Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu im Gespräch

„Es ist ein Geschenk, glauben zu können“

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Politiker im Gespräch
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Foto: Bistum Görlitz/Pawel Sosnowski

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Octavian Ursu (Zweiter von links) beim Neujahrsempfang des Bistums Görlitz.

Im Mai wurde Octavian Ursu als Oberbürgermeister von Görlitz wiedergewählt. Im Interview spricht der orthodoxe Christ über seinen persönlichen Glauben und die Bedeutung der Kirchen in der Neißestadt.

Herr Ursu, am Pfingstmontag luden katholische und evangelische Kirche zu einer Andacht in die Kathedrale ein. Wenige Tage zuvor war in der Innenstadt ein Haus eingestürzt, drei Menschen waren gestorben. Welche Bedeutung haben Kirchen in dieser Situation in einer Stadt, in der nur jeder Vierte Kirchenmitglied ist?

Es war wichtig, nach diesen dramatischen Tagen miteinander zur Ruhe zu kommen. Man hat gemerkt, dass es gut ist, dass die Kirchen da sind, sich beteiligen und Brücken schlagen. Das haben viele so wahrgenommen – und nicht alle von ihnen waren Kirchgänger.

Auch Sie waren da, in einer sicher schwierigen Situation: Wenige Tage zuvor die Tragödie, wenige Tage später der zweite Wahlgang um das Oberbürgermeisteramt. Wie haben Sie die Andacht erlebt?

Für mich ist es ein Geschenk, glauben zu können und zu dürfen. Das ist nicht jedem gegeben. Dieser innere Halt hilft mir gerade in solchen Situationen sehr. Mir hat das zusätzlich Kraft gegeben. Dafür bin ich sehr dankbar.

Den angesprochenen Wahlgang haben Sie wie 2019 gegen AfD-Kandidat Sebastian Wippel gewonnen. Seine Partei stellt im Stadtrat aber die größte Fraktion. Wie gehen Sie mit der AfD in der Stadtpolitik um?

Ich spreche mit allen und behandle alle im Stadtrat gleich, weil man respektieren muss, wer gewählt wurde. Das heißt nicht, dass man die gleiche Meinung hat. Aber wir sollten miteinander reden, weil wir hier im Stadtrat nicht über die große Politik, sondern über ganz konkrete Dinge, wie die Sanierung von Schulen und Straßen, sprechen.

Auch die Kirchen ringen um den Umgang mit der AfD, schließen Parteifunktionäre in der Regel von Gremien aus. Ist das der richtige Umgang?

Das hat sicherlich mit den christlichen Werten zu tun. Die Diskussion, wo die Schranken einer Zusammenarbeit sind, gibt es bei uns in der CDU ja auch. Es gibt AfD-Mitglieder, die nicht im Einklang mit den christlichen Werten und dem christlichen Menschenbild stehen. Deswegen kann ich das nachvollziehen.

Nehmen Sie die Gesellschaft in der Region als so gespalten wahr, wie von außen oft attestiert wird?

Ich glaube, da wird viel herbei geredet. Ich nehme das in den Bürgersprechstunden nicht so wahr. Die Menschen beschäftigen sich mit ganz konkreten Dingen und erwarten Lösungen. Auch wenn viele Themen mit unserer Stadtgesellschaft nichts zu tun haben, sollte man sich persönlich austauschen. Diese Gesprächskultur hat in den letzten Jahren abgenommen, auch durch die Sozialen Netzwerke, in denen anonym kommuniziert wird.

Eine starke AfD wird oft mit einer großen Unzufriedenheit der Bevölkerung erklärt, verursacht aber gleichzeitig bei vielen auch Sorge und Angst. Welche Rolle können Kirchen in dieser Situation spielen?

Es ist wichtig, dass die Kirchen immer wieder an die christlichen Werte erinnern, die im Grundgesetz verankert sind. Die Kirche muss nicht politisieren, aber sie muss immer wieder fragen: Was macht uns als christliche Gesellschaft aus und warum haben wir uns so entwickelt?
Die Kirche hat im Kleinen die Zusammensetzung, wie die Bevölkerung im Großen. Eine moderierende Kirche ist wichtig, weil auch in Gemeinden Menschen mit unterschiedlichen politischen Meinungen sitzen. Man kann dort auf einer anderen Ebene sprechen.

In welchen Situationen waren die Kirchen in Ihren bisherigen sieben Jahren als Oberbürgermeister besonders wichtig?

Man merkt jeden Tag, wie viele Menschen sich in der Kirche und in sozialen Einrichtungen engagieren. Deswegen begleiten uns die Kirchen hier permanent in unserer Arbeit. Das sollten wir öfter erwähnen. Sehr dankbar bin ich für unsere gemeinsamen Gedenkveranstaltungen, zum Beispiel am Volkstrauertag oder beim jährlichen ökumenischen Gedenken zum 9. November. Danach gehen wir zusammen mit Kerzen Richtung Synagoge. Das ist ein ganz besonderer Moment.

Den Kirchen schwinden finanzielle und personelle Ressourcen. Wie kann die Stadt Görlitz da unterstützen?

Wir sind im permanenten Austausch, zum Beispiel über Bauten, Sanierungsmöglichkeiten und Fördermittel. Wir begleiten auch verschiedene Baumaßnahmen. Die Kirchen spielen ja auch touristisch eine große Rolle, zum Beispiel der Kreuzweg bei der Karfreitagsprozession oder die Kathedrale als Bischofskirche.

Als Politiker sind Sie es gewohnt, Kompromisse zu finden. Privat leben Sie in einer gemischt konfessionellen Familie: Sie sind orthodox, Ihre Frau und Ihre Töchter katholisch. Müssen sie da interkonfessionelle Kompromisse finden?

(lacht) Eigentlich überhaupt nicht. Uns verbinden die christlichen Grundsätze. Darüber hinaus gibt es feine Unterschiede zwischen den Konfessionen, aber das läuft sehr harmonisch.

Was schätzen Sie an den verschiedenen christlichen Konfessionen persönlich besonders?

In der katholischen Kirche schätze ich die besondere Feierlichkeit der Messe. Die evangelische Kirche pflegt in unserer Stadt viele musikalische Veranstaltungen. In der orthodoxen Kirche sind die alten Traditionen für mich wichtig. Ich finde es unheimlich spannend, die Konfessionen näher kennenzulernen. Aber wir dürfen den roten Faden des christlichen Glaubens nicht vergessen, der alle Konfessionen durchzieht und sie verbindet.

Sie sind für weitere sieben Jahre als Stadtoberhaupt gewählt. Wie viel Christ steckt denn im Oberbürgermeister Ursu?

Ich bin christlich aufgewachsen und das trägt mich durchs Leben. Der Glaube ist für mich wie eine Richtschnur, die mir Stabilität und Sicherheit gibt. Ich lege Wert auf Empathie und die menschliche Seite im Umgang mit Menschen und bei Entscheidungen. Ich überlege immer: Was denkt der andere über diese Situation und wie kann ich das berücksichtigen?
Eine ganz konkrete Rolle spielt das, wenn wir über Themen sprechen, die mit Familien und dem sozialen Bereich zu tun haben. Da möchte ich mich nicht nur mit Zahlen, sondern auch mit der Perspektive der Menschen beschäftigen.

Michael Burkner

Zur Person

Octavian Ursu wurde 1967 in Rumänien geboren und kam 1990 als Berufstrompeter nach Görlitz. 2009 trat er in die CDU ein und wurde im selben Jahr Stadtrat. Seit 2019 ist Ursu Oberbürgermeister von Görlitz.