Familienzentrum „Kloster Kerbscher Berg“

„Ach, das ist auch Kirche?“

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Anja Heinemann (links) und Pia Schröter stehen im Garten des Familienzentrums "Kloster Kerbscher Berg"
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Fotos: Markus Bien

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Pia Schröter (rechts) führt seit vielen Jahren die Geschicke des einzigen katholischen Familienzentrums in Thüringen. Ihr zur Seite steht mit Anja Heinemann eine waschechte Dingelstädterin.

Früher lebten hier Mönche. Heute kommen Kinder mit ihren Eltern ins Familienzentrum „Kloster Kerbscher Berg“ in Dingelstädt. Sie besuchen Kurse, die sie als Gemeinschaft stärken sollen. Und das altehrwürdige Gotteshaus wird derzeit zur „Entdeckerkirche“ umgestaltet.

„Bildung, Beratung, Begleitung. Auftanken, Freizeit, Freude.“ Als Pia Schröter sagen soll, was das von ihr geleitete Familienzentrum „Kloster Kerbscher Berg“ so alles bietet, ist sie kaum zu stoppen. Idyllisch auf einer Anhöhe in Dingelstädt, einer Kleinstadt im Eichsfeld, gelegen, nutzt die Einrichtung die Räume des ehemaligen Franziskaner-Klosters. Bis 1994 wirkten hier Ordensleute. Seit 1996 geben vor allem junge Familien den Takt vor. Doch auch für Senioren und Alleinstehende will das Familienzentrum in Trägerschaft des Bistums Erfurt ein Ort der Begegnung und Bildung sein.

Familien begleiten und stärken – das steht ganz oben auf dem Programm, immer auf Grundlage christlicher und demokratischer Wertvorstellungen. „Dazu gehören alle Themen, die das Leben betreffen: Ehe, Schwangerschaft, Herausforderungen der Elternschaft“, zählt Pia Schröter auf. Willkommen seien genau so auch getrennt Erziehende oder Patchwork-Familien. „Wir begleiten und beraten bei Sorgen und Problemen, bevor Kinder oder Eltern leiden müssen“, erläutert sie. Pia Schröter leitet das Familienzentrum seit 2014. „Was unser Programm ausmacht, entsteht durch die Familien selbst, sie geben uns die Impulse für das Kursprogramm“, betont sie. So gab beispielsweise die Gruppe für Allein- und Getrennterziehende den Anstoß für ein Zeltwochenende selbst. Und Selbstverteidigungskurse laufen nun nicht mehr nur für Mütter und Töchter, sondern auch für Eltern mit Söhnen.

Vertrauen und hohes Ansehen

Noch 15 weitere anerkannte Familienzentren gibt es in Thüringen. Nur der „Kerbsche Berg“ ist in katholischer Trägerschaft. „Das Bistum Erfurt fördert die Arbeit des Familienzentrums jährlich mit mehr als 40 Prozent der Gesamtausgaben. Darüber hinaus sind wir auch jetzt schon auf Spenden oder Erlöse von Einmietungen angewiesen“, sagt Schröter, die selbst aus dem Südeichsfeld stammt.

Mit Anja Heinemann hat sie eine Dingelstädterin als Stellvertreterin. Sie sagt: „Wir freuen uns, dass uns das Bistum für zukunftssicher hält. In Erfurt lässt man uns Spielraum, um etwas auszuprobieren.“ Ganz wichtig seien zum Beispiel viele Weiterempfehlungen von Müttern oder anderen Kursteilnehmern über Facebook oder Instagram, erklärt Heinemann. Dies mache den größten Anteil bei neuen Gästen aus, hätten eigene Umfragen gezeigt. „Manche Eltern fahren 40 Minuten zum Kurs“, weiß sie. Anja Heinemann hat als Kind die Franziskaner zu DDR-Zeiten noch erlebt. „Diese Zeiten haben mich nachhaltig geprägt“, sagt sie. Seit Oktober 2025 arbeitet sie nun an dem Ort ihrer Kindheit und Jugend.

Es geht familiär zu in den Räumen, die Atmosphäre ist entspannt, es wird viel gelacht. Wohl auch deshalb hat es die Einrichtung geschafft, die Teilnehmerzahlen nach dem Rückgang der Corona-Jahre wieder zu stabilisieren. 2025 zählten sie insgesamt mehr als 9700 Teilnehmer von Kursen und Veranstaltungen. Im Jahr davor waren es mit knapp 9500 nur ein paar weniger.

Mütter verlassen mit ihren Kindern das Familienzentrum "Kloster Kerbscher Berg"
Diese jungen Mütter kommen mit ihren Babys aus einem der PEKiP-Kurse. Sie unterstützen junge Familien im Zusammenwachsen.

Für pastorale Angebote wie Familienzelten kommen Menschen auch aus Erfurt und Jena, beim großen Osterbasteln sind Teilnehmer aus Eisenach dabei gewesen. „Unser Familienzentrum genießt Vertrauen und hohes Ansehen in der Region“, sagt Pia Schröter. Zum Pflegetag 2025, mit mehr als 30 Ausstellern, kamen 300 Interessierte. „Und es gab eine Auszeichnung: den 3. Platz beim Thüringer Präventionspreis“, hebt Anja Heinemann hervor.

Den Rückgang bei den Geburtzenzahlen bemerken sie auch auf dem „Kerbschen Berg“. Allerdings: „Die Nachfrage nach Geburtsvorbereitungs- und PEKIP-Kursen sinkt derzeit kaum“, meint Schröter. PEKiP steht für „Prager Eltern-Kind-Programm“ – ein anerkanntes Präventivkonzept der Familienbildung. Es unterstützt junge Familien im Zusammenwachsen und gehört seit bald 30 Jahren zum Angebot des Zentrums.

Familie und Christsein – das passt hier in Dingelstädt richtig gut zusammen. Daher freuen sich alle, dass Mitarbeiterin Melanie Schnur Theologie studiert und Gemeindereferentin wird. Schnur selbst meint: „Wir sollten uns unseres christlichen Hintergrunds wieder stärker entsinnen. Hier im Familienzentrum haben wir die Möglichkeit, Menschen abermals oder neu für die kirchliche Gemeinschaft zu begeistern.“ Pia Schröter nickt und fügt hinzu: „Oft sagen Teilnehmer fast staunend: ‚Ach, das hier ist auch Kirche?‘“

Vorfreude auf die neue Familienkirche

Weithin sichtbar ist die ehemalige Klosterkirche. Sie wird derzeit aufwändig saniert, neugestaltet und erlebt ihre Weiterentwicklung zur Familienkirche. „Es ist eine beliebte Wallfahrts- und Hochzeitskirche, aber junge Familien sprach die Gestaltung nicht an. Für pastorale Aktionen gab es zu wenig Fläche“, sagt Schröter. Nun werde sie offener, heller, mit flexibler Bestuhlung für Gottesdienste, aber auch Veranstaltungen. Das Kirchenschiff ist als Sakral- und Begegnungsraum konzipiert. Der Chor bleibt ausschließlich sakramental. Mit großen neuen Fenstern öffnet sich die Kirche zum Klostergarten. Ein neuer Taufstein kam in der Osterwoche. „Mit verschiedenen Stationen im Kirchraum wird es eine Art Entdeckerkirche“, sagt Pia Schröter mit Vorfreude in ihrem Blick. In ihrem Kalender steht am 30. August „Altarweihe“

Markus Bien