Der Neokatechumenale Weg
Glaube auf dem Weg
Foto: Michael Burkner
Die Gottesdiensträume des Neokatechumenalen Wegs sind von Ikonen geprägt. Die Marienikone links steht in allen Kirchen des Wegs. Sie wurde von Kiko Argüello gemalt, nachdem er eine Marienerscheinung hatte.
Ästhetik ist ein wichtiges Thema beim Jubiläum des Neokatechumenalen Wegs in Chemnitz. Um die Ästhetik des Gottesdienstraums geht es, in dem alles durchdacht ist. Das Blau des Bodens steht für Wasser, das Tod, aber auch Taufe bedeuten kann. Die Ikonen, an die Wand geschrieben oder als Stoff über den Ambo gelegt, erinnern an orthodoxe Kirchen und haben doch einen ganz eigenen Stil. Auch Elemente der jüdischen Tradition findet man, etwa den siebenarmigen Leuchter. Man merkt, dass all das auf einen Künstler zurückgeht – auf den 1939 geborenen Maler Kiko Argüello. In den 1960er Jahren gründete er den Neokatechumenalen Weg, eine geistliche Bewegung der katholischen Kirche. Seine Ideen, seine Spiritualität und natürlich seine Ästhetik verbreiteten sich bis heute in vielen Ländern der Welt – auch in Deutschland.
Mission in der Pfarrei
Hinter dem sperrigen Namen des Neokatechumenalen Wegs verbirgt sich eine „pastorale Initiative innerhalb der Pfarrei“, wie die Bewegung auf ihrer Homepage erklärt. Der Name setzt sich aus den Worten „Neo“ für „Neu“ und „Katechumenat“ zusammen, das die Vorbereitung auf die Taufe meint. Und natürlich aus dem Weg, denn in den Gemeinschaften gehen Erwachsene über Jahre hinweg gemeinsam zehn Etappen, an deren Ende die Erneuerung des Taufversprechens steht. Nach Feierabend und am Wochenende treffen sie sich regelmäßig und beschäftigen sich mit zentralen katholischen Glaubensinhalten und ihrer Umsetzung im Alltag.
Entstanden war die Bewegung in den 1960er Jahren, parallel zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Ihr Gründer Kiko Argüello lebte damals in einer Barackensiedlung von Madrid, um Gott bei den Armen ganz nah zu sein. Dort traf er auf die Missionarin Carmen Hernández. Gemeinsam entwickelten sie eine schrittweise Einführung in das Christentum in kleinen Gemeinschaften. 1990 wurde der Weg von Papst Johannes Paul II. als „geistliche Bewegung“ anerkannt und 2008 durch Papst Benedikt XVI. kirchenrechtlich bestätigt. Heute hat der Neokatechumenale Weg weltweit etwa 1,5 Millionen Mitglieder, in Deutschland leben gut 2000 Menschen in rund 90 Gemeinschaften. Ihr spirituelles Leben besteht aus einem „Dreifuß“ aus Wort, Liturgie und Gemeinschaft. Sie lesen gemeinsam die Bibel und teilen Alltagserfahrungen, sie feiern gemeinsam den Sonntagsgottesdienst und sie treffen sich zu regelmäßigen Gemeinschaftsaktionen.
Foto: Michael Burkner
In Taucha, vor den Toren von Leipzig, leben seit 1994 neokatechumenale Gemeinschaften in einer sogenannten „Missionspfarrei“. Sie beteiligt sich hier also aktiv am Gemeindeleben. Andreas Cerny ist einer der Ansprechpartner der Gemeinde. Der Ruheständler ist katholischer Theologe und hat lange als Krankenhausseelsorger gearbeitet. Rund 70 Erwachsene und etwa 30 Kinder gehören hier dem Neokatechumenalen Weg an. Am Samstagabend treffen sie sich zum Gottesdienst und jeden Mittwoch zur Wortliturgie. „Dort lesen wir gemeinsam die Bibel und teilen unsere persönlichen Erfahrungen. Dieses ‚Echo des Wortes‘, wie wir sagen, ist für uns ganz wesentlich“, erklärt Cerny. Hinzu kommen ein monatlicher Gemeinschaftstag und ein regelmäßiger Bußgottesdienst, bei dem einzeln gebeichtet wird, während die Gemeinde singt. „Wir wollen so zeigen, dass Beichten Freude macht. Auch diese Versöhnung mit Gott ist ein ganz wichtiger Punkt des Weges“, so Cerny.
Bischof Joachim Reinelt hatte die kleine Ortsgemeinde damals dem Weg anvertraut. Andernfalls, so war damals die Sorge, hätte diese nicht mehr lange überleben können. Den Kontakt zu den anderen Katholiken in Taucha, die seit 2019 zur Großpfarrei Leipzig-Ost gehören, beschreibt Cerny als gut. Mitglieder des Neokatechumenalen Wegs engagierten sich im Ortskirchenrat, in der Kinder- und Jugendseelsorge, im Seniorenkreis und als Wort-Gottesdienst-Leiter. Erstkommunion und Weihnachten würden gemeinsam gefeiert und der Gottesdienst der Neokatechumenalen Gemeinschaften sei für alle offen. „Wir gehen nur in die Bistümer, in die der Bischof uns ruft und arbeiten nur in Pfarreien, wenn der Pfarrer das möchte“, betont Cerny. Es ginge nicht darum, eine Parallelgemeinde aufzubauen.
Mission unter den Ungetauften
2006 rief Bischof Reinelt den Neokatechumenalen Weg ein weiteres Mal ins Bistum Dresden-Meißen – nach Chemnitz. Hier entstand eine der ersten „Missio ad gentes“ – also eine „Mission unter Ungetauften“. Zwei Priester, sechs Familien und vier ledig lebende Frauen zogen damals nach Sachsen und gründeten zwei eigenständige Gemeinschaften – anders als in Taucha aber nicht, um eine bestehende katholische Gemeinde zu verstärken. In Chemnitz möchten die Gemeinschaften die mehrheitlich ungetauften Menschen der Stadt ansprechen. Sie gehen auf die Straße, singen und beten und erzählen von Gott. Die Mission hat Erfolg. 2010 und 2011 machen sich Chemnitzer unter dem Dach der beiden Gemeinschaften in neuen Gruppen auf den Neokatechumenalen Weg.
Anna Radi kam 2006 als 18-Jährige mit ihrer Familie nach Chemnitz. „Unser Gründer Kiko Argüello hat uns damals gesagt, dass wir nicht an Zahlen gemessen werden. Viel mehr sollten wir wie das Senfkorn sein, aus dem ein Baum entsteht, in dem die Vögel ihr Nest bauen können. Wir sollten einfach und nah bei den Menschen leben“, erinnert sie sich.
Die Gottesdienste am Samstag feiern die Mitglieder des Weges unter sich, nur selten würden Bekannte oder Kollegen dazu kommen, erzählt Anna Radi. Offen für alle sei aber die wöchentliche Veranstaltung „Begegnung mit dem Wort Gottes“, zu der Erwachsene und Jugendliche unabhängig von ihrem Glauben kommen können. Daraus entstand in den vergangenen Jahren eine dritte Generation des Neokatechumenalen Wegs in Chemnitz. Wenn sich genug Menschen gefunden haben, möchten auch sie sich auf den Weg zur Tauferneuerung machen.
In Chemnitz ist der Neokatechumenale Weg mit der Ortsgemeinde weit weniger verbunden als in Taucha, das Verhältnis sei aber auch hier gut, sagt Anna Radi. Die Gemeinschaft wolle und könne keine Pfarrei ersetzen. An Fronleichnam und zum Patrozinium beteiligen sie sich an den Feiern der ganzen Pfarrei. Die Gemeindepriester würden in den Gottesdiensten des Neokatechumenalen Wegs aushelfen, ebenso besuchten Mitglieder des Wegs regelmäßig auch die übliche Gemeindemesse.
Priester für Diözese und Mission
Besonders stolz sind die neokatechumenalen Gemeinschaften in Chemnitz auf die beiden Priester, die aus ihnen hervorgegangen sind. Einer von ihnen ist Marc-Anton Hell. Seit 2019 leitet er als Regens das Priesterseminar Redemptoris Mater in Berlin, eines von zwei Seminaren des Neokatechumenalen Wegs in Deutschland. Die weltweit 120 Seminare unterstehen dem jeweiligen Diözesanbischof und bilden Priester sowohl für das Bistum, als auch für die weltweiten Missionen des Neokatechumenalen Wegs aus. „Zu uns in Berlin gehören aktuell 14 Seminaristen. Die meisten kommen aus verschiedenen europäischen Ländern, aber auch aus Brasilien und Honduras“, erzählt Hell. Berlin haben sie als Ausbildungsseminar ausgelost. „Von den Seminaristen erwarten wir die Bereitschaft, überall auf der Welt ins Seminar zu gehen“, sagt Hell und schränkt etwas ein: „Unsere drei Seminare in der Ukraine würden wir aktuell niemandem zulosen. Da fragen wir, wer sich freiwillig meldet.“
Die akademische Ausbildung unterscheide sich nicht groß von der in den diözesanen Priesterseminaren. Die Seminaristen, die alle aus Familien des Neokatechumenalen Wegs stammen, studieren im Haus, verbringen ein Jahr an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom sowie zwei Jahre in der Mission, bevor sie zu Priestern geweiht werden. Nach ihrer Weihe werden sie entweder Gemeindepriester im Bistum oder unterstützen Gemeinschaften des Neokatechumenalen Wegs bei ihren Aufgaben.
Foto: Priesterseminar Redemptoris Mater Berlin
Regens Hell weiß, dass er seine Seminaristen in Berlin auf ihre Aufgaben in den katholischen Pfarrgemeinden speziell vorbereiten muss. „Viele stammen aus glaubensfernen Familien, die erst über den Neokatechumenalen Weg zur Kirche gefunden haben. Sie kennen das normale Gemeindeleben nicht gut“, erklärt er. Deshalb sei der Kontakt schon im Studium wichtig. Die Seminaristen würden regelmäßig in einer Berliner Kirche die Messe besuchen und anschließend mit Gemeindemitgliedern zu Mittag essen.
Auf die wachsende Zahl neokatechumenaler Priester im Erzbistum Berlin blickt Marc-Anton Hell derweil selbst kritisch: „Vermutlich ist weltweit nirgends der Prozentsatz neokatechumenaler Priester so hoch wie hier. Aber wir wollen nicht die Mehrheit stellen.“ Mit der Bistumsleitung sei er immer wieder im Gespräch, damit mehr Priester des Seminars für die Mission in einem anderen Land freigestellt werden. Hell versteht die Situation des Priestermangels im Erzbistum. „Aber unsere Berufung ist es, weltweit tätig zu sein“, sagt er.
Dabei betont Hell aber auch, dass es spannend und schön sei, als Priester in Berlin zu arbeiten. Und auch die Berliner Gemeinden könnten etwas von der besonderen Spiritualität ihrer Priester lernen. „Wir begreifen unseren Glaube stufenweise, er ist für uns ein Weg. Er entwickelt sich weiter und besteht dabei aus mehr als Erstkommunion, Firmung und vielleicht noch dem Sonntagsgottesdienst“, erklärt Regens Hell.
Eine freie Entscheidung
Dass Kiko Argüello, der Begründer des Neokatechumenalen Wegs, nicht nur Maler, sondern auch Musiker war, wird in den Gottesdiensten des Wegs deutlich. Die meisten der rund 300 Lieder hat er selbst geschrieben. Sie sind antiphonal gestaltet – Solo- und Gemeindegesang wechseln sich also ab. Ein Liedheft braucht keiner. Und zum Danklied am Ende des Gottesdienstes stehen alle auf und tanzen im Kreis um den Altar. Man bekommt den Eindruck einer eng verbundenen Gemeinschaft – verliert man da die individuelle Freiheit? „Freiheit ist das Grundprinzip“, erklärt Andreas Cerny in Taucha. Seinen zwölf Kindern habe er allen nahegelegt, die erste Katechese, den ersten Abschnitt des Weges zu machen, der nur einige Woche dauert. Dazu lädt er auch alle anderen Menschen ein. Danach solle jeder selbst entscheiden, wie weit er den Weg gehen möchte. „Gott lässt uns frei entscheiden, wie wir ihm folgen“, sagt Cerny und betont: „Der Neokatechumale Weg ist für mich persönlich der richtige Weg. Aber es gibt auch andere gute Wege.“