Zur Verehrung von Carlo Acutis
Wirbel um einen neuen Heiligen
Foto: kna/Stefano Dal Pozzolo/Romano Siciliani
In der Kirche Santa Maria Maggiore in Assisi wird der wiederhergestellte Leichnam von Carlo Acutis verehrt.
Wo ist die andere Seite des Carlo Acutis geblieben?
Carlo Acutis ist ein Heiliger. Der 2006 im Alter von nur 15 Jahren an Leukämie verstorbene Italiener ging täglich zur Messe, beichtete jede Woche und legte soviel Wert auf Anbetung und Eucharistie, dass er begann, eucharistische Blutwunder in einem Blog zu dokumentieren. Verbunden mit Fotos seines schüchternen Lächelns bekommt man das Bild eines stillen, frommen Jungen – der kirchlich-mediale Mega-Hype um seine Person wirkt dabei unpassend. Und er wird diesem kurzen Leben auch nicht gerecht.
Es scheint, als spielte sich auf den schmalen Schultern des schwarz-lockigen Teenagers der ganze Richtungsstreit der katholischen Kirche im Kleinen ab. Dass der Katholizismus in Europa nicht mehr wie bisher funktioniert, ist offensichtlich. Dass ein gläubiger Junge der 90er-Jahre perfekt zum modernen Image der Kirche beitragen kann, ist naheliegend. Die spaltende Frage ist das „Wie“.
Die Antwort der katholischen Kirche ist die Überzeichnung eines frommen Jugendlichen, der eine Online-Kartei von eucharistischen Blutwundern anlegte, weil er die Eucharistie so sehr liebte. Aber auch, um Gott wieder in das Bewusstsein der Menschen zu rücken. Nun steht aber stattdessen er selbst an dieser Stelle. Weil die Blutwunder zwar seit jeher umstritten und heute naturwissenschaftlich gut erklärbar sind, ihre Digitalisierung und Verbreitung durch Carlo aber Nostalgie aufkommen lässt, an Zeiten, in denen die katholische Kirche eine angesehene und unumstrittene Instanz war.
Dabei sehe ich Carlos ungewöhnliche Leistung an anderer Stelle. Als 14-Jähriger verwendete er sein Taschengeld, um den Obdachlosen seiner Heimatstadt Mailand Decken, Essen und Trinken zu kaufen. Hunderte von ihnen kamen zu seinem Requiem. Haben Sie als Teenager Ihr mageres Vermögen bedürftigen Menschen gegeben? Ich nicht. Die Armen und Ausgestoßenen in den Blick nehmen – eine urchristliche Tugend, die einem Heiligen eigentlich gut zu Gesicht stehen würde und für Carlo offensichtlich sehr wichtig war: Denn er wollte in Assisi beerdigt werden, weil er im heiligen Franziskus und seinem Einsatz für die Armen ein Vorbild sah. Die Kirche entschied sich aber dagegen, diese Seite von Carlo öffentlichkeitswirksam zu präsentieren.
Zu all dem passt auch, dass der andere Italiener, der mit Carlo Acutis heilig gesprochen wird, kaum ein Echo findet: Pier Giorgio Frassati war Sozialaktivist in den Elendsvierteln von Turin und starb 1925 ebenfalls viel zu jung an Kinderlähmung. Ich kann mir vorstellen, dass sich Carlo und Pier Giorgio gut verstanden hätten. Und, dass sie gerne gemeinsam für eine katholische Kirche der Gegenwart und Zukunft stehen würden, die – wie sie selbst – Gott ihre Aufmerksamkeit und den Schwachen und Ausgegrenzten ihr Handeln widmet. Ob ihnen die ungebrochen riesige Euphorie um die Digitalisierung eucharistischer Blutwunder gefallen würde, bleibt zu bezweifeln.
// Michael Burkner
Der Hype ist berechtigt, denn es braucht gute Vorbilder
Die spanischsprachige Gemeinde in Leipzig erfuhr durch einen persönlichen Kontakt zu einem Mitglied des Vereins „Freunde von Carlo Acutis” aus der Schweiz, dass die von ihm zusammengestellte Ausstellung eucharistischer Wunder nach Deutschland kommen würde. Einige Personen aus der Gemeinde interessierten sich dafür und schrieben Briefe an verschiedene Kirchen, um die Ausstellung auch hier in Leipzig zugänglich zu machen.
Die Ausstellung zeigt die eucharistischen Wunder an verschiedenen Orten der Welt. Für mich war es interessant zu erfahren, dass es so viele waren. Carlo Acutis hat sich als Jugendlicher dafür interessiert und sie auf einer Website dokumentiert.
Ich persönlich finde die Eucharistiefeier sehr wichtig für mein Glaubensleben. Sie ist eine Kraftquelle für meinen Alltag. Mit dem eucharistischen Wunder habe ich mich erst nach dem Besuch der Carlo-Acutis-Ausstellung intensiver befasst. So kam unser Interesse auf, eines der beschriebenen Wunder in Augsburg zu besuchen. Wir haben uns organisiert und sind nach Augsburg gefahren, um dieses eucharistische Wunder vor Ort zu beobachten.
Ich finde die Heiligsprechung von Carlo Acutis sehr hoffnungsvoll. Er gilt als Vorbild für junge Menschen, die auf der Suche nach Idolen sind. Am meisten beeindruckt mich an Carlo Acutis ein Satz und auch seine Einstellung: „Alle Menschen werden als Originale geboren, aber viele sterben als Fotokopien.“ Als Mutter von zwei Teenagern möchte ich natürlich, dass dieses Vorbild für seine Werte und sein soziales Engagement bekannt wird. Denn Carlo war nicht nur ein Beter, sondern auch ein Macher – das zeigt sein soziales Engagement für arme Menschen. Mit nur zwölf Jahren hatte er eine Klarheit, wie er zu seinem Glauben steht und wie er diese Sichtweise gern an andere Menschen weitergeben würde. Deshalb befasste er sich sehr akkurat und intensiv mit dem Internet und der Veröffentlichung von eucharistischen Wundern. Er glaubte fest daran, dass der Glaube entscheidend für das Leben ist und dass Heiligkeit in jedem Alter möglich ist. Gerade heutzutage, wo viele Jugendliche in den sozialen Medien unterwegs sind und nach vielen „Challenges“ (Herausforderungen) suchen und diese nachahmen, sollte es auch möglich sein, guten Vorbilder nachzueifern. Selbstreflexion sollte ebenfalls geübt werden.
Es ist wichtig, Hoffnungsschimmer und eine liebevolle Lebensweise in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Denn nicht nur im „Jahr der Hoffnung”, sondern regelmäßig sollte man inspirierende Menschen präsentieren.
Ich glaube, dass dieser Hype in den Nachrichten berechtigt ist, denn er ist für mich ein Beispiel dafür, für seinen Glauben einzustehen, ihn zu leben und mit anderen zu teilen. Er hat sogar seine Zeit für Gespräche mit benachteiligten Menschen am Kircheneingang geschenkt, sein Taschengeld oder einen Schlafsack. Er hat sich nicht nur auf sich selbst fokussiert, sondern auch genau hingeschaut, wo er die Liebe Gottes verschenken beziehungsweise verbreiten konnte.
// Lourdes Estigarribia