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Berufen als Alltagsmissionare

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Gemälde: Die Berufung der Apostel Petrus und Andreas
Nachweis

Foto: imago/Heritage Images

Unter der Überschrift „Schlüsselworte“ hat der Berliner Diakon Dirk Verheyen 27 seiner Predigten als Buch herausgegeben. Hier ein Auszug einer Bibelauslegung zum Thema Berufung.

Worin liegt unsere Kernaufgabe als Christen? Was ist letztendlich das Fundament für unseren Alltag als Jünger Christi? Wozu sind wir berufen? Zwei Begriffe oder Schlüsselworte stehen da im Mittelpunkt und sie sind eng miteinander verbunden: Berufung und Verkündigung. Sie begleiten die christliche Existenz seit der Urkirche. So rief Paulus den Urchristen zu: „Die Liebe Christi drängt mich“ und „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“
Fast ein Dutzend Jahrhunderte später soll der heilige Franziskus seine Zuhörer aufgefordert haben: „Predige das Evangelium jederzeit – wenn nötig, mit Worten.“ Und ganz am Anfang des letzten Jahrhunderts erklärte der Mönch und Eremit Charles de Foucauld: „Es gehört zu deiner Berufung, das Evangelium von den Dächern zu rufen, nicht durch dein Wort, sondern durch dein Leben.“

Gemälde: Die Berufung der Apostel Petrus und Andreas
Illustriert hat Dirk Verheyen sein Buch mit künstlerischen Darstellungen der jeweiligen Bibelstelle. Hier ein Bild von Duccio di Buoninsegna: Die Berufung der Apostel Petrus und Andreas. Das Gemälde hängt in der National Gallery of Art Washington und entstand Anfang des 14. Jahrhunderts.

Biblischer Bezug: Sie ließen ihren Vater im Boot zurück ...
Nachdem Johannes ausgeliefert worden war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!
Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihre Netze auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Und sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach.
Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her.
Sogleich rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach. (Markus 1, 14 – 20)

Verkünder der frohen Botschaft sollten Freude ausstrahlen

Die Berufung aller Christen zur aktiven Teilnahme an der Verkündigung der Frohen Botschaft in sämtlichen Bereichen des Lebens ist eine Idee, die zweifellos zu den entscheidenden Pfeilern unseres heutigen Kirchenverständnisses gehört. 
Papst Paul VI. deutete auf dieses Prinzip, als er – mit Blick auf das Zweite Vatikanische Konzil – Folgendes schrieb: „Die Welt von heute, die sowohl in Angst wie in Hoffnung auf der Suche ist, möge die Frohbotschaft nicht aus dem Munde trauriger und mutlos gemachter Verkünder hören, die keine Geduld haben und ängstlich sind, sondern von Dienern des Evangeliums, deren Leben voll Glut erstrahlt, die als erste die Freude Christi in sich aufgenommen haben.“ Und in unserer Zeit schließlich hat Papst Franziskus betont, dass wir alle als Kirche zu einem „neuen missionarischen Aufbruch“ berufen sind.
Hinter diesen verschiedenen Aussagen liegt eine ganz entscheidende Erkenntnis über unsere Berufung zur Verkündigung der Liebe Gottes und der Erlösung des Menschen: Es geht dabei oft weniger darum, was wir sagen, sondern, wie wir sind. 
Der wahre Jünger Jesu ist nicht unbedingt der brillante Rhetoriker oder die hochbegabte Autorin, sondern ein Mensch, der in Liebe und Dienst, in Demut und Vertrauen, mit Empathie und Hoffnung für andere da ist und dessen Leben somit „voller Glut erstrahlt“. Die Frohe Botschaft zu verkündigen gelingt nur, wenn wir sie auch in Freude leben. 

Berufung ist Durchbruch, aber auch zuweilen holpriger Weg

Wenn der Herr uns zu dieser Aufgabe der Verkündigung ruft, wie hören wir dann seine Stimme und wie antworten wir? Die gerufenen Jünger im heutigen Evangelium sind da ein großes Vorbild. Sie hören und antworten sofort – voll Vertrauen folgen sie Jesus nach. 
Sie sind einfache Leute, mitten im Alltag, so wie wir auch. In ihrer Verkündigungsaufgabe gewinnen ihre Fähigkeiten und Werkzeuge  – das Fischen und ihre Netze – eine radikal neue Relevanz und Bedeutung. Gilt das nicht auch für uns und für unsere von Gott gegebenen Fähigkeiten?
Nun fragen Sie sich vielleicht: die Stimme, den Ruf Christi hören – wie soll das gehen? Das ist doch gar nicht so einfach? Ich glaube, es ist hilfreich, sich den Begriff „Berufung“ sowohl als Durchbruch als auch als Prozess oder als Weg vorzustellen.
Manche Christen haben ihre Berufung als mehr oder weniger plötzliche, dramatische Umkehr oder Erleuchtung erfahren. Wir kennen ja prominente Beispiele: Paulus auf dem Weg nach Damaskus oder die kriegsverwundeten Franziskus von Assisi und Ignatius von Loyola im Krankenbett. Auch kleinere Umkehrerlebnisse können das Gefühl der Berufung stärken.
Es ist aber genauso wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass unsere christliche Berufung ein wohl fast lebenslanger, vom Heiligen Geist begleiteter Weg ist, ein Hineinwachsen in den Glauben, manchmal reibungslos, aber oft genug holprig und vielleicht sogar verunsichernd.

Berufung leben mit Risiken und schönen Nebenwirkungen

So gestaltete sich über die Jahre auch mein Weg zum Diakonat. Die Sakramente der Kirche markieren wichtige Stationen auf diesem Weg – Taufe, Erstkommunion und Firmung an vorderster Stelle.
Aber ist nicht schon unsere Teilnahme am kirchlichen Leben und an jeder Liturgie ein Ausdruck unserer christlichen Berufung? Spüren und würdigen wir das eigentlich ausreichend? Darüber hinaus ist auch oft unser Alltag ein Prozess der Berufung, wenn wir aufmerksam werden für die Ereignisse, Erlebnisse, Erfahrungen und Begegnungen, die uns Botschaften und Hinweise vermitteln? 
Gewiss, unsere Berufung zur Verkündigung der Frohen Botschaft ist eine besondere Herausforderung in einer so säkularen und oft sogar anti-christlichen Welt, aber war diese Aufgabe je einfach? 
Also lasst uns unsere Berufung als Alltagsmissionare mit Vertrauen und Freude auf uns nehmen, in unserer Gegenwart vielleicht mit Risiken, aber auch mit unerwartet schönen Nebenwirkungen 
Und möge dieses Gebet uns dabei begleiten: 

„Gott des Aufbruchs: wenn du mich berufst, lass mich bereit sein. Gib mir die Kraft, auf deinen Spuren zu gehen. Segne mich auf meinem Weg. Gib mir die Bereitschaft, unwichtige Dinge zurückzulassen und Neues zu wagen. Gib mir den Mut, im Geist der Hoffnung weiterzugehen; Tag für Tag, Schritt für Schritt. Amen“

Dirk Verheyen: Schlüsselworte; Edition Winterwork Borsdorf 2023; ISBN 978-3-98913-029-6; 195 Seiten; Preis: 12,90
Ein Teil des Verkaufserlöses kommt der Pfarrei St. Nikolaus in Velipoje, Albanien, zugute (Partnerpfarrei von Maria Rosenkranzkönigin, Berlin)