Geistliche Begleitung im Alltag
Begleiter im Glauben
Foto: kna/Harald Oppitz
Ein Pfarrer spricht in einer Kirche mit einer Gläubigen. Wo die Geistliche Begleitung stattfindet, entscheiden die Beteiligten aber selbst.
Andrea Imbsweiler dimmt das Licht im Raum und entzündet Kerzen. Sie schafft eine ruhige Atmosphäre, in der es sich gut reden lässt. Gleich kommt ihr Gast. Und dann reden beide miteinander – über den Glauben, über Zweifel, Hoffnungen, Ängste, über Gott und das Leben – wortwörtlich. Oder Imbsweiler hört nur zu. Ganz, wie es ihr Gegenüber möchte. Sie ist Geistliche Begleiterin im Bistum Erfurt – ausgebildet, geprüft und offiziell von Bischof Ulrich Neymeyr beauftragt – so wie derzeit 17 weitere Frauen und Männer.
Geistliche Begleitung ist ein kirchlicher Fachdienst, den es – in leicht unterschiedlicher Form – in fast allen Bistümern in Ostdeutschland gibt: ein Dienst für Menschen, die auf ihrem persönlichen Glaubensweg die eigene Gottesbeziehung entdecken oder vertiefen wollen. Geistliche Begleitung als Angebot kommt eher leise daher. Man muss sie suchen, sie drängt sich nicht auf, wird auch mal übersehen. Dabei eröffnet sie dem Suchenden einen Weg, im Glauben zu wachsen.
„Es ist ein Angebot, das nichts kostet. Es ist nämlich so wertvoll, das kann man gar nicht bezahlen“, sagt Bruder Jeremias Kiesl, Koordinator im Erfurter Bistum und selbst Begleiter. „Zu erfahren, dass ich nicht allein gehen muss, sondern begleitet, ist ein wunderbares Angebot.“ Diese Freude mitzuerleben, wie Gott bei den Menschen wirke, sei ein wirkliches Ehrenamt, sagt der Augustinerpater.
Weil Geistliche Begleitung in sensible und persönliche Bereiche des Einzelnen vordringt, müssen Grenzen abgesteckt und Regeln klar benannt sein. Die Deutsche Bischofskonferenz hat daher alle inhaltlichen, fachlichen und strukturellen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für den Dienst in einer Handreichung zusammengefasst. Darin heißt es unter anderem: „Geistliche Begleitung will helfen, das eigene Leben am Evangelium auszurichten. Eine Begleiterin, ein Begleiter geht auf diesen Glaubenswegen mit, stützt und stärkt, gibt Rückmeldungen und erleichtert so die Orientierung im eigenen Leben.“
Geistliche Begleitung wurde in früheren Jahren fast ausschließlich von Priestern oder Ordensleuten in Anspruch genommen und „schlummert“ auch heute noch ein wenig im Verborgenen. Seine Bedeutung als Element der Seelsorge steigt jedoch. „Wirklich jeder kann es in Anspruch nehmen“, sagt Bruder Jeremias, „wenn ich für meine Suche jemanden haben möchte, der ein Stück mit mir geht.“ Dabei handele es sich nicht um geistliche Führung: „Der Begleiter soll nicht sagen: Ich weiß es besser. Sondern: Ich vertraue mit dir darauf, dass Gott den richtigen Weg geht.“ Auch mit Gott zu hadern oder zu ringen hätte ohne Zweifel hier ebenfalls seinen Platz, sagt er.
Geistliche Begleitung ist keine Therapie
Der formelle Rahmen ist konkret ausformuliert: Die Gespräche dauern rund eine Stunde und finden in der Regel alle vier bis sechs Wochen statt. Bewährt hat sich ein Zeitraum von ungefähr einem Jahr. Die Begleitung kann jederzeit – nach Absprache – von beiden Seiten beendet werden, geschieht in absoluter Diskretion und muss kostenfrei bleiben.
Was Geistliche Begleitung auf keinen Fall sein soll, sagt Bruder Jeremias jedoch auch ganz klar: „Sie ist keine und ersetzt keine Therapie. Zwar dürfen solche Themen auch mal eine Rolle spielen, aber dann muss der Begleiter selbst die Grenzen kennen.“ Das Angebot in seiner jetzigen Form gibt es im Bistum Erfurt seit etwa zehn bis 15 Jahren. „Es hat Qualität, die Begleiter sind ausgebildet und geprüft“, sagt Kiesl, „dennoch bleibe es ein Prozess zwischen zwei Menschen. Wir können es von außen nicht überprüfen.“ Im Bistum lege man daher Wert auf regelmäßige Weiterbildungen. Bei Jahrestreffen tauschen sich alle Begleiter immer wieder aus. Rund 20 Menschen seien derzeit im Bistum Erfurt gerade in Begleitung, schätzt Kiesl. Buch geführt werde darüber nicht, auch Aufzeichnungen von den Treffen seien nicht üblich. „Es muss anonym bleiben, aber ich öffne ja mein Herz.“
Die Begleiteten sind nach Aussage des Augustinerpaters meist Erwachsene zwischen 30 und 60, Priester, interessierte Laien aus allen möglichen Berufen, Menschen im Theologiestudium, Priesterkandidaten. Alle Begleiter wiederum sind auf der Internetseite des Erfurter Bistums aufgeführt. Interessierte suchen sich meist selbst aus, zu wem sie den Erstkontakt knüpfen wollen.
Den Geruch „des allzu Frommen verlieren“
Andrea Imbsweiler kennt beide Seiten. Bevor sie 2024/25 den einjährigen Kurs absolvierte, hat sie sich viele Jahre lang selbst begleiten lassen. Der Wunsch, Begleiterin zu werden, reifte frühzeitig. Ihr Weg dahin war jedoch alles andere als geradlinig. 1966 im Südwesten Deutschlands geboren, wuchs Imbsweiler evangelisch auf und konvertierte im Alter von 25 Jahren zur katholischen Kirche. Ihre Familie, so berichtet sie, sei nur auf dem Papier evangelisch gewesen, ohne dass es das Leben prägte. Nach der Konversion kam dann die Suche: Wie lebe ich das jetzt?
Schon damals in Karlsruhe suchte sie Geistliche Begleitung. Das änderte sich auch nicht, als sie ein Theologiestudium begann. Seit 15 Jahren lebt sie nun in Erfurt. 2023 hat sie schließlich gemerkt, dass nun für sie alles passt, und sich nach Kursen umgeschaut.
„Die Ausbildung war anspruchsvoll“, sagt Andrea Imbsweiler, „sieben Module, jeweils von Donnerstag bis Sonntag, alles an Urlaubstagen oder in der Freizeit, aber das ist angemessen“. Obwohl sie Theologin sei, hätte sie nicht das Gefühl gehabt, schon die Hälfte des Kurses „in der Tasche zu haben“, gibt sie zu. „Wir erhielten eine intensive Einführung in psychologische Fragen und führten viele Übungsgespräche.“ Weil ihr Kurs bei den Jesuiten in Hoheneichen (Dresden) stattfand – die Bistümer arbeiten hier zusammen –, stand auch ignatianische Spiritualität auf dem Lehrplan. „Es soll Vielfalt und mehr Auswahl unter den Begleitern geben“, so Andrea Imbsweiler. „Daher ist es mir wichtig, dass es auch Ehrenamtler wie mich gibt, nicht nur welche, die hauptamtlich für das Bistum tätig sind.“ Im März dieses Jahres erhielt sie ihre bischöfliche Beauftragung.
Die Wahl-Erfurterin möchte das Angebot gern bekannter machen: „Es sollte den Geruch des allzu Frommen verlieren“, meint sie. Als Geistliche Begleiterin gehe es nicht darum, Ratschläge zu verteilen, sondern die Begleiteten tiefer zu führen und Hilfe zu leisten, in sich hineinzuspüren. Zur Ausbildung gehörte, zwei Menschen zu begleiten. Bei einem tut sie dies noch immer, nun schon seit anderthalb Jahren. Sie treffen sich alle vier bis sechs Wochen.
Da Imbsweiler sich selbst als sehr Internet-affin einschätzt und das Netz als Kommunikationsraum nutzt, könnte sie sich gut vorstellen, irgendwann einmal Geistliche Begleitung auch online anzubieten: „Wenn jemand im Thüringer Wald lebt und nach Begleitung sucht, fährt er nicht immer nach Erfurt. Hier wäre online eine gute Alternative.“
Begleiter benötigen Charisma
Auch Gläubige und suchende Menschen im Bistum Dresden-Meißen können Geistliche Begleitung in Anspruch nehmen. Schwester Petra Maria Brugger, eine Franziskanerin von Sießen, ist die Ansprechpartnerin auf Seiten des Ordinariats. Bis zum vorigen Jahr liefen alle Anfragen über ihren Schreibtisch, seitdem sind sämtliche Geistlichen Begleiter mit einer Kurzvorstellung auf der Homepage abgebildet. „Wir haben mehr Anfragen als Begleiter“, sagt sie, „doch im Juni kommen fünf neue hinzu.“ Unter den dann 25 vom Bischof beauftragten Begleitern sind neben Priestern und Ordensleuten auch verheiratete oder allein lebende Frauen. Wer jemanden sucht, darf die für sich passende Person direkt ansprechen. Schwester Petra Maria schätzt, dass mehr Frauen als Männer auf dieses Angebot zurückgreifen würden. Meist seien die Begleiteten zwischen 25 und 70 Jahren alt und nicht immer in Gemeinden aktiv. „Darunter sind auch Menschen, die nicht eng an die Kirche gebunden sind, aber ihre Gottesbeziehung neu aufnehmen oder stärken möchten“, sagt die Referentin für Spiritualität und Kirchenentwicklung beim Bistum Dresden-Meißen. Sie hebt hervor, dass Geistliche Begleitung „keine lösungsorientierte Beratung nach dem Motto ‚So geht es, dann hast du Erfolg‘ ist. Die begleitete Person soll ihre eigenen Schritte, ihre eigene Spiritualität finden“.
Die neun Frauen und Männer, die derzeit im Bistum Magdeburg als Geistliche Begleiter aufgeführt sind, haben ebenfalls alle die entsprechende Ausbildung abgeschlossen. „In seinem Kern gibt es das Angebot bereits seit 1996 bei uns“, sagt Luzia Neubert, Referentin für Liturgie und Kunst beim Bistum Magdeburg. „Wir sind eine kleine Diözese, doch unsere Klöster sind starke Zentren, wohin sich die Menschen wenden können“, sagt sie. Alle Begleiter – Priester, Ordensleute, Laien – träfen sich zwei Mal im Jahr zum kollegialen Austausch, so Neubert. „Keiner hat derzeit eine Art Warteliste, das Angebot könnte also aus meiner Sicht mehr Bekanntheit gut vertragen.“ Dennoch spricht sie auch von Nachwuchssorgen: „Begleiter benötigen ein gewisses Charisma, und es ist immer eine zusätzliche Tätigkeit.“ Die Ausbildungshürde müsse man auch erst einmal überwinden. Der hohe Anspruch sei jedoch absolut gerechtfertigt, betont auch die Magdeburger Koordinatorin. „Geistliche Begleitung ist das Angebot eines gemeinsamen Weges und für Menschen, die einen längeren Zeithorizont bevorzugen, besser geeignet“, sagt Neubert. Unter keinen Umständen dürfe es jedoch mit einer Therapie verwechselt werden. „Die Grenze zwischen geistlichen Themen und psychischen Erkrankungen ist nicht immer einfach zu unterscheiden“, sagt sie. In erster Linie gehe es darum, den eigenen Glauben zu entdecken und „wie Gott in meinem Leben wirkt“.
Im Bistum Görlitz ist Geistliche Begleitung nicht in der Form institutionalisiert wie in benachbarten Bistümern. Ordinariatsrat Ansgar Hoffmann schätzt, dass es nur vereinzelte Anfragen geben dürfte. Ob jemand gezielt nach Geistlicher Beratung frage, erfahre man eher sporadisch. Bernadette Rausch sei aber als qualifizierte Begleiterin bekannt, sagt Hoffmann. Jeder pastorale Mitarbeiter, jeder Seelsorger sei doch ein Stück weit ein Begleiter, meint er. „Ich begrüße es jedoch, dass sich Menschen dafür gezielt fortbilden. Das ist wichtig und richtig.“ Die Seelsorge sollte sich in Zukunft stärker der Frage stellen, wie es in einem säkularen Umfeld gelänge, trotzdem im Glauben zu wachsen: „Nicht von dieser Welt, aber in dieser Welt: Wie kann das funktionieren“, so der Ordinariatsrat. In eine starke Gottesbeziehung hineinzureifen, sei ein sehr persönlicher Prozess, sagt Ansgar Hoffmann, der selbst in Begleitung ist.
„Hier finden Sie eine Liste von Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen, alle aber im Bereich geistlicher Begleitung qualifiziert, die bereit sind, ein Stück Ihres Weges mitzugehen“: So heißt es auf der Internetseite des Erzbistums Berlin. Auch hier kann der Suchende den Erstkontakt selbst herstellen. Daneben finden sich etliche Links zu Ordenshäusern, die ebenfalls Begleitung vermitteln können. Wer das nicht möchte, kann sich an Michael Lohausen vom Bereich Pastoral wenden, der das Begleitungsangebot vorübergehend koordiniert: „Ich werde auch mal angesprochen, wenn sich jemand nicht entscheiden kann, an wen er oder sie sich wenden sollte“, berichtet er. „Dann stelle ich Fragen und so kristallisiert sich meist heraus, ob es ein Mann oder eine Frau sein soll, jünger, älter, Ordensleute oder Laien.“ Thematisch sei allen Begleitern stets bewusst, bis wohin die eigenen Möglichkeiten gingen und wo sie endeten, sagt Lohausen mit Blick auf einen falsch verstandenen Therapieersatz. Im Gegensatz zu anderen Bistümern bestünden in Berlin derzeit keine Nachwuchssorgen, so der Koordinator: „Wir haben eine gute Mischung.“ So gibt es mindestens einen Begleiter für nicht deutschsprachige Menschen. Auch Lohausen wünscht sich eine stärkere Bekanntheit für das Angebot: „Dies setzt aber voraus, dass die Menschen spüren, dass sie dies brauchen und sich dann auf die Suche danach machen.“
„Gott führt, nicht der Begleiter“
„Wir sollten mehr darüber sprechen, woran und wie wir glauben. Schließlich leben wir nicht mehr eingebettet in einer katholischen Welt“, sagt Andrea Imbsweiler in Erfurt. „Heute fußt alles auf eigenen Entscheidungen. Die muss man bewusst treffen.“ Und Bruder Jeremias Kiesl fasst den Kern so zusammen: „Wir gehen davon aus, dass Gott sich in diesen Gesprächen selbst einmischt. Gott führt, nicht der Begleiter, der ist nur sein Instrument.“
Wichtig: Wer geistliche Begleitung abseits des hier vorgestellten professionellen Angebots wünscht, kann sich immer auch bei Priestern oder Gemeindereferenten in den Gemeinden nach Möglichkeiten erkunden.