Neues Gesetz für das deutsche Rotlichtmilieu

„Wer Sex kauft, macht sich zum Motor der Ausbeutung“

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Aufkleber auf Anzeigetafel an einem Bahnhof
Nachweis

Foto: imago/Arnulf Hettrich


Als Hauptgeschäftsführer des Osteuropa-Hilfwerks Renovabis ist der Wirtschaftsethiker Pfarrer Thomas Schwartz seit 2021 regelmäßig in Kontakt mit Organisationen, die prostituierte Frauen aus Osteuropa beraten. In der Diskussion um ein neues Gesetz für das deutsche Rotlichtmilieu ist er in den letzten Monaten zu einem glühenden Verfechter eines Sexkaufverbots geworden. Er befürwortet klar das sogenannte Nordische Modell.

Ist Prostitution immer mit Gewalt verbunden?

Ja, Prostitution ist in ihrem tiefsten Wesenskern institutionalisierte Gewalt. Wenn wir bei Renovabis auf die Biografien der Frauen blicken, die aus Osteuropa zu uns kommen, dann sehen wir keine „selbstbestimmten Unternehmerinnen“, sondern Menschen in existenziellen Ausnahmesituationen. Die viel zitierte „Freiwilligkeit“ ist in der Realität eine bittere Illusion. Sie ist meist nur die Wahl zwischen völliger Perspektivlosigkeit und der totalen körperlichen Preisgabe. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle ist der Eintritt in dieses Milieu keine positive Lebensentscheidung, sondern eine Flucht mangels Alternativen. Dies gilt auch für Frauen deutscher Herkunft in der Prostitution. Es werden eindeutig Zwangslagen ausgenutzt und Frauen mit falschen Versprechen gelockt.
Die psychischen Verheerungen, die diese Frauen erleben, sind mit den Traumata von Folteropfern oder Soldaten in Kriegsgebieten vergleichbar. Ein zentrales Phänomen ist die Dissoziation – eine mentale Flucht aus dem eigenen Körper, um die Grenzüberschreitungen überhaupt zu ertragen. Das ist kein „Job“, das ist ein Überlebenskampf auf Kosten der eigenen Seele.
Prostitution ist eine Industrie, die den Schmerz der einen zur Lust der anderen und zum Profit Dritter macht. Als Christ kann ich dazu nicht schweigen, denn die Gottebenbildlichkeit eines Menschen ist unteilbar. Sie kann nicht für 30 Euro pro Viertelstunde an der Garderobe eines Bordells abgegeben werden.

Wenn es so ist – muss es in Deutschland ein Umdenken geben?

Absolut. Wir müssen endlich den Mut aufbringen, das deutsche Modell als das zu benennen, was es ist: ein menschenrechtlicher Offenbarungseid. Seit 2002 haben wir Deutschland zum „Bordell Europas“ gemacht und damit einen liberalisierten Markt geschaffen, der wie ein gewaltiger Staubsauger die Armut aus Osteuropa ansaugt. Wir wollten die Frauen schützen, doch wir haben stattdessen die Infrastruktur für Menschenhändler perfektioniert. In riesigen Bordellkomplexen, die eher an Fabriken zur Fleischverarbeitung erinnern als an Orte menschlicher Begegnung, wird die Ware Mensch einer gnadenlosen Marktlogik unterworfen. Das ist die eine Seite der Realität. Die andere, zunehmende Seite ist das Anpreisen der Ware Frau im Internet und die Prostitution in irgendeiner Wohnung. Dieses Feld ist kaum kontrollierbar.
Dieses System vergiftet unser gesellschaftliches Klima. Wenn der Staat den Kauf von Sex als gewöhnliche Dienstleistung einstuft, sendet er ein verheerendes Signal an jede neue Generation von Männern. Er suggeriert, dass weibliche Körper eine käufliche Ressource sind. Das konterkariert jede ernsthafte Bemühung um Gleichberechtigung und Respekt. Wir brauchen keine „Reparatur“ eines gescheiterten Gesetzes, sondern eine zivilisatorische Kehrtwende.
Die Ausbeutung von Notlagen darf kein staatlich geschütztes Geschäftsmodell sein. Dieses System muss überwunden werden, um der Würde der Frauen willen.

Porträtbild von Pfarrer Thomas Schwartz
Pfarrer Thomas Schwartz
Foto: Renovabis/Michael Kunze

Ist für ein solches Umdenken ein neues Gesetz erforderlich?

Nicht nur erforderlich, es ist eine moralische und verfassungsrechtliche Pflicht. Die bisherige „Reparaturmentalität“ der Politik ist kläglich gescheitert. Das Prostituiertenschutzgesetz von 2017 hat seinen Namen nicht verdient. Es hat lediglich bürokratische Hürden errichtet, die die Frauen weiter stigmatisieren, während die Profiteure im Hintergrund lachend ihre Gewinne zählen. Wir benötigen ein umfassendes Gleichstellungs- und Ausstiegsförderungsgesetz, das die Menschenwürde gemäß Artikel 1 unseres Grundgesetzes endlich wieder über die vermeintliche Berufsfreiheit der Bordellbetreiber stellt.
Ein solches Gesetz muss drei Dinge leisten: Es muss die Frauen vollständig entkriminalisieren, die Käufer zur Verantwortung ziehen und einen echten, einklagbaren Rechtsanspruch auf Ausstiegshilfe schaffen. Wir brauchen spezialisierte Traumatherapie, sicheren Wohnraum und berufliche Perspektiven, die nicht an ausländerrechtliche Schikanen geknüpft sind. Kein Mensch darf in Deutschland käuflich sein.
Eine neue Rechtsordnung sollte nicht mehr den Komfort der Freier schützen, sondern die Integrität der Schwächsten.

Ist das der Grund, warum Sie das Nordische Modell befürworten, das Strafen für Sexkäufer vorsieht?

Ja, ohne Wenn und Aber. Denn es ist das einzige Modell, das die Ursache des Elends bekämpft: die Nachfrage. Ohne Käufer gäbe es keinen Markt für Menschenhandel. Es ist eine absurde Schieflage, dass wir oft den Fokus auf die Frauen im Milieu legen, während der Käufer als „normaler Kunde“ in der Anonymität verschwindet. Wer Sex kauft, erkauft sich in Wahrheit die Illusion von Macht und die Abwesenheit von emotionaler Gegenseitigkeit. Er macht sich zum Motor einer Industrie der Ausbeutung.
In Ländern wie Schweden oder Frankreich sehen wir, dass das Nordische Modell die gesellschaftliche Einstellung nachhaltig verändert. Besonders bei jungen Männern gilt der Sexkauf dort nicht mehr als Kavaliersdelikt oder „männlicher Initiationsritus“. Es ist ein Schutzschild gegen kriminelle Banden, für die Deutschland aktuell ein Eldorado ist, weil sie ihre Opfer hinter legalen Lizenzen verstecken können.
Dieses Modell bricht die Logik der Ausbeutung und befördert eine Vision von Männlichkeit, die auf Respekt statt auf Dominanz gründet. Es ist die konsequente politische Umsetzung der christlichen Nächstenliebe: Den Schwachen helfen und den Mächtigen, die das Leid verursachen, Einhalt gebieten.

Geneviève Hesse