Pfadfinder im Bistum Erfurt

„Die Gemeinschaft begeistert mich am meisten. Immer noch.“

Image
eine Pfadfinderin zeigt den Pfadfindergruß
Nachweis

Foto: Julia Reinard

Caption

Dorothea Schümann zeigt den Pfadfindergruß, der eine Bedeutung hat. Die drei ausgestreckten Finger stehen für Verantwortung gegenüber sich selbst, dem nächsten sowie Gott beziehungsweise der Gesellschaft. Außerdem liegt der Daumen über dem kleinen Finger und soll zeigen: Der Große beschützt den Kleinen.

Dorothea Schümann ist Diözesanvorsitzende der Pfadfinder im Bistum Erfurt und tritt zur nächsten Wahl nicht wieder an. Ist sie zu alt für die Pfadfinder? Und für wen eignet sich der Verband heute noch?

Beigefarbenes Hemd mit Aufnähern, ein blass rosafarbenes Tuch locker um den Hals gebunden. Dank dieser Kluft erkenne ich Dorothea Schümann sofort. Sie ist Teil des dreiköpfigen Vorstandsteams des Diözesanverbandes Erfurt der Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg. Wir sind in Erfurt verabredet und gehen von der Straßenbahnhaltestelle 20 Minuten zur Georgsburg. Das ist ein großes Holzhaus aus den 1930er Jahren mit Plumpsklo, ohne fließend Wasser. Das Haus gehört zum Erfurter Pfadfinderstamm St. Elisabeth.

Wie sind Sie zu den Pfadfindern gekommen, Frau Schümann?

Als ich 14 Jahre alt war, wollte ich unbedingt zu den Pfadfindern. Der Stamm St. Elisabeth war 2007 neu aufgemacht worden. Sie waren mit einer Wölflingsgruppe gestartet, die dann in die nächste Stufe kam. Allerdings war mein Bruder in der Stufe und ich wollte nicht mit ihm zusammen in eine Gruppe. Da eine Freundin auch mitmachen wollte und der Leiter noch eine Anfrage von außerhalb hatte, konnten wir eine neue Pfadfinder-Gruppe eröffnen.

In welcher Gruppe sind Sie jetzt?

Für mein Alter gibt es keine Gruppe mehr. Wir starten mit den Wölflingen für die Sechsjährigen, anschließend kommen die Jungpfadfinder, die Pfadfinder und schließlich die Rover. Die letzte Pfadistufe endet, wenn man 20 Jahre alt ist. Mit 21 Jahren sollte man dann eine Gruppe leiten – oder aufhören.

Dann muss ich anders herum fragen: Wann ist man denn zu alt für die Pfadfinder?

So lange man auf einer Isomatte schlafen kann, ist man noch nicht zu alt, finde ich. Aber die Meinungen gehen da auseinander. Wenn man älter ist, übernimmt man andere Aufgaben. Man ist dann Helfer in der Lagerküche. Oder bringt als Materialwart jede Menge Wasserkanister hier hinauf.

Oder man leitet den Diözsanverband…

Genau. Da hat man auch andere Aufgaben. Wir – das sind Franz Klingebiel, Franziska Eckart-Hawlitzky und ich – organisieren alles rund um unseren Diözesanverband. Zum Beispiel das gemeinsame Ringlager unserer Stämme, bei dem im April 160 Pfadis aus Thüringen in Neudietendorf zusammenkamen. Wir koordinieren Anfragen und tauschen uns mit anderen Gruppen aus. Die Aufgabe passt gerade zu mir. Ich gebe sie allerdings im November ab.

Warum?

Bei den nächsten Vorstandswahlen werde ich nicht wieder antreten. Ich bin jetzt 31 Jahre alt und in meiner zweiten Amtszeit. Ich habe mich schon ertappt, dass ich Ideen abgebügelt habe mit der Begründung: „Das machen wir schon immer so.“ – Das ist nicht mein Anspruch. Junge Leute machen die Dinge anders und das ist gut so. Wir sind ein Kinder- und Jugendverband und das darf auch so bleiben.

Wie viele junge Pfadfinder gibt es denn in Thüringen?

Wir sind 350 Pfadfinder im Diözesanverband – relativ ausgeglichen zwischen Mädchen und Jungen. Sie verteilen sich bisher auf sechs Stämme in Erfurt, Jena, Heiligenstadt, Niederorschel, Uder und Weimar. Gerade eröffnen wir einen neuen Stamm in Dingelstädt.

Anfang des Jahres war die Missbrauchsstudie des DPSG (Deutsche Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg) in den Medien. Betrifft sie auch Thüringen?

Bei den Umfragen, die zur Studie stattfanden, haben wir festgestellt: Uns ist in Thüringen nichts bekannt. Trotzdem kann es sein, dass es in Thüringen Grenzverletzungen oder sogar Missbrauch gab. Die Studie wurde bewusst vom Bundesverband in Auftrag gegeben. Nun ist es wichtig, dass wir mit den Ergebnissen weiterarbeiten um den Verband zu einem sichereren Ort für alle zu machen.

Passt das Pfadfindersein denn überhaupt noch in unsere Zeit?

Auf jeden Fall. Wer zu uns kommt, der möchte Lagerfeuer machen, Stockbrot ins Feuer halten, durch den Wald rennen, Verstecken spielen im Busch – ich behaupte, damit aufzuwachsen, würde allen Kindern mit Lust darauf guttun.

War es bei Ihnen so?

Ja. Als ich zu den Pfadis kam, lief es in der Schule nicht so gut. Beim Pfadfinden wurde ich so angenommen, wie ich war. Das hat mich verändert und gestärkt. Und diese Gemeinschaft begeistert mich bis heute.

Was machen Sie denn hier, auf der Georgsburg, am liebsten?

Ich baue gern. Ich habe mit allen Gruppen, die ich geleitet habe, Schwedenstühle gebaut. Sie bestehen aus Latten und sind stabil. Lager bauen fand ich immer richtig cool. Ich arbeite auch gern mit Seilen und Knoten, habe beim Ringlager eine Riesenschaukel gebaut. Aber klar, ich staple auch Holz für das perfekte Lagerfeuer. Die Form der Pagode mag ich ganz gern. Bei der wird das Holz um je 90 Grad gedreht geschichtet. Oder die Tippi-Variante. Die läuft nach oben schön spitz zu. Das sieht aus, wie man sich ein echtes Lagerfeuer vorstellt. Dafür kann ich es gar nicht leiden, wenn Holz kreuz und quer aufgeschmissen wird. Da weiß ich immer schon: Das wird qualmen.

Und können Sie ein Feuer auch ohne Feuerzeug entzünden?

Mit Stock, Schnur und Brett habe ich es noch nicht hinbekommen. Dafür habe ich einfach zu wenig Geduld. Die Kunst ist allerdings, ein Feuer mit nur einem einzigen Streichholz anzuzünden. Das kann ich. Dafür habe ich auch immer einen Tampon einstecken, dessen Baumwolle ist nämlich der perfekte Anzünder.

Ein Kind lernt durch die Pfadfinder also, gut Lagerfeuer zu machen.

Es lernt noch viel mehr. Im Team arbeiten, aufeinander achten, sich für etwas einzusetzen oder eben bauen und Knoten machen. Es übernimmt auch zunehmend Verantwortung und das zieht sich dann durchs gesamte Leben. Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen, die bei den Pfadfindern waren, später überdurchschnittlich häufig ehrenamtlich tätig sind.

Julia Reinard