Görlitzer Bibeltag 2024

Bibelpsalmen an Alltagsorten

Laurin Büchner

Fotos: Stefan Schilde

Laurin Büchner hatte zwar keine Finanztipps parat, weiß aber, was wahrer Reichtum ist.

„Die Bibel hinter ihren Mauern hervorholen“ – das wollte der Tag der Bibel 2024 in Görlitz. Dazu wurden auch biblische Geschichten zu bestimmten Themen vorgelesen – an Orten des Alltags.

„Großer Gott, wir loben dich“ – das vierköpfige Blasorchester weist den Weg: In dieser Bankfiliale in der Görlitzer Innenstadt – und nicht etwa in einer der vielen christlichen Gemeindehäuser der Stadt – wird gleich aus der Bibel vorgelesen. Die Heilige Schrift als Finanzratgeber – so lockt das Programmheft des Tags der Bibel 2024 in die Volksbank. 

Biblischer Finanzexperte soll Laurin Büchner sein. Der 14-Jährige geht an die Freie evangelische Oberschule und musste nach eigenem Bekunden nicht erst lange überredet werden. Was er vorliest, so viel wird schnell klar, wird wohl für keine großen Sprünge auf den Konten der anwesenden Zuhörer sorgen, denn Finanztipps enthält weder die Geschichte von Abraham und Sara noch die von König Salomo.

Dafür beschreiben sie, was wahrer Reichtum noch bedeuten kann: Kinder und Familie, aber auch große Weisheit. „Als Gott König Salomo eine Bitte gewähren will, wünscht sich der nicht großen Reichtum, sondern ein hörendes Herz, um das Volk weise zu regieren und Gutes vom Bösen zu unterscheiden“, erklärt Laurin Büchner. „Für seinen bescheidenen Wunsch wird Salomo von Gott obendrein reich beschenkt.“ Im Hintergrund klimpern die Münzen, die ein Kunde gerade in den Einzahlungsautomaten gibt.

Bibellesungen an dafür eher ungewöhnlichen Orten – die Idee gehört zum Programm vom „Tag der Bibel 2024“. Der Gedanke dahinter: Mit der Heiligen Schrift unter dem Arm dorthin gehen, wo das wahre Leben spielt: in der Bank und auf dem Polizeirevier, im Garten und im Modehaus zum Beispiel.

„Ich bin nicht getauft“, sagt Laurin Büchner. „Aber man kann von den Geschichten aus der Bibel viel lernen.“ Auch Bankmitarbeiterin Daniela Gayh hat zugehört. Sie sei keine Christin, gehe nur an Heiligabend in die Kirche. „Trotzdem“, meint sie, „stimmt, was dort in der Bibel steht: Wahrer Reichtum ist viel mehr als Geld.“ Was sie betrifft, steht die Gesundheit immer an erster Stelle. „Andererseits“, fügt sie augenzwinkernd hinzu, „schadet es auch nicht, wenn das eigene Geld in guten Händen ist“.

Katholikin liest düstere Krimigeschichten

Nach der Lektion über wahren Reichtum warten, kaum zehn Fußminuten von der Bank entfernt, in der Görlitzer Polizeidirektion biblische Kriminalgeschichten. Der private Wachschutz am Einlass ist freundlich, die Räume sind großzügig, die Wände hell – wie einladend! Polizisten, die zum Einsatz ausrücken? Fehlanzeige. Nur die Fahndungsplakate lassen erahnen, wo man gerade ist. 

Lesung bei der Polizeidirektion
Christina Kunitzki aus der Görlitzer Gemeinde St. Wenzel
mit dem evangelischen Polizeiseelsorger Pfarrer Frank Hirschmann.

„Mein Mann und ich haben schon einmal eine Untersuchungshaftanstalt besichtigt“, erzählt eine Besucherin. „An den Bedingungen für die Häftlinge dort gab es nichts auszusetzen.“ Dass auch Schwerverbrecher ihre Strafe heute nicht mehr in finsteren Verliesen absitzen müssen, findet sie richtig: „Durch schlechte Verhältnisse bessern wir doch niemanden.“ Sie ist gespannt, welche Krimis aus der Bibel sie gleich erwarten. „Hoffentlich hören wir nicht nur Kain und Abel.“

Christina Kunitzki, Pfarreirätin und Jugendgruppenleiterin in der katholischen Gemeinde St. Wenzel, tut ihr den Gefallen. Hauptberuflich arbeitet sie in der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt, versucht unter anderem, die illegale Einfuhr von Tieren zu unterbinden. 

Nun liest sie, wie Jakob seinen Bruder Esau um das Erstgeborenenrecht und seinen Vater Isaak um dessen Segen betrog, ebenso vom Kindermord des König Herodes. Am meisten Eindruck hinterließ jedoch die Erzählung von Susanna im Bade aus dem Buch Daniel. 

Die unschuldige Frau, die erst in letzter Sekunde durch göttliche Intervention vom Propheten Daniel aus einer üblen Intrige gerettet wird, zieht die Zuhörer hörbar in den Bann. Nach dem Happy End vor Erleichterung am lautesten aufgeseufzt hat Christa Tzschaschel. „Es dauert manchmal seine Zeit, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Zu hören, dass Gott Susannas Gebete letztlich doch erhört hat, bestärkt auch mich“, sagt die Görlitzer Christin, die selbst schon schwere Schicksalsschläge in der Familie erlitten hat.

Jürgern Wenzel
Hobbygärtner Jürgen Wenzel, Gastgeber der biblischen Gartengeschichten, erfreut sich an seinem Fichten-„Hexenbesen“.

Lob der Schöpfung – und mutiger Frauen

Einen solch schönen Garten wie diesen gebe es an seinem Arbeitsplatz, der Justizvollzugsanstalt Bautzen, dem „Gelben Elend“, nicht, sagt der evangelische Gefängnisseelsorger Matthias Mory. Er steht im aufwendig angelegten Garten der Familie Wenzel. Um ihn herum, auf Bänken, Stühlen und im Gras sitzt erwartungsfroh die Zuhörerschaft. Die Psalmen, die Mory vorträgt, preisen Gott und seine Schöpfung: „Wie zahlreich sind deine Werke, Herr, sie alle hast du mit Weisheit gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen.“

Den „großen Gärtner“ nennt er Gott, präsentiert dazu das gleichnamige Bild des Malers Emil Nolde. Und was Gott geschaffen habe, das müsse der Mensch auch achten und bewahren. „Stattdessen leben wir längst nicht mehr in Einklang mit der Natur, die uns umgibt. Dabei ist sie kein Schlaraffenland, in dem man tun und lassen kann, was man will“, sagt Mory.

Während er liest, fliegen die Schmetterlinge, summen die Hummeln, zwitschern die Vögel und weht der Wind durch die Baumwipfel, als wollten sie alle für die passende Illustration sorgen. Viele Zuhörer haben die Augen zu, lassen sich die warme Sonne ins Gesicht scheinen. Ein paar besonders große Gartenfreunde sind schon mal auf Erkundungstour gegangen.

Aufmerksam zugehört hat Alexander Reichart, der extra aus dem 200 Kilometer entfernten Jüterbog nach Görlitz gekommen ist. Dass die Kirche ihre Botschaft heute explizit mit der Bibel nach außen tragen will, findet er wichtig. „Wenn es zum Beispiel um praktische Flüchtlings- oder Umwelthilfe geht, ist Kirche sehr sichtbar draußen“, sagt er. „Doch wenn es um die Heilige Schrift geht, war das bisher häufig anders. Deshalb bin ich gern dabei.“

„Einordnung wäre gut gewesen“

Lesung beim Modehaus
Wie gekonnt Brigitta Nerlich die Erzählungen über mutige Frauen vorlas.

Etwas weniger weitläufig als im großen Garten der Wenzels ist es im ersten Stock des Modehauses „Schwind’s Erben“ mit seinem farbenfrohen Sortiment. Ganz viele Zuhörerinnen – aber auch einige Zuhörer – wollen dort die Geschichten mutiger Frauen aus der Bibel hören. „Es sind leider nur wenige, aber es gibt sie“, kündigt Vorleserin Brigitta Nerlich an.

Da wäre Abigajil, die Ehefrau Nabals, die auf eigene Faust Entscheidungen trifft, um Unheil von ihrer Familie abzuwenden. Ihr Ehemann hatte David leichtsinnig brüskiert. „Um David zu beschwichtigen, handelte sie blitzschnell und klug, ohne Rücksprache mit ihrem Mann“, sagt sie. Ebenso couragiert beschreibt die Bibel Ester, die Ehefrau des Perserkönigs Xerxes. „Durch ihr Einschreiten verhinderte sie einen Genozid an der jüdischen Bevölkerung des persischen Reichs“, erklärt Brigitta Nerlich. Alles hängt an ihren Lippen, so gekonnt setzt sie ihre Stimme ein, fast wie im Hörbuch. „Mein Vater hatte ein Tonstudio, da habe ich viel mit meiner Stimme ausprobiert“, erzählt sie. Den Ansatz, biblische Geschichten im Alltagsumfeld zu erzählen, findet sie „wunderbar“.

Mutter und Tochter bei der Bibeltag-Lesung
Katrin S. und ihre Tochter Charlotte freuten sich auf die Lesung.

Frauengeschichten, die ausgerechnet in einem Modehaus verlesen werden – ist das nicht etwas klischeebehaftet? Nein, das habe sie nicht gestört, finden Katrin und Charlotte, Mutter und Tochter, die mit dabei waren. 

Generell finden sie die Idee der Bibellesungen an thematisch passenden Orten super. „Ich könnte mir vorstellen, dass man so mehr Nicht-Kirchengänger erreicht“, sagt Tochter Charlotte, die sonst eher selten zu Veranstaltungen in ihre Kirchengemeinde geht. „Aber“, ergänzt die Gymnasiastin, „bei den eben gehörten Frauengeschichten wäre eine Einordnung in den historischen Kontext oder eine Runde, bei der man das Gehörte danach gemeinsam reflektieren kann, vielleicht ganz sinnvoll.“ Die teils archaischen Vorstellungen, die aus den biblischen Texten sprächen, könnten auf Außenstehende sonst eher befremdlich wirken.

Sonst waren beide voll des Lobes über den Bibeltag. „Durch diesen Ansatz waren nicht nur die Gemeinden mit ihren Räumen eingebunden, sondern ein Stück weit die ganze Stadt“, sagt Mutter Katrin. 

Kirche dürfe sich gern öfter so präsentieren. Findet auch Modehaus-Besitzer Georg Schwind, selbst Christ, der bei der Anfrage der Organisatoren gar nicht lange nachdenken musste: „Ich dachte mir: Endlich kommt die Bibel mal aus ihrem Versteck.“

Kommentar

Es hat wirklich alles gepasst an diesem Samstag in Görlitz, dem „Tag der Bibel 2024“. Die Sonne lachte, die Leute waren gut gelaunt und weil alles fußläufig zu erreichen war, fiel auch der Streik der Bus- und Tramfahrer nicht weiter ins Gewicht. Die Idee, Bibelgeschichten an dazu passenden Orten zu lesen, fand ich gelungen. Themen und Schauplätze waren sehr gut gewählt. Allerdings hätte es an manchen der Orte ein Raum mit etwas mehr Atmosphäre sein dürfen. Im modernen Schulungsraum der Polizeidirektion erinnerte zum Beispiel nur wenig an die Polizei und die Jagd nach Verbrechern. Aber das ist wirklich Meckern auf ganz hohem Niveau. Schon der hohe Zuspruch bei den Lesungen schreit nach Wiederholung!            

Stefan Schilde