Hilfswerk Misereor enstand nach dem Zweiten Weltkrieg

Erst Empfänger, dann Helfer

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Zerbombte Kölner Innenstadt 1942
Nachweis

Foto: wikimedia/Bundesarchiv

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Bombenschäden in Köln im Jahr 1942. Ab 1943 fanden viele Ausgebombte vorübergehend Zuflucht in Thüringen.

Am 17. März 2024 kommt die Kollekte in den katholischen Gottesdiensten dem Hilfswerk Misereor zugute. Der Kirchenhistoriker Josef Pilvousek weist aus diesem Anlass auf die Vorgeschichte von Misereor in Thüringen hin.

Der Kölner Kardinal Josef Frings schlug im Herbst 1958 auf der Bischofskonferenz in Fulda die Errichtung eines bischöflichen Hilfswerks vor, um in den Entwicklungsländern besser Hilfe leisten zu können. Federführend für die Planung und Umsetzung des Werks, das schließlich den Namen Misereor erhielt, war Joseph Teusch, der damalige Kölner Generalvikar. Erfahrungen mit Hilfs- und Spendenaktionen hatte der Priester während des Zweiten Weltkriegs in Thüringen gesammelt. 

Porträt Joseph Teusch
Joseph Teusch
Foto: Erzbistum Köln

Er hatte zu den insgesamt 60 „Abgewanderten-Seelsorgern“ gehört, die das Erzbistum Köln in den letzten Kriegsjahren in den „Aufnahmegau Thüringen“ schickte. Ab Sommer 1943 waren ausgebombte Rheinländer in großer Zahl nach Thüringen evakuiert. Die katholischen Gemeinden überraschte der plötzliche Zuwachs an Gottesdienstbesuchern. Niemand hatte die kirchlichen Behörden über die Evakuierungen informiert. Der Erfurter Propst Joseph Freusberg gab diese Nachricht an das Generalvikariat Fulda, zu dem damals Erfurt gehörte, mit dem Hinweis weiter, dass die ortsansässigen Geistlichen diese Gläubigen nicht betreuen könnten und Fulda sich um Seelsorger aus den „Bombengebieten“ bemühen solle. Erst Wochen später konnte Freusberg dem Fuldaer Generalvikar mitteilen, dass die „luftgefährdeten und bombengeschädigten Umsiedler in hiesiger Gegend … zum weitaus größten Teil aus dem Gebiete der Erzdiözese Köln kommen“. 
Ein großes Problem, neben der Versorgung der Evakuierten mit Lebensmitteln, war die Beschaffung von Seelsorgern für die Tausenden Flüchtlinge. Das zuständige Generalvikariat in Köln versprach, Priester zu schicken und sie so zu verteilen, dass in jedem Pfarrbezirk – sie entsprachen ungefähr den  heutigen Großpfarreien – ein Pfarrkurat eingesetzt wurde. 
Im September 1943 kam auch Joseph Teusch nach Thüringen und war mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Kriegsende im Bereich Arnstadt eingesetzt und zugleich als Vorgesetzter für alle Geistlichen aus dem Erzbistum Köln. Ausschließlich zu Fuß betreute er den Arnstädter Bezirk Gräfenroda, der sich immer weiter ausdehnte und stets weitere Geistliche benötigte. Immer wieder schrieb er Briefe nach Köln,in denen er um Unterstützung bat, um die vielfältige leibliche und seelsorgliche Not lindern zu können. Tatsächlich scheinen seine mannigfachen Bitten Erfolg gehabt zu haben. Relativ großzügig ging Teusch mit der Zusage um, dass finanzielle Auslagen vom Erzbistum Köln ersetzt würden. Da offenbar nicht in genügendem Maß Hilfen nach Erfurt kamen, kaufte er, was zu beschaffen war, selbst und schickte die Rechnung einfach nach Köln – nicht immer ganz reibungslos. Der damalige Generalvikar Emmerich David überwies zwar das Geld, wies in einem Antwortschreiben aber auch energisch darauf hin, „dass Ausgaben für Anschaffungen und Geschenke größeren Umfanges unserer vorherigen Genehmigung bedürfen“.
Joseph Teusch erlebte in seiner Thüringer Zeit, was Not und Entbehrung bedeuten. Im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeitn rief er mehrere Hilfsaktionen für Rheinländer und Thüringer ins Leben, von denen er angehenden Priestern in Köln später immer wieder erzählte.

Alte Misereor-Spendenaktions-Plakate
Plakate aus der Anfangszeit von Misereor führen das Leid in der Welt in zuweilen sehr drastischer Weise vor Augen. 
Foto: Misereor

Strategische Kompetenz in Thüringen erprobt

Bereits 1954 brachte er als Kölner Generalvikar seine planerisch-strategische Kompetenz in die Konzeption des Hilfswerks Misereor ein. Er skizzierte unter anderem, welche Aufgaben eine „Arbeitsstelle Misereor“ haben sollte: Die Mitarbeiter der Arbeitsstelle müssten eine tragfähige Organisationsstruktur schaffen und dann feststellen, in welche Länder und Regionen Hilfen geleitet werden könnten und wo politische, devisenrechtliche, personelle oder andere Schwierigkeiten zu befürchten seien. In Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen in Deutschland und im Ausland sowie mit Missionsbischöfen und Orden sollten sie ein Schwerpunktprogramm für die Hilfeleistungen ausarbeiten. Dazu gehöre auch die Schaffung örtlicher Hilfswerke und deren Kontrolle. Die Arbeitsstelle hätte die Spendensammlung in Deutschland zu organisieren und „wilde“ Spenden-Initiativen im katholischen Raum zu unterdrücken. Sie sollte auf die Regierung Einfluss nehmen, damit die das Werk im In- und Ausland fördere. 
„Ohne Joseph Teusch und seine in Thüringen gewonnenen Erfahrungen und Einsichten ist Misereor nicht vorstellbar“, teilte der mittlerweile gestorbene Biograf von Kardinal Frings, Professor Norbert Trippen, vor einigen Jahren auf Nachfrage mit.
Die erste „Aktion gegen Hunger in der Welt“ führte Misereor in der Fastenzeit 1959 durch. Seit dieser Zeit hat das Hilfswerk in Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika ungefähr 100 000 Projekte durchgeführt und mit Spenden in Höhe von mehr als 5,7 Milliarden Euro unterstützt. Seit 1976 gibt es erstmals ein Misereor-Hungertuch.
„An den Mann zu erinnern, der Misereor wesentlich konzipiert und ins Leben gerufen hat, bedeutet auch, dieses Hilfswerk und sein großartiges Programm wieder einmal in den Fokus unserer Aufmerksamkeit zu rücken“, schreibt der emeritierte Erfurter Professor Josef Pilvousek. Der Kirchenhistoriker sieht die weltweite Solidaritätsaktion als Chance für die Gläubigen in Thüringen. Sie seien selbst seit langem auf geistliche und materielle Hilfen von Mitchristen angewiesen und könnten sich bei der Misereor-Spendenaktion ihrerseits solidarisch zeigen. 

Eigenes katholisches Hilfswerk in der DDR

Not in der Welt-Plakat
Ein Plakat des katholischen Hilfswerks in der DDR.
Foto: Misereor

Pilvousek ruft auch das 1968 in der DDR gegründete Bischöfliche Werk „Not in der Welt“ in Erinnerung. Die katholischen Gemeinden sammelten Geld für Material- und Sachlieferungen, die vor allem Projekten in Algerien, Ägypten, Mocambique, Tansania und Angola zugute kamen. 1991 schloss sich „Not in der Welt“ dem Hilfswerk „Misereor“ an. In den 22 Jahren seines Bestehens wurden rund 80 Millionen DDR-Mark in Waren umgesetzt und versandt. Die jährlich erbetenen Kollekten trugen nach Josef Pilvouseks Einschätzung darüber hinaus zu einer Horizonterweiterung der Katholiken in der DDR bei und verstärkten ihr Zugehörigkeitsgefühl zur Weltkirche. 
Der Kirchenhistoriker geht davon aus, dass über diese Solidaritätsarbeit viele persönliche Verbindungen und Freundschaften entstanden sind.

tdh