Kirche und Autismus
„Katholische Liturgie ist sehr autismusfreundlich“
Foto: kna/Julia Steinbrecht
„Viele gehen aus dem Bauch heraus an Religion heran. Ich habe analytisch und logisch gedacht und Dinge theoretisch wie ein Gleichungssystem gesehen“, erzählt Lena, die eigentlich anders heißt.„Aber so funktioniert der christliche Glaube nicht. Einen anderen Zugang musste ich erst lernen“, sagt die katholische Theologin und erklärt ihr Denkmuster am Beispiel der Berufung: „Für mich war klar: Es gibt in jeder Situation falsch, also Sünde, und richtig, also keine Sünde.“ Aufgelöst wurde der Binärcode in ihrem Kopf erst, als sie die Berufung zu ihrem eigenen Lebensweg erfahren hat: „Als ich totale Freiheit erlebt habe, war es für mich offensichtlich, dass Gott Freiraum zu eigenen Entscheidungen gibt.“
Lena ist autistisch, wie sie es selbst formuliert. Ihre klinische Diagnose heißt „Autismus-Spektrums-Störung“, aber gegen das Wort „Störung“ hat Lena etwas: „Ich bin kurzsichtig, also habe ich eine Sehstörung“, sagt sie vergleichend, zeigt auf ihre Brille und fährt fort: „Das ist ein klarer Nachteil. Aber es ist nicht Teil meiner Persönlichkeit. Autismus schon.“ Deshalb gefällt ihr das Konzept der Neurodiversität. Es unterscheidet neurotypische Menschen, deren Denken und Erleben gesellschaftlich als typisch angesehen wird, und neurodivergente Menschen, die von gesellschaftlichen Normvorstellungen abweichen. Dazu zählen autistische Menschen, Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder mit Legasthenie.
Lena betont, dass Autismus vielfältig sei: „Andere autistische Menschen erleben Dinge möglicherweise ganz anders, finden andere Dinge überfordernd und haben andere Bedürfnisse.“ Die Vorliebe für logisches Denken teilen aber viele autistische Menschen mit Lena. Das sei nicht nur als Naturwissenschaftler hilfreich. Auch die Theologie als Wissenschaft arbeite mit Logik. Dass Gott logisch weder bewiesen noch widerlegt werden kann, stört Lena nicht: „Ich würde nie auf die Idee kommen, Gott zu beweisen. Ich war kurze Zeit Atheistin, weil mich die Gottesbeweise derart gestört haben.“ Gott habe es nicht nötig, bewiesen zu werden. „Für unseren christlichen Glauben ist ja entscheidend, dass Gott sich offenbart. Glaube kann aus dieser Erfahrung entstehen.“
In der katholischen Kirche wohlfühlen
In der katholischen Kirche, zu der sie mit 14 Jahren konvertiert ist, fühlt sich Lena wohl. Inklusion sei hier durch das christliche Menschenbild gut verwurzelt. Trotzdem könnten autistische Menschen in der Kirche besondere Bedürfnisse haben: „Überreizung ist für viele autistische Menschen herausfordernd. Weihrauch kann ein Problem sein, weil man Gerüche nicht ausblenden kann. Akustisch sind verschiedene Geräusche zeitgleich schwierig. Visuell ist die unaufdringliche Gestaltung vieler Gottesdienste hilfreich. Coole Jugendgottesdienste können eher überreizen.“
Herausfordernder seien soziale Veranstaltungen, der Gemeindefasching ist Lena zum Beispiel viel zu unstrukturiert: „Das hat schon seine Berechtigung, weil neurotypische Menschen aus mir unerklärlichen Gründen chaotische Veranstaltungen mögen“, sagt sie leicht grinsend und fügt an: „Aber vielleicht könnte man auch mal strukturierte Veranstaltungen anbieten, zum Beispiel Spieleabende.“ Auch ein Rückzugsraum, still und nicht zu hell, könnte helfen. Am wichtigsten sei aber die allgemeine Einstellung: „Gemeinden sollten damit leben und umgehen können, dass nicht alle Menschen gleich sind. Es gibt viele Gründe, dass Menschen aus Normalitätsperspektive herausfallen.“
Zum Schluss möchte Lena noch eine Sache betonen, die sie in innerkirchlichen Diskussionen stört: „Leider wird selten zwischen Einstellung und Liturgie unterschieden.“ Sie sei progressiv eingestellt und könne trotzdem Liturgie lieben, die als konservativ gilt, wie sie klärt: „Neuere liturgische Formen nehme ich oft als chaotisch wahr, traditionellere Formen sind strukturiert und damit für mich nachvollziehbar, vorhersehbar und nicht reizüberflutend. Katholische Liturgie ist sehr autismusfreundlich.“
Thorlak Thorhallsson – ein autistischer Heiliger?
Der heilige Thorlak Thorhallsson war im 12. Jahrhundert Bischof von Skálholt auf Island und ist Schutzpatron des Landes. Zeitgenössischen Berichten zufolge hatte er ein starkes Bedürfnis nach Regeln und Routinen. Er soll zurückhaltend kommuniziert und Versammlungen und öffentliche Predigten gemieden haben. Aus seiner Kindheit sind eine ungewöhnliche Auffassungsgabe und eine großes Interesse an Erwachsenengesprächen überliefert. Aufgrund dieser Eigenschaften könnte Thorlak autistisch gewesen sein und wird von manchen autistischen Menschen als inoffizieller Schutzpatron angenommen.
Tipps: Autismus in Literatur und Film
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Autismus ist in Büchern, Filmen und Serien weitverbreitet. Sherlock Holmes, Ella Schön, Sheldon Cooper – sie alle haben das gesellschaftliche Bild von Autismus geprägt. Und verzerrt, wie Ulrich Merkl in seinem Buch „Total Strangers“ analysiert, in dem er auf 23 autistische Menschen in der Pop-Kultur eingeht. Empfehlenswert, weil man zeitgleich etwas über Autismus und über Literatur und Film lernen kann.
Ulrich Merkl: Total Strangers; Patmos Verlag; ISBN 978-3-8436-1611-9; 25 Euro
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Der autistisch gelesene Genetiker Don sucht eine Frau (Das Rosie-Projekt), wird Vater (Der Rosie-Effekt) und versucht später, seinen Sohn bestmöglich zu unterstützen (Das Rosie-Resultat). Sein Vorgehen ist dabei stets kreativ, aber unorthodox. Graeme Simsion hat mit den Büchern eine Trilogie geschaffen, die unfassbar unterhaltsam, lustig und zugleich nachdenklich ist – „die besten Romane mit einer autistischen Hauptfigur“, wie Ulrich Merkl findet.
Graeme Simsion:
Das Rosie-Projekt (ISBN 978-3-596-19700-2; 11 Euro – Vivat-Bestellnummer 2060605);
Der Rosie-Effekt (ISBN 978-3-596-03185-6; 13 Euro – Vivat-Bestellnummer 2073237);
Das Rosie-Resultat (ISBN 978-3-596-70460-6; 11 Euro – Vivat-Bestellnummer 2217041)
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Lena erzählte im Gespräch, dass sie sich erst einmal in einer Protagonistin zu hundert Prozent wiedergefunden hat: in der Kika-Serie „Addie und wie sie die Welt fühlt“. Darin setzt sich die autistische Addie neben allen Herausforderungen im Schulalltag für eine Gedenktafel an die früher verfolgten „Hexen“ ihres Ortes ein. Die Serie erzählt einfühlsam von Freundschaft, Schwesternschaft und Neurodivergenz und wurde bewusst mit neurodivergenten Menschen produziert.