Jahr der Versöhnung im Bistum Leitmeritz
Wunden, die heilen können
Foto: Jana Chadimová
Eröffnungsgottesdienst des Jahres der Versöhnung (13. Januar) am Wallfahrtsort Philippsdorf (Filipov). Hauptzelebrant war Bischof Stanislav Přibyl (Mitte, am Mikrofon).
„Es ist niemals zu spät, zurückzublicken und mit den Mitteln, die Gott uns gegeben hat, menschlich Unlösbares anzugehen – und das sind gegenseitige Vergebung und Versöhnung“, schrieb Bischof Stanislav Přibyl in seinem Hirtenbrief zum Jahresende. Das Jahr 2026 rief er als „Jahr der Versöhnung“ in seiner Diözese Leitmeritz (Litoměřice) aus, in dem er an die Vertreibung der deutschen Minderheit nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern wolle. Sein Hirtenbrief benennt dabei klar, dass es von tschechischer Seite in den Jahren 1945/46 „nicht selten zu Exzessen“ kam, zu „Plünderungen, Vergewaltigungen, Erniedrigungen – bis hin zu dem Ausmaß, dass nicht wenige der vertriebenen Deutschen aus Verzweiflung den Freitod wählten“. Auch, dass es zu Massakern wie in Aussig an der Elbe (Ústí nad Labem) kam, erwähnt er. Die Folgen seien bis heute in seinem Bistum zu spüren.
Bei den Gedenk- und Versöhnungsgottesdiensten setzt der Bischof auf die Zusammenarbeit mit Historikern, Kommunen, Zeitzeugen und deren Nachkommen. Schätzungen zufolge mussten 1945/46 etwa drei Millionen Deutsche ihre Heimat in der damaligen Tschechoslowakei verlassen, dabei kamen Tausende ums Leben. Přibyl, der am 25. April Erzbischof von Prag wird, knüpft die Initiative bewusst an das Gründungsdatum der Ackermann-Gemeinde. Mit dem Verband setzten bereits seit dem 13. Januar 1946 vertriebene Katholiken ein frühes Zeichen für christlich motivierte Versöhnung – bis heute.
Anerkennung individuellen Leids statt Kollektivschuld
„Eines der wichtigsten Dinge, die wir im Leben brauchen und für die wir im Laufe der Zeit Sensibilität verloren haben, ist die Ordnung unserer zwischenmenschlichen Beziehungen“, sagt Bischof Stanislav Přibyl dem Tag des Herrn. „Denn es reicht nicht, die Dinge unter den Teppich zu kehren und darauf zu warten, dass sie in Vergessenheit geraten. Ohne, dass wir es bewusst wahrnehmen, bleiben diese Ereignisse weiterhin präsent.“ Auch wenn es kaum noch Zeitzeugen gibt, die sich genau erinnerten, wirke die „stille Schuld“ weiter in die Beziehungen hinein.
Unter dem Namen „Kollektivschuld“ werde bis heute in vielen Konflikten neue Gewalt begangen, so der Bischof. Darum seien Vergebung und Versöhnung notwendig – „sie sind nicht nur eine Art Bewältigung dessen, was geschehen ist, sondern auch eine Prävention dessen, was geschehen könnte“, sagt Přibyl mit Blick auf gegenwärtige Konflikte. „Wir müssen in unserem Gebet wie auch in unserem konkreten Bemühen Sorge für die Beziehungen zwischen Menschen tragen“, ist sein Fazit.
Foto: Jana Chadimová
Was damals geschehen ist, sei noch immer im Bistum Leitmeritz präsent: „Es handelt sich um schmerzliche Ereignisse, die bis heute nicht nur unsere katholischen Gemeinschaften prägen, die durch die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung – und insbesondere ihrer Priester – tief getroffen wurden. Aus der Diözese Leitmeritz mussten hunderttausende Menschen und rund 500 Geistliche weggehen. Oft war dies von Gewalt begleitet. Die Folgen trägt die gesamte Gesellschaft bis heute. Es sind Wunden, die geöffnet werden müssen, damit sie heilen können.“ Die Initiative sei weder politisch motiviert noch eine Revision der Geschichte. „Ihr Sinn ist zutiefst geistlich. Und ich sehe, dass die Menschen sie genau so verstehen“, erklärt Přibyl dem Tag des Herrn.
Kindheitserlebnisse verfolgen bis ins hohe Alter
Der Hirtenbrief erschien auf Tschechisch und wurde auch ins Deutsche übersetzt. Die Reaktionen auf die Bischofsworte auf deutscher Seite waren teilweise sehr berührend. Mathias Kretschmer aus Mittelsachsen teilte den Hirtenbrief auf Facebook. Daraufhin meldete sich eine Betroffene. Gertrud Bellmann, heute 89 Jahre alt, stammt aus Böhmisch-Kamnitz (heute Ceska-Kamenice). An ihrem achten Geburtstag, am 2. Dezember 1945, musste sie mit ihrer Familie ihr Elternhaus verlassen. Der im Haus lebende Tscheche habe den Schäferhund auf sie gehetzt. Ein Bild könne sie nicht vergessen: „Auf dem Weg nach Tetschen-Bodenbach wurde meinem Spielfreund, damals wohl neun Jahre alt, in den Kopf geschossen, er stürzte und ging in dem kleinen Bächlein unter. Mir bleiben dessen schwarze Haare im Gedächtnis“, schrieb Gertrud Bellmann. Und weiter: „Die Ereignisse rund um die Vertreibung belasten mich noch heute, besonders an meinem Geburtstag kommen sie mit Macht wieder hoch. Ich versuche zwar, das Vergangene ruhen zu lassen, leider gelingt es mir nicht.“
Mathias Kretschmer wird daraufhin zum Mittler der Versöhnung, wie er erzählt. Er leitet die Erlebnisse von Gertrud Bellmann an den tschechischen Bischof weiter und Stanislav Přibyl antwortet der betagten Frau umgehend. Er nehme sie in seine Gebete auf und lädt sie ein, bei dem Versöhnungsgottesdienst in ihrer alten Heimat im Oktober teilzunehmen. „Wir sind drei total fremde Menschen: Frau Bellmann, der Leitmeritzer Bischof und ich. Nur durch Zufall habe ich den Hirtenbrief gelesen, jetzt werde ich selbst nach Böhmisch-Kamnitz fahren“, erzählt Kretschmer. Der Bischof hat zugesagt, Gertrud Bellmanns Erlebnisse vortragen zu lassen. Sie selbst weiß noch nicht, ob sie wegen ihres hohen Alters die Reise schafft. Trotzdem – habe Kretschmer beobachtet – ist ein kleiner Same der Versöhnung aufgegangen: „Sie hat gar nicht mehr damit gerechnet, dass ein anderer ihr zuhört, dass sie die Last loswerden kann, die sie mit sich schleppt. Aber nur, wenn wir sagen, was ist, können wir auch mit Geschehenem umgehen.“ Der Krankenpfleger, der in der Psychatrie oft auf alte Menschen und ihre belastenden Lebensgeschichten trifft, weiß, wovon er redet.
Bischof Přibyl berichtet von Reaktionen auf seinen Hirtenbrief: „Ich erhalte Briefe und E-Mails von beiden Seiten der Grenze, die vom Bedürfnis und der Bereitschaft zeugen, Schuld einzugestehen, darüber zu sprechen und dann Versöhnung und Frieden zu suchen. Schon das allein wirkt sehr heilend.“ Er höre viele persönliche Zeugnisse darüber, wie die Kriegsereignisse und die nicht aufgearbeiteten Schuldfragen der Nachkriegszeit Familien und deren Geschichte geprägt haben. Er erzählt: „Ich selbst habe zum Beispiel erfahren, dass das Radio, aus dem ich als Kind Märchen hörte, jemandem aus der Vertreibung gehörte. Ich hatte davon nicht die geringste Ahnung.“
Přibyl setzt auf Erinnerung ohne Beschönigung, auf konkrete Orte, nicht auf symbolische Reden, auf ein Überwinden von Schweigen und Schuldzuweisungen. Da das Bistum keine personellen Kapazitäten für große Veranstaltungen habe, werden auch keine gezielten Einladungen ausgesprochen. Trotzdem schließen sich ganz unterschiedliche Menschen an: Deutsche, ökumenische Gemeinschaften, örtliche Autoritäten. „Praktisch jedes Mal war bisher ein Vertreter der deutschen Botschaft anwesend. Ihre Ansprachen sind keine leeren Worte. Martin Schmidt erhielt beim letzten Treffen in Rovensko pod Troskami großen Applaus – sowohl für den Inhalt seiner Rede als auch für sein Bemühen, auf Tschechisch zu sprechen“, erzählt der Bischof. In Saaz (Žatec) und Postelberg (Postoloprty) wollen Geistliche gemeinsam mit örtlichen Studenten einen Gang zum Ort des Massakers an der deutschen Bevölkerung unternehmen. Nach Maria Ratschitz (Mariánské Radčice) wollen die deutschen Nachbarn kommen, nach Leitmeritz (Litoměřice) wird die Ackermann-Gemeinde reisen. In Reichenberg (Liberec) will sich auch die jüdische Gemeinde anschließen.
Versöhnung überwindet gegenseitige Schuld
Die Vertreibung der Sudetendeutschen beruhte auch auf der vorherigen deutschen Besetzung der Tschechoslowakei. Die Geschichte rund um das Erstarken der Nationalstaaten und dessen Folgen ist komplex. Stanislav Přibyl betont: „Wir sprechen von der Schuld auf beiden Seiten. Es ist ermutigend, gemeinsam mit anderen den Mut zu erleben, darüber zu sprechen und sie zu bekennen – so, wie wir Katholiken es im Schuldbekenntnis gewohnt sind. Oder in einem gemeinsamen Versöhnungsgebet – auf Tschechisch und auf Deutsch.“ Aber, so gibt er zu bedenken, es gehe nicht nur um die Beschäftigung mit der Schuld, sondern vor allem um die Versöhnung. „Versöhnung bedeutet weder Vergessen noch ein billiges Übergehen des Schmerzes. Versöhnung ist der Mut, sich der Wahrheit zu stellen, den eigenen Anteil am Bösen zu bekennen und Gott zu erlauben, dort, wo Zorn war, eine Quelle neuer Zukunft zu eröffnen. Christus kommt, um unsere alten Wunden zu verwandeln. Bitten wir also darum, dass auch unser Herz nicht hart bleibt. Dass wir die Stimme Jesu hören. Dass unsere Wunden nicht zu einer Quelle neuer Verbitterung werden, sondern zu einem Ort, aus dem lebendiges Wasser der Gnade hervorquillt. Das gilt für Tschechen wie für Deutsche.“
Foto: Ruth Weinhold-Heße
Erinnerungen an die Vertreibung
„Es ist wirklich eine schöne Gegend“, sagt Heinrich Bohaboj über seine Heimat. Als Achtjähriger musste er sie verlassen. Der spätere katholische Pfarrer wurde 1937 im Dorf Sebusein geboren. Dort wohnten ausschließlich Deutsche. Seine Kindheitserinnerungen sind zwar vom Krieg überschattet, aber vieles habe er nicht als gefährlich, sondern eher spannend empfunden. Und obwohl sein Vater bereits 1939 in den Kriegsdienst eingezogen wurde, beschreibt er seine frühe Kindheit als „unbeschwert“. Die Sorgen trugen die Erwachsenen, vor allem die Frauen, sagt er.
Einen Tag nach Kriegsende zog die Rote Armee in Sebusein ein, „man hörte Frauen schreien und wir flüchteten in den Wald“, erzählt er. Als sie zurückkehrten, war ihre Wohnung verwüstet. „In der Elbe wurden Leichen angeschwemmt.“ Danach wurden Deutsche durch eine zivile tschechische Verwaltung ersetzt. Das KZ Theresienstadt wurde nicht aufgelöst, hier wurden jetzt Deutsche inhaftiert. Auch der kleine Heinrich musste eine Armbinde mit einem „N“ tragen, um als Deutscher erkennbar zu sein (Němec für deutsch).
Schon im Juni 1945 begann die „wilde Vertreibung“ der Sudetendeutschen. Heinrich Bohaboj erzählt, dass er mit seiner Mutter, Großmutter und kleinen Schwester am 28. Juli das Zuhause verlassen musste. „Von einer Stunde auf die andere mussten alle aus der Wohnung, die Haustür wurde versiegelt. Am Bahnhof wurden alle noch einmal durchsucht – ich besonders gründlich. Schmuck und andere Wertgegenstände, auch Wäsche oder Federbetten wurden weggenommen. Dann stiegen wir in enge Viehwaggons, der Zug hielt auf der Elbbrücke in Aussig. Später erfuhren wir von dem Massaker, das am 31. Juli dort stattgefunden hat. In Teplitz hieß es aussteigen, alle wurden von dort zu Fuß nach Zinnwald getrieben.“ Immerhin wurden nach der Hälfte des Weges Ältere, und später auch Kinder, auf Lastwagen das letzte Stück bis zur deutschen Grenze transportiert. Hinter der Grenze ging es zu Fuß weiter nach Geising. „Dort trafen wir Mutters Bruder mit seiner Familie. Nun war ein Mann mit dabei, der als Eisenbahner eine Uniform trug. Das machte Eindruck und half uns.“ Die Familien legten einen langen Weg durch zerbombte deutsche Städte zurück. Schließlich fanden sie in Rosefeld, einem kleinen Dorf bei Köthen, eine Unterkunft. „Am 15. August sind wir dort endlich angekommen und haben uns das erste Mal an der Wasserpumpe im Hof wieder gründlich gewaschen“, erinnert sich Heinrich Bohaboj.
Durch das spätere Theologiestudium hat er Kontakt zu tschechischen Studenten geknüpft, enge Freundschaften geschlossen und auch die Sprache ein wenig gelernt. Weil es Christen in der Tschechoslowakei viel schlechter ging als in der DDR, gab es viele Schritte der Versöhnung, nicht nur von ihm. Als er zum Katholikentag 1994 in Dresden eine Wallfahrt nach Theresienstadt mit organisierte, nahmen rund 1000 Gläubige teil. Der Pfarrer war ab 1992 viele Jahre Geistlicher Beirat in der Ackermann-Gemeinde Region Süd-Ost und setzt sich bis heute für die deutsch-tschechische Versöhnung ein.
Stationen
Geplant sind Stationen an symbolträchtigen Orten in Tschechien. In Filipov war am 13. Januar der Auftakt. Der nächste Termin ist am 19. April in Osek/Mariánské Radčice: Unweit des Klosters Osek (Ossegg) befand sich ein Lager, in dem die deutsche Bevölkerung während der Vertreibung interniert wurde. 10.30 Uhr: Versöhnungsgottesdienst in der Kirche des Klosters. Pfarrer Philipp Irmer (Maria Ratschitz), Pfarrer Gerald Kluge (Dippoldiswalde) und Domkapitular Bertram Wolf (Dresden) laden mit den Freundeskreisen des Klosters Osek und der Ackermann-Gemeinde dazu ein. Anschließend Vortrag des Historikers Dr. Jan Kvapil (Universität Usti nad Labem); eine Besichtigung der Ausstellung „Gemeinsame Geschichte – getrennt erzählt“ ist möglich.![]()
Alle Termine: kurzlinks.de/jahr-versoehnung