Neuer Spielplatz in der Kindertagesstätte St. Josef in Wittenberg
Mensch, beweg dich
Fotos: Johanna Marin
Die Arche ist Teil des neuen Spielplatzes der katholischen Kindertagesstätte St. Josef in Wittenberg.
In ihrem bunten Kleid sitzt Alexandra im Buddelkasten, einen Hut gegen die strahlende Sonne auf dem Kopf, und formt aus nassem Sand „Schokokugeln“, die sie an alle verschenkt, die in ihre Nähe kommen. „Ich bin vier“, erzählt sie, „aber ich werde bald fünf!“ Noch sitzt sie gemütlich, die Füße im Sand ausgestreckt. Dann erzählt sie, dass sie gerne tobt: Rennen und Klettern mag sie. „Aber ich rutsche auch gerne“, sagt sie – und führt gleich mehrmals hintereinander vor, wie schnell die Rutsche ist. Sie kann sie sogar rückwärts wieder hochklettern. „Und soll ich mal zeigen, wie schnell ich rennen kann?“, fragt Alexandra dann und flitzt den gepflasterten Weg unter einer Pergola auf und ab.
In ihrem Kindergarten hat sie jetzt wieder viel Platz, um sich zu bewegen. Die katholische Kindertagesstätte (Kita) St. Josef in Wittenberg hat neuerdings nämlich wieder einen Spielplatz mit Klettermöglichkeiten, Rutsche, Schaukeln und einer Arche, auf die ein aus Holz geschnitzter Noah aufpasst. Schon der alte Spielplatz war an die Arche Noah angelehnt, mit einem Schiff in der Mitte. „Aber der ist verrottet. Da stand nur noch ein Pfeiler und das war es“, sagt Alexander Golsch, Geschäftsführer des Augustinuswerks in Wittenberg, der die ersten Schritte für die Baumaßnahmen eingeleitet hat. Der Spielplatz war 17 Jahre alt und hatte seinen Zenit überschritten, erklärt er.
Wenn alle mit anpacken
„Vor drei Jahren haben wir gesagt, wir brauchen einen Förderverein, um Gelder für den Spielplatz zu bekommen“, sagt Waldemar Hötte. Sein Sohn, inzwischen Schulkind, ging damals noch in die katholische Kita. „Wir wollten den Spielplatz wieder flott kriegen“, sagt er, aber Staat und Stadt hätten wenig Mittel für die Erneuerung gehabt. „Also haben wir gedacht: ‚Machen wir es doch selber!‘“, sagt er – zumindest alles, was nicht sicherheitsrelevant ist – und zitiert Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Der Förderverein sammelte Spenden. Hötte kannte den Waldbesitzer Franz von Fürstenberg, einen Nachbarn der Kita. Der spendete Robinien, die die Väter der Kinder fällten, aus dem Wald holten und entsplinterten. Das Ganze wurde zu einem Gemeinschaftsprojekt: Eltern, Erzieher und Freunde der Kita schliffen und malerten das Klettergerüst in Schiffsform und besserten alte Stellen aus. Hanna Paul, Holzbildhauerin in Ausbildung und einst selbst Kindergartenkind in St. Josef, schnitzte den Noah und ein drei Meter langes Krokodil für die Kinder. „Am Wochenende oder nach Kita-Schluss haben die Eltern beim Spielplatzbau mitgeholfen“, erzählt Susanne Haase, Vorsitzende des Fördervereins. Heute geht ihr vierjähriger Sohn in die Kita St. Josef, früher war sie selbst als Kind hier. Alle packten mit an. Für sicherheitsrelevante Fragen wurden Firmen gebucht. Die Firma KindRaum aus Leipzig etwa plante die Spielgeräte. „Die wussten, wie sie bauen müssen, damit Fallhöhen und Sicherheit stimmen und der Fallschutz gewährleistet ist“, sagt Alexander Golsch.
„Unser Sohn braucht Bewegung“
Und wozu all der Aufwand? „Unser Sohn braucht viel Bewegung, da war so ein großer Spielplatz wie hier immer super“, sagt Waldemar Hötte. „Bewegung und Spielen gehören zur Entwicklung dazu“, weiß auch Susanne Haase von ihren Kindern, „beim Spielen lernt man haptisch mit Sand, man erlernt die Motorik beim Ballspiel, beim Roller- oder Dreiradfahren. Die Kinder sind hier draußen alle zusammen und lernen, gemeinsam zu spielen.“ Sie sehe dann auch, wie die Größeren sich liebevoll um die Kleineren kümmern. Und während sie selbst als Kind noch vom Kindergarten zum Spielplatz laufen musste, hat die Kita den Spielplatz nun seit vielen Jahren auf dem eigenen Grundstück.
„Kinder sind von Natur aus bewegungsfreudig“, sagt Kitaleiterin Lela Shonia, die für die Kinder auch Yoga anbietet. Bewegung fördere die Gesundheit, die Koordination, aber eben auch Freundschaften und sogar das Selbstbewusstsein, sagt sie: „Die Kinder wissen dann: ‚Was kann ich? Was kann ich nicht?‘“ Sie lernen ihre Kompetenzen kennen. „Die Kinder sind clever“, sagt Shonia und muss lachen. „Die Kleinsten kommen gar nicht auf die Idee, auf die hohen Klettergerüste zu klettern. Für sie gibt es ein kleineres Areal, auf dem sie klettern und rutschen können und sich verstecken“, sagt sie und deutet auf ein niedriges, hölzernes Klettergerüst im hinteren Teil des Spielplatzes. Dort können die Kleinsten sich ausprobieren und das Klettern üben, bis sie groß genug sind für Noahs Schiff im Sandkasten. „Gerade klettern ist für die Motorik wichtig“, weiß die Kita-Leiterin.
Es beginnt im Bauch der Mutter
Dabei beginnt der Drang nach Bewegung schon viel früher: „Schon im Bauch bewegen Babys sich ja“, sagt Lela Shonia, „Neugeborene strampeln viel und mit vier, fünf Monaten fangen sie an, zu krabbeln. Dann ziehen sie sich an Gegenständen hoch, dadurch stärken sie ihre Muskeln, ihre Koordination und ihr Gleichgewicht.“ Ab zehn Monaten können die Kinder in die katholische Kita St. Josef kommen. Dort wartet dann nicht nur der neu gebaute Spielplatz auf sie, sondern auch Spaziergänge an der frischen Luft, ein mal pro Woche ein Besuch in der Turnhalle oder eben Yoga im Morgenkreis. „Frische Luft, Bewegung und Spaziergänge sind etwas ganz besonderes für Kinder“, sagt Shonia, „wir sind viel draußen, das macht unsere Kita aus.“ Eine Sache beobachtet sie besonders gern: „Jedes Gerät auf diesem Spielplatz wird benutzt! Ich mag unseren Spielplatz und liebe es, den Kindern dabei zuzusehen, wie viel Freude sie am Spielen, Toben und Klettern haben.“ Und wie zum Beweis ist die vierjährige Alexandra inzwischen vom Sandkasten zur Schaukel geflitzt und schwingt dort fröhlich auf und ab.
Kommentar: Hüpfen, springen, beten
Kinder können sich einfach nicht normal bewegen. Also, so, wie irgendjemand mal „normal“ definiert hat. Vor zwei Wochen habe ich eine Religiöse Kinderwoche (RKW) begleitet. Beim Geländespiel im Wald wurde einem Mädchen das Wandern zu langweilig – also fing sie an, Räder zu schlagen. Wenn die Glocke zum Essen läutete, lief keines der Kinder langsam zum Speisesaal; stattdessen stürmten sie los und eines versuchte, das andere zu überholen. Und Treppenstufen… wieso sollte man die langsam gehen, wenn man auch zwei Stufen auf einmal nehmen und die letzten drei gleich ganz überspringen kann?
Auf Instagram habe ich mal einen Beitrag einer Altenpflegerin gesehen, die mit älteren Menschen rausgeht, um über Steine zu klettern, auf dem Bordstein zu balancieren oder rückwärts zu laufen. Alles Dinge, die Kinder ständig tun – und mit denen viele Erwachsene irgendwann einfach aufhören.
In einem Jugendgebetbuch von Wolfgang Vogl finden sich fünf Regeln für ein gelingendes Leben: an zweiter Stelle steht dort „Bewegung“, direkt hinter „Schlaf“ und – bemerkenswert – noch vor „Gebet“. Die Begründung dafür ist einleuchtend: Nur wer ausgeruht und ausgelastet ist, kann sich auf das Gebet und auf Gott konzentrieren. Ich denke, eine kleine Ministrantin auf der RKW vor zwei Wochen hatte das verstanden: Kurz vor der Wandlung – dem wichtigsten Teil des Gottesdienstes – hat sie, bevor sie sich hinkniete, noch schnell eine fröhliche kleine Pirouette im Altarraum gedreht.
// Johanna Marin