Anstoß 13/2026

Gottes Wort ist wie Licht in der Hofkirche

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Montagnacht zwischen eins und zwei. Scheinwerfer tauchen den Innenraum der Dresdner Kathedrale in ein bezauberndes Licht. Vor den Altarstufen ein Lesepult, Blumen und das Buch der Bücher.

Porträtbild von Guido Erbrich
Guido Erbrich
Senderbeauftragter der katholischen Kirche beim Mitteldeutschen Rundfunk

„275 Stimmen“ heißt das Bibelleseprojekt und einzigartig ist die Atmosphäre. Fünf Tage und Nächte lesen alte und junge Menschen, Frauen, Männer und beileibe nicht nur Christen, fortlaufend aus der Bibel. Immer 15 Minuten, dann wird gewechselt. Doch jetzt in der Nacht ist die Kathedrale leer, wir Lesenden sind unter uns. Und trotzdem ist der Raum gefüllt – nicht nur mit dem Licht, sondern vor allem mit dem Wort Gottes. Und das findet seinen Platz. Nichts und niemand scheint im Raum zu fehlen. Als ob allein das gesagte Wort reicht, damit diese Kathedrale lebt. Wer liest, kann die Erfahrung machen, dass der Raum ihn trägt, dass das Aussprechen des Wortes Gottes einen unendlichen Widerhall findet und von allen Seiten reflektiert wird. Es ist ein Aha-Moment: Dieses Wort steht für sich selbst.

„Am Anfang war das Wort“ heißt es bei Johannes – und auf einmal scheint klar, was damit gemeint ist, für welche Fülle, für welches Leben es steht. Das Wort erzeugt Resonanz, weil es Menschen gibt, die ihm ihre Stimme leihen. Menschen, die sich ergreifen, die sich überraschen lassen und es in die Welt hinaus sagen.

„Ich steh vor dir, mit leeren Händen, Herr“, heißt es in einem Kirchenlied – doch hier werden sie gefüllt, ja, auch Herz und Geist sind gefüllt, ja erfüllt vom Wort Gottes. Dabei kommt es nicht einmal auf die besondere Bibelstelle an, die gerade gelesen wird. Es ist im besten Wortsinn eine Offenbarung. Die von Menschen gesprochenen Worte der Bibel machen etwas offenbar, wofür die Worte fehlen: die geheimnisvolle Gegenwart Gottes.

Guido Erbrich