Kirchenimmobilien in Berlin
Koordiniert zusammenwachsen
Foto: Michael Burkner
Frederic Jage-Bowler vernetzt in Berlin Gemeinden, die Räume vermieten möchten, mit Gemeinden auf Raumsuche.
Das Erzbistum Berlin besitzt zu viel von etwas, was in der Bundeshauptstadt eigentlich rar ist: Immobilien. Während die Diözese ihren Gebäudebestand in den nächsten Jahren deutlich reduzieren möchte und für ihre Immobilien sinnvolle Nutzungsmöglichkeiten sucht, fällt es kleinen Glaubensgemeinschaften immer schwerer, bezahlbare Räume zu mieten. Die Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt sieht dadurch die Gefahr, dass kirchliche Einrichtungen aus den Stadtteilen verschwinden könnten. Deshalb hat sie eine Koordinierungsstelle geschaffen, die die Vernetzung zwischen raumsuchenden und raumgebenden Gemeinden unterstützen soll.
Die konkrete Umsetzung dieser Koordination liegt nun auf einem Schreibtisch eines Charlottenburger Büros, in dem der Magnesitboden glänzt und die Stufen hinter der Eingangstür knarzen. Hier ist der Ökumenische Rat Berlin-Brandenburg (ÖRBB) zu Hause und hier arbeitet seit Herbst Frederic Jage-Bowler. Der 31-jährige Soziologe, selbst in der anglikanischen Kirche sozialisiert, möchte in der Immobiliendebatte vor allem die religiöse Perspektive vertreten. Denn aktuell gehe es vornehmlich um Architektur, Denkmalschutz und Stadtplanung.
Jage-Bowler ist dabei einerseits mit Raumgebern, meist katholische und evangelische Gemeinden, und andererseits mit Religionsgemeinschaften auf Raumsuche in Kontakt. Dies seien vor allem muttersprachliche und orthodoxe Gemeinden und andere kleine Konfessionen. „Ich berate bei Raumfragen und erarbeite verschiedene Optionen“, erklärt er. Er wolle einen transparenten und verbindlichen Prozess etablieren und dabei trotzdem die individuelle Situation im Blick behalten. Mal gehe es um Zwischenlösungen, mal um langfristige Mietverhältnisse. Mal würden Gottesdiensträume, mal Büro- und Gemeinschaftsräume gesucht.
Bei den raumbietenden Gemeinden beobachtet Jage-Bowler eine große Offenheit – ein „caritatives Mindset“, wie er es nennt: „Viele Gemeinden, die Räume suchen, sind Migrationsgemeinden. Das öffnet sofort Tore und die Leute sind schnell bereit, zu helfen.“ Wirtschaftliche Aspekte – also das „ökonomische Mindset“ – spielten im ersten Moment eine untergeordnete Rolle. Für Katholiken seien Struktur und Zugehörigkeit der anfragenden Gemeinde relevanter, evangelische Gemeinden würden eher auf Glaubens- und Predigtinhalte achten.
Für die Zusammenarbeit der verschiedenen Gemeinden empfiehlt Jage-Bowler Strukturen, bei denen praktische und theologische Aspekte getrennt gehandhabt und auf mehreren Schultern verteilt werden. Für praktische Fragen sollten beide Gemeinden feste Ansprechpersonen haben. Das Theologische und Ökumenische könne eine „Brückenperson“ in der Gastgebergemeinde, die sich für die Gastgemeinde besonders interessiert, im Blick behalten. Alle Beteiligten sollten für ein gutes Zusammenleben nicht zu schnell in zu viel Aktionismus verfallen, findet Jage-Bowler: „Irgendwann sind gemeinsame Gottesdienste, Gemeindefeste oder Kinder- und Jugendarbeit möglich, und man kann an manchen Stellen zu einer Gemeinde zusammenwachsen. Aber das sollte zunächst nicht Priorität sein.“