Franziskanische Gemeinschaften
Alte Ideen ins Heute übertragen
Fotos: Michael Burkner
Pater Peter Schorr vor dem Franziskanerkloster in Halle (Saale).
Vor 800 Jahren, im Herbst 1226, kehrt Franz von Assisi in seine umbrische Heimatstadt zurück. Er ist Mitte Vierzig, durch eine Augenkrankheit erblindet, abgemagert und schwach. Zwei Tage vor seinem Tod wird er in die unterhalb von Assisi gelegene Portiunkula-Kapelle getragen. Hier hat das Gemeinschaftsleben der Franziskaner und der Klarissen seinen Anfang genommen. Und hier möchte Franziskus sterben und begraben werden. Von den letzten Stunden des Ordensgründers gibt es einige Überlieferungen. Welche davon historischen Tatsachen entsprechen, ist unklar. Gut belegt ist dagegen die Regel der neuen Gemeinschaften, die bei Franziskus’ Tod bereits drei Jahre gültig war, sowie sein Testament, das kurz vor seinem Tod entsteht. Bis heute sind die beiden Texte für viele Menschen eine Richtschnur für ihr Leben – auch in den ostdeutschen Bistümern.
Hülfensberg – ein Kloster zum Mitleben
Wenn Pater René Walke aus seinem Fenster blickt, sieht er vor allem Grün. Dicht bewaldet ist der Hülfensberg, der „Berg der Eichsfelder“, wie der Franziskaner ihn nennt. 1860 kamen Franziskaner auf den Hügel und blieben, auch, als sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg plötzlich in der Sperrzone der DDR wiederfanden.
Pater René lebt seit sieben Jahren auf dem Hülfensberg und leitet inzwischen die kleine Hausgemeinschaft mit vier Franziskanern. „Ich kenne den Hülfensberg seit 2005. Er tut mir schon lange gut, als Ort der Ruhe und der lebendigen Gemeinschaft“, sagt der 47-Jährige. Mit dieser Einschätzung ist er nicht alleine. Als „Kloster zum Mitleben“ laden die Franziskaner regelmäßig Gäste für eine Woche ein. Die Plätze sind immer weit im Voraus ausgebucht. „Wir essen und beten mit den Gästen und teilen den Haushalt“, sagt Pater René. Frauen und Männer verschiedenen Alters und verschiedener kirchlicher Prägung kämen zu ihnen. „Für manche ist unser Leben am Anfang komisch. Aber sie merken, dass wir hier Kloster authentisch leben, nicht nur spielen“, sagt Pater René und erklärt: „Wir wollen beweglich sein, offen für alle und mit den verschiedenen Menschen auch mal um das Zusammenleben ringen. Es ist hier alles dicht beieinander. Wir haben kein Gästehaus und das ist auch gut so. So merken wir, ob bei allen alles okay ist.“
In den Sommermonaten verfliegt die einsame Ruhe des Hülfensbergs regelmäßig, ist er doch einer der bekanntesten Wallfahrtsorte im Bistum Erfurt. Schon im Spätmittelalter pilgerten Gläubige hierher. Mit den Franziskanern erlebten die Wallfahrten einen neuen Aufschwung. Pater René berichtet von klassischen Bittwallfahrten und lebendigen Familienwallfahrten und freut sich, dass so ganz verschiedene Menschen den Weg zu ihnen finden.
Während die Wallfahrten lange Tradition haben, liegt auch ein neues Projekt auf dem Schreibtisch von Pater René: Seit 2019 ist er Ansprechpartner für das Projekt „Franziskanisch Europäische Erfahrung“ (FEE), das Freiwilligendienste für junge Menschen organisiert. Zur Vorbereitung kommen die Teilnehmer jedes Jahr für fünf Tage auf den Hülfensberg, ehe sie ins Ausland aufbrechen. „Internationalität und die Kooperation mit anderen ist unser Weg in die Zukunft“, sagt Pater René über das sich verändernde Ordensleben in Deutschland.
Halle – ein klassisches Pfarrkloster
Während Pater René auf dem Hülfensberg im Grünen sitzt, haben seine Mitbrüder im 170 Kilometer entfernten Halle (Saale) eine Arbeitersiedlung vor der Tür. „Wir sind ein klassisches Pfarrkloster“, sagt Pater Peter Schorr. Noch heute befinden sich im Erdgeschoss Pfarrbüro und Gemeinderäume, während im ersten Stock die Gemeinschaft lebt. Nah an den Menschen der Industrie- und Wohnsiedlungen wollten die Franziskaner hier schon immer sein: 1923 wurde das Kloster in der schnell wachsenden Südstadt gegründet, um die Seelsorge für die Arbeiter und ihre Familien zu sichern. „Die Brüder haben sich früher selbst versorgt. Sie hatten Hühner und da, wo jetzt der Kindergarten steht, war ein Schweinestall“, erklärt Pater Peter.
Die Zeiten der Ställe sind hier natürlich schon lange vorbei. Die Seelsorge als zentrale Aufgabe ist geblieben, hat sich aber gewandelt. Pater Peter leitet als Guardian die Hausgemeinschaft und ist als Moderator leitender Priester der Pfarrei Halle-Süd mit ihren vier Kirchen. Ein Mitbruder ist Schulseelsorger, ein weiterer lebt in der Innenstadt und arbeitet in der Alten- und Krankenseelsorge. Zwei Mitbrüder verbringen ihren Ruhestand in der kleinen Gemeinschaft. Wie lange sie noch hier sind, wissen die Franziskaner nicht. 2019 haben sich die Verantwortlichen der deutschen Provinz auf zwölf Standorte verständigt, die auch in Zukunft weiterbestehen sollen. Halle stand nicht auf der Liste.
Berlin – franziskanisch den Alltag leben
Wenn Michael Reißmann die schwere Tür im Pfarrhaus von St. Josef in Pankow hinter sich zuzieht, wird es still und der Lärm der Großstadt verklingt. Einmal im Monat treffen sich hier nach dem Sonntagsgottesdienst fünf Schwestern und Brüder des Ordo Franciscanus Saecularis (OFS), besser bekannt unter seinem alten Namen „franziskanische Gemeinschaft“. Seine Mitglieder wollen die franziskanische Spiritualität „in der Welt“ – nicht im Kloster – leben, in ihrem Alltag, in ihrem Beruf und der Familie. Sie versprechen ihre Bindung an die Gemeinschaft, ohne die für andere Ordensleute geltenden Gelübde der Armut, Ehelosigkeit und des Gehorsams abzulegen. Zentral für den Laienorden sind die monatlichen Treffen mit Gebet und Schriftlesung.
An diesem Sonntag geht es um das Berufungsgebet von San Damiano, das älteste überlieferte Gebet des heiligen Franz von Assisi, und um seine Bedeutung in der Gegenwart. Die Orientierung an Franz von Assisi als Vorbild eint die Gruppe, ihre Wege zum OFS waren unterschiedlich. Michael Reißmann kam erst als Erwachsener zur evangelischen und später zur katholischen Kirche. 2012 legte er sein Versprechen im OFS auf Lebenszeit ab. Zuvor hatte er sich viele Jahre in der ökumenischen Aids-Initiative „Kirche positHIV“ engagiert und dort Franziskanerbrüder kennengelernt. „Mir ist es wichtig, die Menschen am Rand der Gesellschaft in den Blick zu nehmen“, sagt er. Monika Kopf erklärt, dass Mitglieder des OFS nach Möglichkeit täglich in den Evangelien lesen, sie beachten und danach leben sollten. Denn sie waren für den heiligen Franziskus besonders wichtig. „Er predigte fast nur über das Evangelium, das war für ihn immer das Zentrum“, sagt sie. Bei allen innerkirchlichen Diskussionen über Struktur und Ausrichtung tue ihnen dieser Fokus auf die Evangelien gut und das gemeinsame Lesen der heiligen Schrift zieht sich durch ihr Gemeinschaftsleben, sind sie sich einig.
Königsbrück – ein Garten als kleines Stück Schöpfung
Ganz anders als in der Großstadt Berlin ist das Leben in Königsbrück, 20 Kilometer nordöstlich von Dresden. Tiefe sächsische Provinz ist das kleine Städtchen – und tiefe Diaspora. Hier leben Schwester Agnes und Schwester Luzia, Franziskanerinnen von Vöcklabruck. 2019 zogen sie in das Pfarrhaus der kleinen Filialgemeinde. Mitten unter den Menschen möchten sie hier ihre Berufung als Franziskanerinnen leben und den katholischen Alltag der Menschen mitgestalten. „Wir leben ein minimalistisches Leben, für Gott, für die Menschen und mit Christus an der Seite“, sagt Schwester Agnes. Nach Jahren im Bildungshaus St. Otto auf Usedom wollten die beiden Schwestern mit ihrem Ruhestandseintritt lieber in ein Pfarrhaus als in das Mutterhaus ihrer Gemeinschaft in Österreich ziehen. „Das war ein großer Schritt, aber wir waren schon immer mutig“, sagt Schwester Agnes und lacht. „Als wir hier in Königsbrück auf der Bank vor der Kirche saßen, wussten wir beide: Das passt hier einfach“, erinnert sich Schwester Luzia.
In der kleinen Gemeinde kümmern sie sich um die Sakristei, die Wäsche und den Blumenschmuck. Außerdem halten sie die Kirche als Ort des Gebets und der Stille tagsüber offen. In einem Gästezimmer können Pilger übernachten. Ein besonderer Ort franziskanischen Lebens ist der große Garten, den die beiden hergerichtet haben und nun liebevoll pflegen. Gemüse und Kräuter wachsen in den Beeten und Rosen blühen. „Die Schöpfung war dem heiligen Franziskus immer besonders wichtig. Hier haben wir ein kleines Stück Schöpfung, das wir pflegen“, sagt Schwester Luzia und erzählt, dass die Grünfläche hinter der Kirche früher aber auch für andere Dinge gebraucht wurde: „Früher habe ich nach dem Gottesdienst mit den Ministranten Fußball gespielt. Einer hat damals auf die Frage, was das Schönste am Wochenende sei, geantwortet: ‚Mit Schwester Luzia Fußball spielen‘.“ Dann lacht sie froh über die Erinnerung.
Alte Regeln für die Gegenwart
Wer durch die Regel und das Testament des heiligen Franziskus blättert, wird an manchen Stellen stutzen. Übertrieben streng können die 800 Jahre alten Gebote des Fastens, des Gehorsams und der Armut wirken. Doch die Kernbotschaften des heiligen Franziskus und der heiligen Klara – Einfachheit, der Blick für die Armen und Ausgestoßenen, die Bewahrung der Schöpfung und die Verkündigung des Evangeliums – sind über Jahrhunderte aktuell geblieben und wurden von vielen Menschen in ihre jeweilige Zeit und Lebensrealität übersetzt. Und ein besonderes Gebet aus dem Testament des Heiligen hat die Zeit fast wortgetreu überdauert und wird noch heute regelmäßig gebetet: „Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, hier und in allen deinen Kirchen auf der ganzen Welt, und wir preisen dich, weil du durch dein heiliges Kreuz die Welt erlöst hast.“
Die Franziskanische Familie lässt sich als Baum veranschaulichen: Seine Wurzeln sind das Evangelium, sein Stamm Franziskus und Klara und die Zweige die verschiedenen Gemeinschaften, die aus ihnen hervorgegangen sind.
Der Erste Orden ist die Männergemeinschaft, der Franziskus selbst angehörte. Im Laufe der Zeit trennten sich drei Hauptzweige – aus Uneinigkeit über die Anwendung der Regel und die Strenge der Armut.
Der Zweite Orden wurde von der heiligen Klara gegründet. Die Schwestern leben als Nonnen kontemplativ und klausuriert.
Der Dritte Orden entstand im 13. Jahrhundert durch Gläubige, die franziskanische Spiritualität in der Welt leben wollten. Dem weltlichen Zweig (OFS) gehören verheiratete oder ledige Frauen und Männer an. Der regulierte Zweig besteht aus Gemeinschaften und Kongregationen, die meist karitative Aufgaben haben.
Der OFS – der franziskanische Säkularorden
Der Ordo Franciscanus Saecularis (OFS) entstand bereits im 13. Jahrhundert und hat eine eigene, 1978 aktualisierte Regel. Seine Mitglieder versprechen ihre Bindung an die Gemeinschaft, ohne die Gelübde der Armut, Ehelosigkeit und des Gehorsams abzulegen. Sie leben franziskanische Spiritualität in der Welt – in der Familie, am Arbeitsplatz und in ihrer Nachbarschaft. Zur Region Ost des OFS gehören Gruppen in Potsdam, Berlin, Dresden, Halle (Saale) und Waren (Müritz). In Weimar entsteht aktuell eine neue Gruppe, auch in Görlitz gibt es dazu Pläne (Infotreffen am 21. August um 18.45 im Kloster Weinhübel).
Informationen und Kontaktdaten für Interessierte: ofs.de