Mediziner. Bei der „Praxis ohne Grenzen“ unterliegen sie nicht dem wirtschaftlichen Wettbewerb, der zu der Neigung führen kann, Behandlungen vorzunehmen, die nicht notwendig sind. Überdies bleibt ihnen der ganze Papierkram in Sachen Datenschutz erspart. „Wir sind hier nicht kompetitiv, das ist ein schönes kollegiales Arbeitsklima.“

Für 2027 ist der Umzug der „Praxis ohne Grenzen“ in die Nähe ihres Ursprungsorts am Bauerberg in Hamburg-Horn geplant. Im Blohms Park soll sie gut die Hälfte eines von der Stadt Hamburg zu errichtenden Gesundheitszentrums zur Verfügung gestellt bekommen. Das ist aber nicht das einzige Projekt, das Peter Ostendorf vorantreibt. „Wir haben hier eine sehr lebhafte Kindersprechstunde und sind sehr daran interessiert, dass Kinder aus unversicherten Elternhäusern in die gesetzliche Krankenversicherung kommen. Denn die Kinder haben ja nicht beschlossen, nach Deutschland zu kommen. Sie müssen aber frühzeitig Untersuchungen durchlaufen, damit Fehlbildungen, etwa an der Hüfte, behandelt werden, die sonst in späteren Jahren erhebliche Konsequenzen haben.“

Matthias Schatz